Nackte Tatsachen

Datingshows sind der große Renner im TV-Programm. Ihre Popularität reißt nicht ab und die Fantasie der Macher treibt immer neue Blüten. Nachdem Single-Frauen und -Männer bereits auf alle erdenklichen Arten um mögliche Partner vor laufenden Kameras geworben und sich rudelweise gut gekleidet um deren Gunst gestritten haben, lässt man bei RTL jetzt neuerdings die Hüllen fallen. Bei Adam sucht Eva – Gestrandet im Paradies (Link zur Beschreibung der Sendung auf rtl.de) wird ab sofort nackt gedatet, und die Presse springt voll darauf an. Zu kaum einer anderen Show habe ich in letzter Zeit mehr Meldungen in den sozialen Netzwerken gesehen. Dabei frage ich mich ernsthaft, warum das Interesse an nackten Tatsachen nach wie vor derart groß ist. Schaut man sich in den Innenstädten mit ihren großen Plakatwänden um, oder blättert durch diverse Modemagazine, wird auf vielen Anzeigen ohnehin fast nur noch das Nötigste bedeckt. Unbekleidete Menschen sollten daher keine derart ausufernden Reaktionen in der Öffentlichkeit mehr hervorrufen.

So freizügig und abgebrüht wie man sich in Deutschland gerne gibt, sind die meisten Menschen letzten Endes aber leider doch nicht. Im Heimatland der Freikörperkultur, in dem man nur zu gerne über die Bewohner Amerikas lächelt, wenn sie sich à la Nipplegate (Link zu Wikipedia) wieder einmal an einer entblößten Brust stören, ist man bei einem Thema geistig doch nicht wesentlich fortschrittlicher: dem Stillen in der Öffentlichkeit. Einen wunderbaren Beitrag, der die Brisanz des Themas auf satirische Weise behandelt, schrieb Bunmi Laditan jüngst auf huffingtonpost.de (Link zum Artikel).

Als frischgebackene Mutter kann ich angesichts der Tatsache, dass stillende Frauen in Cafés, Restaurants, in Parks oder in Einkaufszentren noch immer von vielen Vorbeigehenden seltsam von der Seite angesehen werden, nur den Kopf schütteln. Erstaunlicherweise wurde ich sogar im mit Frauen gefüllten Wartezimmer meiner Gynäkologin von einigen davon beim Stillen skeptisch betrachtet. Es ist doch nicht so, dass Mütter, die ihre Kinder auf diese Weise ernähren, exhibitionistisch und zum Ziel der Provokation bei jeder sich bietenden Gelegenheit fröhlich ihre Brüste entblößen. Frauen sollte es selbst überlassen sein, wie sie ihr Baby füttern – ganz davon abgesehen, dass es aufgrund von körperlichen Gegebenheiten nicht für jede eine Selbstverständlichkeit ist, überhaupt stillen zu können. Zu allem Überfluss ist es nicht nur in anderen Ländern, sondern auch in Deutschland möglich, dass Geschäftsinhaber von ihrem Hausrecht gebrauch machen und das Stillen in ihren Räumlichkeiten untersagen. Vorkommen soll dies erschreckenderweise noch immer des Öfteren.

Warum also gibt es kein Recht darauf, zu stillen wo man möchte? Viele Geschäfte gehen glücklicherweise bereits mit gutem Beispiel voran und bieten sehr schöne und gut ausgestattete Wickel- und Stillgelegenheiten an. Zum Austausch zwischen Müttern dazu, wo sich diese genau befinden, gibt es entsprechende Apps, wie BabyPlaces (Link zur Homepage). In meinen Augen wäre es dennoch zu begrüßen, wenn man die Querulanten per Gesetz ins Gebet nähme und sich nicht alleine auf die Netzgemeinde verließe. Denn wenn niemand mehr etwas dagegen sagen dürfte, wäre dies dem Sich-Einstellen einer Normalität bei diesem Thema sehr zuträglich. Wie schön wäre es, würden stillende Frauen grundsätzlich so beachtet werden, wie früher an der Universität der stadtbekannte Exhibitionist, der auf der Suche nach Aufmerksamkeit hin und wieder splitternackt durch das Audimax flitzte: nämlich gar nicht. Außerdem: Wer sich auf RTL Nackte beim unbeholfenen Anbandeln ansieht, der sollte nichts gegen eine möglicherweise kurz an der frischen Luft aufblitzende Brust haben, die zuerst ratzfatz hinter einem kleinen Köpfchen und danach wieder im BH verschwindet.

Ich persönlich möchte es jedenfalls nicht erleben müssen, aus einem Restaurant geworfen zu werden, nur weil ich meinem hungrigen Sohn seine Mahlzeit nicht verwehren will. Am liebsten stille ich in den eigenen vier Wänden. Das versteht sich von selbst. Allerdings möchte ich – gemeinsam mit meinem Baby – zugleich am öffentlichen Leben teilnehmen können, und zwar ohne mir Gedanken darüber machen zu müssen, was passieren könnte, wenn den Nachwuchs auf einem Ausflug unerwartet Heißhunger überkommt.

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