Archiv für den Monat Januar 2013

Back in Time and Back to Crime

Das erste Mal, als ich Szenen aus Gangster Squad sah, saß ich in einem Kinosaal mitten in Hollywood. Das war sicher einer der Gründe, warum mich der Trailer sofort derart begeisterte. Außerdem mag ich Gangster- und Actionfilme und mir gefiel der Ansatz des Films, das Film-noir-Genre in moderner Form wiederzubeleben. Mein erster Gedanke: Harte Typen, harte Action, tolle Klamotten – das muss ich sehen!

Ein gutes halbes Jahr und weitere Trailersichtungen später, war die Spannung entsprechend groß, als ich den Kinosaal betrat, um mir den Film endlich anzusehen. Nachdem mich Django Unchained leider nicht so sehr begeistern konnte, wie ich es aufgrund des Ausmaßes meiner Vorfreude gerne gehabt hätte, schwangen einige Bedenken mit. Diese konnten in den ersten 15 Minuten von Gangster Squad aber bereits eliminiert werden. Dieser Film hielt auf ganzer Linie, was er versprach. Ich verließ das Kino mit einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen.

Gangster Squad spielt in den 1940er Jahren in  Los Angeles. Der Gangsterboss Mickey Cohen (Sean Penn) hat große Pläne. Unaufhaltsam und gnadenlos schwingt sich der ehemalige Boxer zum alleinigen Herrscher über die Unterwelt von L.A. auf. Wer sich ihm entgegenstellt, wird brutal aus dem Weg geräumt. Längst hat er in allen wichtigen Gremien der Stadt Leute gekauft und auch die große Mehrheit der Polizei traut sich nicht mehr, seinen üblen Machenschaften etwas entgegenzusetzen. Der Einfluss von Chief Bill Parker (Nick Nolte) scheint ausgehebelt. Allerdings will der nicht länger zusehen, wie die Stadt langsam aber sicher komplett in die Hände von Mickey Cohen fällt. Schließlich is es seine Aufgabe als Polizeichef die Stadt der Engel und ihre Bürger vor dem Verbrechen zu schützen. Deshalb beauftragt er seinen loyalsten Mann, Sergeant John O’Mara, eine geheime und schlagfertige Truppe, das „Gangster Squad“, zusammenzustellen und Jagd auf den Unterweltboss zu machen. Allerdings würde es zu nichts führen, Cohen einfach zu töten. Es gilt, ihm systematisch das Handwerk zu legen und sein ausgeklügeltes System der Macht und des Schreckens zu zerstören.

Die Story von Gangster Squad bietet in ihrem Verlauf absolut keine Überraschungen. Das muss ich zugeben. Alles tritt genau so ein, wie man es erwartet. Ich persönlich habe das rückblickend in diesem Fall während des gesamten Films nicht als negativ empfunden – ganz im Gegenteil. Bot mir Tarantinos Django überhaupt nicht das, was ich erwartete, traf das Gangster Squad zielsicher ins Schwarze.

Ruben Fleischer dürfte den meisten Kinozuschauern zum ersten Mal mit seiner Zombiekomödie Zombieland aufgefallen sein. Gangster Squad ist sein nächster, großer Film. Geschickt und alles andere als zimperlich setzt Fleischer mit seinem Team den Krieg der Polizeitruppe gegen Cohen in Szene. Er vertraut dabei auf makellose und detailreiche Kulissen, die glatt dem Videospiel L.A. Noir (Link zu Wikipedia) entsprungen sein könnten, verschiedene Sepiafilter und für den Film noir typische Kameraeinstellungen. Kombiniert mit den opulenten Kostümen der Akteure fühlt man sich augenblicklich zurückversetzt, in die Zeit, als Männer noch Hüte trugen und als über Hollywood noch mehr als 9 Buchstaben prangten. Der abwechselnd swingende und die Dramaturgie an der richtigen Stelle einfangende Soundtrack von Steve Jablonski, der sein Gefühl für Action schon eindrucksvoll in den bisherigen drei Transformers-Filmen bewiesen hat, tut ein Übriges um dieses Gefühl zu verstärken. So muss ein echter Gangsterfilm aussehen!

Randbemerkung:
Die Mode der 1940er bis 1960er Jahre finde ich sehr schick und ich plädiere an dieser Stelle für eine Rückkehr der Hüte. Ich sollte auch öfter Hut tragen.

Die Auswahl der Schauspieler ist bis in die Nebenrollen erstklassig und hochkarätig. Hier wirkt nichts gewollt. Alles ist gekonnt. Josh Brolin hat bereits in Men in Black 3 bewiesen, dass er für Zeitreisen in die Vergangenheit der richtige Mann ist und in No Country for Old Men wurde deutlich, dass er bei harten Typen in bester Gesellschaft ist. Die Rolle des coolen und zielstrebigen Kämpfers für Recht und Ordnung ist ihm wie auf den Leib geschneidert. Ryan Gosling spielt die Rolle als galanter aber nicht minder draufgängerischer Sergeant Jerry Wooters, der sich Hals über Kopf in die schöne Grace verliebt, die ausgerechnet die Freundin von Mickey Cohen ist, routiniert. Er macht seine Sache wirklich gut, in ihm steckt aber mehr, wie man bei Drive und The Ides of March sehen konnte. Emma Stone wirkt als Grace Faraday ein bisschen zu sehr wie ein Abklatsch von Christina Hendricks als Joan Harris aus Mad Men, auch wenn Mad Men 20 Jahre später spielt. Robert Patrick brilliert als schrulliger „Westernheld“ Max Kennard, an dem sich Tarantinos Django ein Beispiel nehmen könnte, Giovanni Ribisi überzeugt als Tüftler und Techniker und Sean Penn macht sein Part als Oberbösewicht sichtlich Spaß. Die Rolle als Mickey Cohen dürfte ihn als Schauspieler nicht besonders gefordert haben. Er beherrscht seine Kunst einfach meisterlich. Seine vielen Preise wurden ihm verdientermaßen verliehen. (Links in diesem Absatz zu IMDB)

Gangster Squad lässt so gut wie kein Klischee des klassischen Gangsterfilms aus und könnte sogar als zeitversetzter Western durchgehen. Von markigen Sprüchen, über coole Posen beim Schießen, bis zum großen, finalen Shootout zwischen Gut und Böse ist alles dabei. Das ist vielleicht nicht besonders einfallsreich, aber es ist rundum gut gemacht und es ist definitiv unterhaltsam.

Wie sagt man noch gleich? Geduld zahlt sich aus. Ich musste mich in dem Fall nur eine Woche gedulden, bis ich wieder einen Film sehen konnte, der meine Erwartungen voll erfüllte. Alle, die schon einmal in Los Angeles waren, L.A. Noir gespielt haben und/oder mal wieder Lust auf einen echten Gangsterfilm haben, sollten sich Gangster Squad auf jeden Fall ansehen. Hier wird nicht lange gefackelt, hier wird scharf geschossen – und das auch noch gut angezogen.

Gesprengte Ketten

Es gibt Filme, auf die freue ich mich ab dem Zeitpunkt, an dem ich erfahre, dass sie in Entstehung sind. Django Unchained war einer dieser Filme. Seit ich das erste Mal las, dass sich Quentin Tarantino für sein nächstes Werk auf Wildwest-Terrain begeben will, war ich mehr als gespannt auf das Ergebnis.

Schon seit meiner Kindheit bin ich ein großer Western-Fan. Ich erinnere mich immer wieder gerne daran, wie ich am Wochenende mit meinem Vater zusammen auf dem Sofa gesessen und mir die großen Leinwandabenteuer von Cowboys und Outlaws mit rauchenden Colts im Fernsehen oder auf Video angesehen habe. Für Karl Mays Winnetou konnte ich mich nie so richtig erwärmen – weder als Buch noch als Film – obwohl ich mich redlich bemühte. Zu langatmig waren mir seine Geschichten. Die großen Italowestern schätzte ich dagegen sehr. Charles Bronson, Clint Eastwood und Franco Nero sind für mich Inbegriffe für Westernhelden – cool und immer mit dem Finger am Abzug. Regisseure wie Sergio Leone und Sergio Corbucci haben Filmklassiker geschaffen, an denen sich neue Westernfilme auch heute noch messen lassen müssen.

Bestimmt ist es meiner Leidenschaft für Spaghetti-Western zu verdanken, dass ich das Videospiel Red Dead Redemption nicht einfach nur durchgespielt, sondern wochenlang regelrecht zelebriert habe. Mit John Marston ritt ich stundenlang durch die Ödnis, jagte Banditen und sorgte für Gerechtigkeit im Wilden Westen. Dabei wurden all die Klischees aus den Filmen bedient, die das Herz von Westernfans höher schlagen lassen. Auch Stephen Kings Revolvermann Roland habe ich nach dem ersten Band des Dunklen-Turm-Zyklus, der mehr Western als Fantasy ist, sofort in mein Hez geschlossen, gab der Autor doch auch zu, dass ihn bei der Erschaffung von Roland im Hinterkopf der Gedanke an Clint Eastwood als Cowboy begleitete.

Nun war es also Quentin Tarantino, der sich daran wagte, dem Westerngenre neues Leben einzuhauchen. Ich schätze die Arbeit von Quentin Tarantino sehr. Der Hollywood-Rebell, der sich ohne spezielle Ausbildung ans Filmemachen wagte, hat schon einige gute Filme gedreht. Die Unterstützung von vielen renommierten Schauspielern ist ihm dabei stets sicher.

Der Name „Django Unchained“ weckte in mir sofort einige Erwartungen, sowohl an die Story, als auch an deren Umsetzung. Denke ich an Django, habe ich sofort Franco Nero im Staubmantel vor Augen, wie er auf Rache sinnend durch den Westen zieht und dabei einen Sarg und eine Spur der Verwüstung hinter sich herzieht – wortkarg, cool, kompromisslos. Italowestern at its best. Vom neuen Django-Film erwartete ich deshalb eine Hommage an den Spaghetti-Western, die, wie schon Red Dead Redemption, gewisse Klischees bedient.

Wahrscheinlich waren es meine Erwartungen, die mich am Ende des Films doch ziemlich enttäuscht aus dem Kino gehen ließen. Das letzte Mal, als ich ein solches Gefühl verspürte, war nach The Dark Knight Rises, an den ich ebenfalls sehr hohe Erwartungen hatte, die aber mitnichten erfüllt werden konnten. Wie ich letztes Jahr dachte „Das ist nicht Bane!“, so dachte ich nach Django Unchained im ersten Moment nur „Das ist nicht Django!“.

Django Unchained ist kein schlechter Film. Nein. Auf keinen Fall! Quentin Tarantino beherrscht sein Handwerk als Drehbuchautor und auch als Regisseur. Er liefert die Bilder in genau dem Stil ab, den man von ihm erwartet und den seine Fans so schätzen. Auch gibt es in Django Unchained wieder massenhaft lange, ausgefeilte, aberwitzige Dialoge zwischen schrulligen Charakteren. Ein Highlight war für mich beispielsweise ein Dialog innerhalb einer Art trotteligen Abteilung des Ku-Klux-Klan, bei dem über Sinn und Unsinn von Kapuzen gestritten wird. Tarantino-Fans werden auch viele bekannte Gesichter aus seinen anderen Filmen entdecken, sowohl in den Haupt- wie auch in den Nebenrollen (z.B. Tom Savini).

Generell ist die Besetzung von Django Unchained absolut hochkarätig und in bester Spiellaune. Christoph Waltz ist für mich einer der talentiertesten Schauspieler, die sich in den letzten Jahren auf der großen Leinwand tummeln. Er hat jede Auszeichnung, die er bereits erhalten hat und die er sicherlich noch erhalten wird, absolut verdient. Leonardo DiCaprio ist in meinen Augen der Hollywood-Schauspieler, der in seiner Karriere die bemerkenswerteste Wandlung vollzogen hat: vom Sonnyboy zum wirklich ernstzunehmenden Schauspieler. Samuel L. Jackson ist für schrullige Figuren eine sichere Wahl. Kerry Washington wird in ihrer Rolle als Djangos Frau nicht vor große schauspielerische Herausforderungen gestellt. Und Jamie Foxx als Django? Der ist für mich einfach etwas zu zurückhaltend, betrachtet er die Westernwelt über die Hälfte des Films nur mit großen, staunenden Augen und packt erst spät seine Revolver aus. Wenn er sie auspackt, dann zwar mit viel Bumms, aber der kommt relativ spät.

Tarantino huldigt dem Italowestern in Django Unchained in mannigfaltiger Weise. Die Kameraführung. Die Landschaftsaufnahmen. Die Original-Musik aus alten Filmen. Das neue Lied von Ennio Morricone. Der kurze Gastauftritt von Franco Nero. Es gibt Banditen, Saloons, Westernstädte und Revolverhelden. Westernfeeling? Ja, bloß irgendwie mit zu wenig „Spaghetti“. Zu allgegenwärtig war die Sklaverei als Hauptthema des Films. War das erste Drittel des Films noch eher Western, wandelte er sich ab seinem zweiten Drittel eher zu einem Südstaaten-Drama um Weiße und Schwarze und um den unsäglichen Teil der amerikanischen Geschichte, in dem Menschenhandel an der Tagesordnung war und man bestimmte Menschen als minderwertig ansah.

Die Zielsetzung, die Brutalität und Unmenschlichkeit der Sklaverei in einem Film zu thematisieren finde ich generell gut. Auch Tarantinos Ansatz, Leute über Themen zum Lachen zu bringen, die eigentlich überhaupt nicht zum Lachen sind, finde ich interessant und lobenswert. Immerhin hat er es schon mit Inglorious Basterds geschafft, das Nazithema endlich einmal anders anzupacken, ohne die Ernsthaftigkeit und Schrecklichkeit zu vernachlässigen. Auch bei Django Unchained wird nichts verharmlost. Ganz im Gegenteil: Sowohl in den Worten als auch den Taten der Protagonisten ist die gesamte Brutalität der Sklaverei allgegenwärtig. Django wird am Anfang aus seinen Sklavenfesseln befreit. Die Sklaven werden stets als Nicht-Menschen behandelt.

Bemerkenswert ist auch, wie Tarantino germanisches Geschichtengut in seinen Film einwebt. Django Unchained ist eine Art Südstaaten-Version der Nibelungen-Sage. Ich habe gelesen, dass Waltz Tarantino in eine Wagner-Oper mitnahm und dass diese den Regisseur so faszinierte, dass er den Stoff kurzerhand in Django Unchained einarbeitete. Daraus wird auch im Film kein großes Geheimnis gemacht, denn Christoph Waltz als Dr. King Schultz erklärt seinem Schützling Django sogar kurz den Inhalt der Sage. Djangos Frau heißt „Broomhilda von Shaft“ und spricht sogar ein paar Sätze Deutsch. Die gesamte Geschichte kann im Sinne der Nibelungen-Sage interpretiert werden. So bewacht der rotgekleidete Gutsherr Calvin Candie (Leonardo DiCaprio) wie der Drache Fafnir die geliebte Broomhilda und Django eilt ihr als „Siegfried“ zu Hilfe. Dr. King Schultz steht ihm dabei als heldenhafte und treue Version von Hagen zur Seite und Samuel L. Jackson könnte einen spitz- und doppelzüngigen Loki darstellen. Germanische Götter- und Heldensagen in Hollywood? Respekt! Das Ganze hatte aber auch zur Folge, dass sich die Geschichte thematisch noch mehr vom Western entfernte.

Django Unchained ist für mich deshalb keine richtige und konsequente Hommage an den Italowestern, sondern eher ein Südstaaten-Epos mit klarer Botschaft: „Die Sklaverei ist eines der dunkelsten Abschnitte der amerikanischen Geschichte. Sie darf nicht in Vergessenheit geraten.“ Für einen Spaghetti-Western war mir der Anteil der kritischen Botschaft einfach zu groß. Es gibt Italowestern mit kritischer Botschaft, allerdings wird der Zeigefinger nie so hoch gehoben, wie Tarantino es tut. Spiegel Online fragte in einem Artikel, ob Tarantino wohl das Wort „Spaghetti-Western“ in den Mund nahm, als er mit Ennio Morricone über ein Lied für seinen Film sprach. Ich glaube, das musste er gar nicht. Django Unchained ist kein solcher Film.

Vielleicht hätte Tarantino seinen Film umbenennen, noch ein wenig mehr vom Italowestern entfernen und ihn als Südstaaten-Siegfried verkaufen sollen. Allein der Name „Django“ weckte in mir andere Erwartungen. Er legte meinen Gedanken Fesseln an, von denen ich sie nicht so einfach befreien konnte, wie Django sich von den seinen im Film. Man hätte ihm wenigstens seinen Sarg mit dem Maschinengewehr geben können, irgendwann im Film. Django ohne Sarg ist für mich nicht Django. Tut mir sehr leid, Herr Tarantino.

Wer Django Unchained noch nicht gesehen hat, dem empfehle ich, sich nicht auf eine lupenreine Spaghetti-Western-Hommage einzustellen, sondern etwas anderes zu erwarten. Sonst könnte es sein, dass noch mehr Leute, wie ich, enttäuscht aus dem Kino gehen, obwohl der Film an sich nicht schlecht ist – eben nur anders als man es vielleicht erwartet. Ich empfehle übrigens dringend, den Film im englischen Originalton zu sehen. Die deutsche Synchronisation ist nicht besonders gut und in einer großen Einblendung befindet sich ein grober und auffälliger Rechtschreibfehler.

Meine Lieblingsfilme von und mit Quentin Tarantino bleiben nach wie vor Reservoir Dogs, auch wenn man ihm mittlerweile sein Alter und sein Budget ansieht, Pulp FictionJackie Brown und From Dusk Till Dawn. Tarantino ist und bleibt für mich am stärksten ohne große Botschaft. Kriegt er für Django Unchained weitere Preise (einen Golden Globe hat er ja schon), gönne ich ihm die natürlich. Er hat schon viel geleistet und da ist es nur recht, wenn er dafür endlich gewürdigt wird.

Von Siegern und Heimkehrern

In Hollywood wurden wieder einmal Trophäen verteilt: Goldene Weltkugeln. Die Rede ist natürlich von den Golden Globes (Link zur Offiziellen Webseite).

Ob man die Meinung der Jury teilt, von der die Preise vergeben werden, bleibt natürlich jedem Film- und Serien-Fan selbst überlassen. Ich persönlich habe mich über die Meldung gefreut, dass Quentin Tarantino und Christoph Waltz jeweils eine der begehrten Trophäen erhielten, denn ich verehre die Arbeit von beiden sehr. Ihren neuen Film Django Unchained werde ich mir ansehen und separat darüber berichten. Auch der Animationsfilm Merida (Brave) wurde mit einem Golden Globe ausgezeichnet, den er meiner Meinung nach ebenfalls verdient hat. (Links zu IMDB, auch die folgenden Links)

Ich habe (teilweise noch) nicht alle der nominierten Filme und Serien gesehen, weshalb ich mir auch kein abschließendes Urteil zum Thema Golden Globes erlauben kann.

Was ich allerdings gesehen habe, ist die TV-Serie Homeland, die ebenfalls mit drei der begehrten Weltkugeln ausgezeichnet wurde. Das sind bei weitem nicht die ersten Preise, die die Serie erhalten hat. Schon 2012 wurden den Schauspielern und Machern von Homeland Golden Globes, Emmys und weitere Preise verliehen. In den Medien wurde Homeland schon oft als bedeutende Drama-Serie gelobt, was mich, neben dem Rummel um die ganzen Preise, dann auch dazu veranlasst hat mir die erste Staffel anzusehen.

(Achtung: Der Rest dieses Artikels enthält Spolier zur ersten Staffel von Homeland!)

Leider muss ich sagen, dass ich den Hype um Homeland nicht wirklich nachvollziehen kann. Die Geschichte um den im Irakkrieg verschollenen Soldaten Nicholas Brody (Damian Lewis), der nach acht Jahren wieder auftaucht, beginnt durchaus sehr spannend, Zusammen mit der CIA-Agentin Carrie Mathison (Claire Danes) fragt sich der Zuschauer, ob der Heimkehrer während seiner Gefangenschaft zum Überläufer und damit ein Terrorist geworden sein könnte.

Die erste Hälfte der ersten Staffel dreht sich nur um diese Fragestellung und wird damit zum meiner Meinung nach stärksten Part von dieser. Denn leider wird die Frage viel zu schnell beantwortet. Das Verwirrspiel alleine und die verschiedenen Plottwists hätte man mit weiteren Inhalten anfüllen und sicherlich über die gesamte Staffel hinweg behandeln können. Hätte man weiterhin solch gute Ideen wie zu Beginn gehabt und diese konsequent umgesetzt, hätte man Brodys Beweggründe noch eine ganze Zeit lang verschleiern können. Stattdessen wird Brody (zumindest für die Zuschauer) schnell als Überläufer enttarnt. Dadurch ergibt sich natürlich die Möglichkeit auch noch seine Gefangenschaft zu beleuchten, zusätzlich zum ständig drohenden Attentat.

Der größte Fehler, den die Serie begeht, ist in meinen Augen der, dass was Brody anbelangt zu früh alle Karten auf den Tisch gelegt werden. Zwar verbleiben dennoch einige Überraschungsmomente, jedoch büßen diese dadurch an Wirkung ein, dass die Charaktere in der Kürze der Zeit und durch die Masse an Inhalten nicht wirklich vorgestellt werden und auch keine ausreichende Entwicklung erkennen lassen können.

In der zweiten Hälfte der Staffel bekommen die Zuschauer Brodys Zeit im Irak und in Gefangenschaft in Rückblenden präsentiert. Allerdings vollzieht sich die Gehirnwäsche so schnell, dass das Ganze auf mich doch (sicher unfreiwilligerweise) sehr unrealistisch wirkte. Der Mann war ganze acht Jahre von Zuhause entfernt und muss ein regelrechtes Martyrium an Gedanken und Sehnsüchten durchlebt haben. Heimweh, Gedanken an die geliebte Familie, Gedanken über den Krieg, Gedanken über seinen Job als Soldat – all diese Dinge werden weder behandelt noch im Detail dargestellt. Viel zu schnell fügt er sich nach unmenschlichen Folterqualen in sein Schicksal ein, vertraut dem einzigen Menschen, der ihn in der Fremde gut behandelt und macht dessen Ideale zu den eigenen, schmiedet sogar selbständig Rachepläne an seinem Heimatland.

Die menschliche Entwicklung von Brody halte ich an sich nicht für unrealistisch. Es ist natürlich möglich, Menschen durch Folter und verschiedene psychologische Techniken zu indoktrinieren und auch so weit zu treiben, dass sie bereit sind, als Märtyrer zu sterben und andere Menschen mit in den Tod zu reißen. Allerdings ist Gehirnwäsche kein leichter Prozess und er ist sicherlich auch mit Rückschlägen verbunden. All diese Aspekte lässt Homeland in seiner ersten Staffel außen vor, meiner Meinung nach auf Kosten der Glaubwürdigkeit der Serie. Auf der anderen Seite werden den Charakteren auch teilweise in meinen Augen unnötige Wesenszüge verpasst. So muss eine CIA-Agentin auf der Suche nach der Wahrheit nicht unbedingt manisch-depressive Züge haben, um den Konflikt mit ihren Kollegen zu verstärken.

Von der reinen filmischen Qualität der Bilder würde ich die Serie am ehesten mit 24 vergleichen, wobei ich 24, trotz zugegebenermaßen unrealistischerer Storyline und noch mehr Plottwists, nach wie vor für die bessere Serie halte.

Kiefer Sutherland habe ich den toughen Jack Bauer sofort abgekauft. Bei Homeland finde ich die schauspielerischen Leistungen sowohl von Damian Lewis wie auch von Claire Danes nicht restlos überzeugend. Es gibt mittlerweile auch einfach viele überragende Seriendarsteller. Es mag sein, dass es das Fangirl ist, das aus mir spricht, aber dennoch kann ich mich dem Eindruck nicht erwehren, dass Bryan Cranston in Breaking Bad mehr schauspielerische Leistung zeigt – oftmals nur in einem Blick – als die Darsteller in Homeland in einer ganzen Szene. Das ist aber eben nur meine persönliche Meinung.

Ich bitte an dieser Stelle ausdrücklich darum, mich nicht falsch zu verstehen. Homeland ist keine absolut schlechte Serie. Die Idee dahinter ist und bleibt spannend und für amerikanische Verhältnisse vielleicht auch revolutionär und preisverdächtig. Sicherlich werde ich mir auch die zweite Staffel ansehen. Ich bin gespannt, wie man das Ganze weiterentwickelt. Soweit ich weiß wird Brody zum Doppelagenten und dieses Thema bietet durchaus einiges an Potenzial. Ich halte Homeland jedoch nicht für so überragend, wie es oftmals dargestellt wird und den Medienhype halte ich für übertrieben. Breaking BadThe Sopranos oder Dexter, nur um ein paar Beispiele zu nennen, sind als Serien in meinen Augen Homeland weit überlegen.

Was für Überlegungen bei der Vergabe der ganzen Preise an Homeland eine Rolle spielten, weiß ich nicht. Es wäre ja auch irgendwie schwachsinnig über Jahre hinweg immer die gleichen Serien zu ehren. Vielleicht ist Homeland ja nun auch genug geehrt worden.

Ich würde es jedenfalls begrüßen, wenn spätestens im nächsten Jahr bei den Preisverleihungen wieder Platz für neue Serien ist. Die US-Serienlandschaft wird glücklicherweise immer spannender, denn es gibt immer mehr gute TV-Serien mit tollen Ideen und hochkarätigen Darstellern. Für Nachschub für Serienjunkies wie mich wird bestens gesorgt.

Zurück in die Eiszeit

Es begab sich kurz vor Weihnachten 2012, als mich eine gute und langjährige Freundin fragte, ob ich nicht Lust hätte, mir im Januar zusammen mit ihr Ice Age Live in der Frankfurter Festhalle anzusehen. Da musste ich freilich nur kurz überlegen, denn ich mag gute Unterhaltung und dazu gehören für mich auch Shows aller Art. Deshalb suchte ich auch gar nicht lange weiter nach Informationen, sondern sagte einfach zu.

Im Januar 2012 hatte ich bereits Batman Live gesehen. Die Show, die die Entstehungsgeschichte des Dunklen Ritters auf einer riesigen Bühne mit jeder menge Tanz und Akrobatik präsentiert, hatte mich schon schwer beeindruckt und ich denke noch immer gerne daran zurück. Nach Batman wurde nun also Ice Age arenatauglich aufbereitet (Link zu Wikipedia).

Der erste Ice-Age-Film erschien im Jahr 2002 und war ein so großer Erfolg, dass weitere folgten. 2012 lief bereits der vierte Teil im Kino. Ich habe alle vier Filme der Reihe gesehen und mich jedes Mal köstlich über die Abenteuer der ungleichen und chaotischen Herde amüsiert. Ich mag Animationsfilme und die Ice-Age-Reihe ist auch ein Beispiel dafür, wie sich eine gute deutsche Synchronisation anhören und anfühlen muss. War ich damals, bevor Teil 1 anlief, noch sehr unsicher was Otto Waalkes als Faultier anbetraf, so kann ich mir heute für Sid keine andere Stimme mehr vorstellen. Deshalb fielen mir bei der Show auch sofort die Durchsagen von „Sid“ und „Manni“ positiv auf, die tatsächlich von den deutschen Synchronstimmen eingesprochen worden waren. Sie verkündeten fröhlich, dass die Show bald losgeht.

Beim Betreten der Festhalle fiel mein Blick sofort auf die Präsentationsfläche der Show. War es bei Batman Live eine große Bühne, aus deren Boden verschiedene Kulissen stufenlos herausgefahren werden konnten, so wird Ice Age Live – passend zum Thema – auf einer großen Eisfläche präsentiert. Die größte Gemeinsamkeit der beiden Shows ist die große LED-Leinwand hinter der Bühne, bzw. der Eisfläche, auf der verschiedenste Motive und auch ganze Szenenwechsel in bemerkenswerter Qualität dargestellt werden. Diese Technik macht es möglich, die Comicwelt von Batman und die einzigartige Eiszeitwelt aus den Ice-Age-Filmen zu den Zuschauern in die Halle zu bringen. Die Szenerie kann mühelos und schnell gewechselt werden, noch während die Darsteller vor der Leinwand agieren.

Bei Ice Age Live wird die Leinwand von einer „Eisbrücke“ umrahmt, auf der sich die Darsteller auch bewegen können. Über der Eisfläche schweben große Eiszapfen, die während der Show in verschiedenen Farben beleuchtet werden. Inhalt der Show ist ein neues Abenteuer aus dem Ice-Age-Universum, das die bekannten Charaktere gemeinsam auf eine Reise schickt, in deren Verlauf sie alten Bekannten aus allen vier Filmen begegnen und neue Freunden und Feinde kennenlernen. Mit dabei sind die komplette Mammutfamilie, die beiden frechen Opossums, Faultier Sid und natürlich auch das Säbelzahnhörnchen Scrat.

Wenn Scrat, wie immer auf der Suche nach seiner geliebten Eichel, die Show eröffnet, ist man sofort mitten drin in der Eiszeit. Das Konzept von Ice Age Live ist bis ins kleinste Detail spürbar liebevoll durchdacht. Ich muss zugeben, dass ich zuerst sehr skeptisch war, was die Kostüme anbelangte, fürchtete ich doch, das Ganze könne mit der Zeit zu einer langatmigen Kostümparade verkommen. Ich wurde schnell eines Besseren belehrt.

Ice Age Live ist kein Musical und es ist kein Theaterstück, es ist eine Mischung aus beidem, die den Zuschauern „on the rocks“ – oder besser „auf Kufen“ – serviert wird. Eine Art „Holiday on Ice“, nur mit Ice Age. Die Stimmen der Charaktere sind auf Band aufgenommen. Keiner der Darsteller spricht oder singt live. Das ist aber überhaupt nicht schlimm, denn ich bin davon überzeugt, dass jeder einzelne von ihnen genug leistet. Außerdem sind es gerade die Originalstimmen aus den Filmen, die die Zuschauer sofort mitreißen und das Ice-Age-Feeling perfektionieren. Die Lieder wurden in englischer Sprache belassen, aber auch das fügt sich gut in das Gesamtkonzept ein. Die deutsche Synchronisation war auch besser, als die bei Batman Live.

Das Kostümdesign von Ice Age Live ist einfach großartig. Hier waren wahre Meister am Werk. In den Mammuts Manni und Ellie stecken jeweils zwei Darsteller. Die Mammuts sind wirklich mammutmäßig groß. Die restlichen Charaktere werden von jeweils einem Artisten gespielt, auch Säbelzahntiger Diego. Der Clou: Manche Kostüme haben zwei „Modi“, einen normalen und einen, den ich als „leichten Modus“ bezeichnen würde. Bei Letzterem können die Artisten aus ihren doch recht großen und bestimmt auch nicht gerade leichten Kostümen herausschlüpfen und haben trotzdem noch Anzüge an, die klar erkennen lassen, um welchen Charakter es sich handelt. Allerdings turnt es sich ohne viel Fellbehang einfach leichter und die Zuschauer können die Darbietungen dadurch auch besser erkennen. Die großen Kostümteile bleiben am Rand stehen und werden anschließend, zum Beispiel wenn Diego einen Kampf beendet hat, genauso schnell wieder angelegt, wie sie abgelegt wurden. Meine Beschreibung mag ein bisschen merkwürdig anmuten, aber besser kann ich es nicht in Worte fassen. Mann muss es vielleicht gesehen haben, um es vollkommen zu verstehen. Alleine die Idee halte ich aber schon für großartig.

Dank dem Trick mit den Kostümen ist ein Paarlauf auf dem Eis von Scrat und Scratte für mich zu einem der Highlights von Ice Age Live geworden. Überhaupt stellen die Entwickler der Show gerade bei Scrat und seiner ewigen Jagd nach der Eichel ihre Kreativität unter Beweis. So durchläuft die begehrte Nahrung verschiedene Inkarnationen: Sie ist Teil des Paarlaufes, wird in einer Akrobatikeinlage zum Gymnastikball, der von Scratte verführerisch vor Scrats Augen hin und her geturnt wird und taucht während der Show noch an mehreren anderen Stellen auf.

Die Ideenvielfalt, kombiniert mit den tollen Kostümen und schöner Musik, hat mich restlos begeistert. Waghalsige Trapeznummern, rhythmische Turneinlagen, wunderschöner Eiskunstlauf – Ice Age Live bietet alles auf einmal, verpackt in gut zwei Stunden Show und präsentiert von weltklasse Artisten. Einziges Manko des Konzepts ist die hanebüchene Storyline. Darüber konnte mich der Rest aber mühelos hinwegtrösten. Außerdem waren auch schon die Geschichten der Filme immer überzogen.

Vielleicht hat mich Ice Age Live gerade deshalb so positiv überrascht, weil ich recht unbedacht und auch quasi uninformiert an die Sache herangegangen bin – eigentlich ganz untypisch für mich. Aber selbst als ich schon längst beschlossen hatte, mir die Show anzusehen, blieben die verfügbaren Informationen aus meiner Sicht ziemlich mau. Batman Live hatte ich 2011 schon früh auf Plakaten entdeckt. Plakate zu Ice Age Live sind mir zwischen den Jahren überhaupt erst aufgefallen. Es gab wohl auch Fernsehwerbung dafür, die ich aber nie gesehen habe. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass diese Show mehr Aufmerksamkeit verdient hätte. Allerdings schienen trotzdem genug Leute darauf aufmerksam geworden zu sein, denn die Frankfurter Festhalle war augenscheinlich ausverkauft, zumindest bei der Vorstellung, die ich besucht habe.

Sowohl Batman Live als auch Ice Age Live habe ich auf sehr guten Plätzen sitzend gesehen, direkt frontal zur Bühne und nur wenige Reihen hinter der ersten. Bei beiden Veranstaltungen hat sich der doch relativ hohe Preis für die guten Plätze (zwischen 60 und 75 Euro) ausgezahlt. Ich hätte nicht weiter vom Geschehen entfernt sitzen wollen.

Wer bunte Shows und die lustigen Charaktere von Ice Age mag und wem sich die Gelegenheit bietet, dem kann ich nur empfehlen, sich Ice Age Live anzusehen. In der ersten Reihe kommen die Charaktere sogar teilweise „hautnah“ an die Zuschauer heran. Für Kinder sicherlich ein ganz besonderes Erlebnis.

Ich hatte jedenfalls einen ganz phantastischen Abend, denn ich habe eine weitere Show gesehen, an die ich gerne zurück denke und ich bin froh und dankbar, dass ich gute Freunde habe, die auf so tolle Ideen kommen und mit offenen Augen die Dinge sehen, die ich vielleicht sonst übersehen hätte.

Veränderung und Verstehen

In den letzten Tagen ging ein bestimmtes Thema durch die Presse. Ich nahm es erst nur mit einem Auge wahr. Je länger ich aber darüber nachdachte, desto mehr beschäftigte es mich. Es nistete sich in den Windungen meines Gehirns ein und rotierte in meinem Kopf. Es ist eines dieser Themen, über das heftig diskutiert wird. Mittlerweile wurde an vielen Stellen viel dazu publiziert. Auch wenn vielleicht schon alles irgendwo und irgendwie dazu gesagt wurde, kann ich nicht anders, als an dieser Stelle auch meine bescheidene Meinung zu äußern.

Um was es hier eigentlich geht? Ich spreche von der Überarbeitung von Kinderbuchklassikern, wie Die kleine Hexe und Der Räuber Hotzenplotz von Otfried Preußler (Links zu Wikipedia). Der Stern berichtet in einem Artikel auf seiner Webseite darüber und auch in anderen Medien, z.B. Spiegel Online, las ich darüber. Die ganze Diskussion fing aber schon vor Weihnachten an, als Familienministerin Kristina Schröder – neben anderen Dingen, die allerorten heiß diskutiert wurden – kundtat, dass sie beim Vorlesen bisweilen Stellen zensiere, bzw. beschönige.

Ich habe in meiner Kindheit viele Kinderbuchklassiker vorgelesen bekommen und selbst gelesen. Die kleine Hexe und Der Räuber Hotzenplotz waren ebenso darunter wie Pippi Langstrumpf, Max & Moritz, Die Abenteuer des Tom Sawyer, Die Abenteuer des Huckleberry Finn, Der Struwwelpeter und die Märchen der Gebrüder Grimm. All diese Geschichten wurden vor langer Zeit geschrieben. Die Zeiten ändern sich und damit auch die Gewohnheiten, Gepflogenheiten und Ansichten der Menschen. Auch die Sprache unterliegt im Laufe der Zeit einer stetigen Wandlung. Ständig drängen sich neue Begriffe in unseren Sprachgebrauch, werden verbreitet und ersetzen im täglichen Leben andere Begriffe. Das ist der Lauf der Dinge.

Aber muss man, nur weil neue Begriffe hinzukommen, die alten gleich vollständig streichen, auch wenn ein Autor sie zu seiner Zeit wohlüberlegt niedergeschrieben hat? Meiner Meinung nach muss man das nicht. Wie sollen Kinder ein solch wundervolles Werkzeug wie die Sprache verstehen und virtuos einzusetzen lernen, wenn sie nicht gezeigt und erklärt bekommen, wie sich diese im Laufe der Zeit entwickelt hat und dass man früher eben anders sprach, als heute. Ein großer Wortschatz ist ein Schatz, den man sich erarbeiten muss. Den Grundstein dafür legen die Eltern, indem sie mit ihren Kindern sprechen und sie in die Geheimnisse der Sprache einweihen.

Schon in meiner Kindheit war der Begriff Schuhe zu „wichsen“ nicht mehr gebräuchlich und jedem war bewusst, dass das Wort „Neger“ zwar früher nicht ausschließlich im rassistischen Sinn gebraucht wurde, dass es aber trotzdem zum allergrößten Teil negativ belastet ist. Meine Eltern haben mir den Gebrauch und die Bedeutung von alten Worten eben während des Vorlesens erklärt. Kleine Kinder verstehen mehr, als man ihnen oftmals zutraut. Davon bin ich überzeugt.

Zu meiner Zeit wurde im Kindergarten sogar oft „Wer hat Angst vorm schwarzen Mann“ gespielt. Allerdings habe ich dabei nie an einen Menschen mit dunkler Hautfarbe gedacht, sondern eher an ein gruseliges Ungetüm, vielleicht eine Art Sensenmann. Ich weiß nicht, wie man mit diesem Spiel heutzutage umgeht, oder ob es aus politischer Korrektheit aus dem Repertoire der Kinderspiele gestrichen wurde. Man sprach jedenfalls zu meiner Zeit mit den Kindern über Begriffe und Redewendungen, über deren oftmals verschiedene Bedeutung und darüber, wie man Dinge unterschiedlich interpretieren kann.

Ich bin deshalb der Ansicht, dass man klassische Bücher und Geschichten weder umschreiben, noch zensieren muss. Dass manche Eltern heutzutage bestimmte Begriffe vielleicht selbst gar nicht mehr kennen, kann ich mir durchaus vorstellen. Darum hielte ich es für eine bessere Lösung, wenn die Verlage Fußnoten an alte Begriffe, bzw. an Begriffe, die aus heutiger Sicht kritisch sein könnten, anbringen und für Eltern und Kinder am Ende der Seiten entsprechende Erklärungen liefern würden. Man sollte den Menschen helfen, Veränderungen zu verstehen und sie nicht einfach vornehmen und damit jegliche Chance auf ein Dazulernen und auch auf den zumindest teilweisen Erhalt von Wissen zu nehmen.

Was die Zensur von brutalen Stellen betrifft, daran hat sich übrigens auch meine Mutter kurzzeitig versucht, allerdings vergeblich. Sie konnte „Pitsche, patsche Peter“ nur so lange umdichten, bis ich schließlich selbst lesen konnte, dass Peter angeblich von der Katze gefressen wird. Das jagte mir dann auch keine Angst ein, sondern kam mir nur total schwachsinnig vor. Eine Katze frisst weder kleine Jungs noch Schuhwichse, Verzeihung, Schuhcreme. Das weiß doch jedes Kind!

Immerhin habe ich mit meiner Mutter schon oft über ihre misslungenen, pazifistischen Zensurversuche herzlich gelacht, habe ich doch inzwischen schon mutwillig und oft viel Brutaleres gesehen und gelesen, ebenfalls zu meinem Amüsement. Märchen und Horrorroman liegen gar so weit auseinander. Man muss nur richtig und mit offenen Augen und klarem Verstand damit umgehen.

Dass die allermeisten, klassischen Kindergeschichten im Kern sehr brutal sind, hängt auch damit zusammen, dass ihre Autoren erzieherische Botschaften vermitteln wollten. Geh nicht alleine in den dunklen Wald! Iss deine Suppe auf! Benimm Dich ordentlich am Essenstisch! Spiele anderen keine fiesen Streiche! Zündhölzer gehören nicht in Kinderhand! Und so weiter und so fort. Überall wird auf vielfältigste Art und Weise bestraft, gelitten und gestorben. In einer Zeit, in der die Erziehungsmethoden aber über reine Bestrafung schon lange weit fortgeschritten sind, wirken die Geschichten, trotz aller Brutalität, lange nicht mehr so endgütig und bedrohlich. Es sind eben Geschichten. Als solche und nur als solche habe ich sie als Kind wahrgenommen. Angst vor der bösen Hexe hatte ich nicht.

Ich hänge noch heute an vielen Dingen aus meiner Kindheit. Vieles habe ich aufgehoben, in der Hoffnung, es eines Tages weitervererben zu können. Wenn ich nun über all die sprachlichen Veränderungen und Verschlimmbesserungen lese, bin ich froh, dass im Keller noch einige Kisten mit alten Büchern lagern. So habe ich eines Tages hoffentlich die Möglichkeit, einem eigenen Kind sprachliche Veränderungen zu zeigen und ihm zu helfen, diese zu Verstehen, ganz ohne tatsächliche Veränderung der eigentlichen Materie und ohne Zensur.

Andere Zeiten, andere Sitten, andere Sprache. Wer weiß schon, was man vielleicht in 100 Jahren anders sieht, schreibt und versteht? Dann geht die Veränderungsdiskussion von neuem los. Auch kleine Veränderungen ändern Dinge, auch wenn sie das Große und Ganze, z.B. den Sinn einer Geschichte, nicht verändern. Man sollte sich rechtzeitig für das Erklären, für das Verstehen und damit auch für das Bewahren entscheiden. Zu viel geht sonst vielleicht irgendwann endgültig verloren.

Schütze und Vorurteil

Filme, die in ihren Trailern versuchen wie andere Filme zu wirken, betrachte ich grundsätzlich kritisch. So also auch Jack Reacher, dessen ersten Trailer ich, gelinde gesagt, für eine Katastrophe halte. Die Musik ist so dreist an Mission: Impossible angelehnt, dass das eigentlich auch der letzte Zuschauer merken muss. Im zweiten Trailer verabschiedete man sich glücklicherweise von diesem Konzept und versuchte etwas mehr Filminhalt zu erzählen. Der zweite Trailer war es dann auch, was mich neugieriger auf den Film werden ließ und als ich dann noch etwas mehr darüber las, beschloss ich, ihn mir anzusehen.

Eines möchte ich gleich klarstellen: Ich bin kein Fan von Tom Cruise. Was er bei diversen öffentlichen Auftritten von sich und seiner Weltanschauung preisgibt, finde ich alles andere als sympathisch und überzeugend. Allerdings ist der gute Mann ja Schauspieler, weshalb ich ihn lieber an seiner Leistung im Job, als an seinen persönlichen Irrungen und Wirrungen messen möchte. Das geht mir bei genügend anderen seiner Schauspielerkolleginnen und -kollegen genauso.

Die Story von Jack Reacher ist schnell erzählt. In Pittsburgh, Pennsylvania, verübt ein Sniper ein grausames Attentat auf 5 Menschen. Die erdrückende Beweislage führt die Polizei schnell zum mutmaßlichen Täter. Dieser schreibt jedoch kein Geständnis nieder, sondern verlangt nach Jack Reacher, einem alleine arbeitenden und seit Jahren abgetauchten Militär-Ermittler. Als dieser eintrifft, liegt der Verdächtige allerdings schon im Koma, zusammengeschlagen während eines Gefangenentransportes. Die engagierte Strafverteidigerin Helen Rodin setzt sich trotz allem für ihren Mandanten ein und sei es nur, um ihm aus idealistischen Gründen die Todesstrafe ersparen zu können. Sie heuert schließlich Jack Reacher als Ermittler an, immerhin ist der ja schon mal in der Stadt und verfügt auch noch über interessante Informationen über den Schützen. Was er allerdings nach und nach mit seinen ganz eigenen Methoden zutage fördert, überrascht nicht nur die blonde Anwältin.

Jack Reacher basiert auf dem Buch „Sniper“ (One Shot) von Lee Child. Da ich das Buch nicht gelesen habe und mir der Romanheld auch sonst bisher nicht bekannt war, kann ich nicht beurteilen, inwieweit der Film dem Buch gerecht wird. Ich bewerte ihn an dieser Stelle wie jeden anderen Thriller. Fans mögen mir dies nachsehen. Immerhin weiß ich, dass der Autor einen kurzen Gastauftritt im Film hatte, als Polizist, der Reacher nach einem kurzen Gefängnisaufenthalt seine klappbare Zahnbürste aushändigt.

Schon die ersten Texteinblendungen bei Jack Reacher machen klar: Dies ist ein Film von und mit Tom Cruise, der prominent als Produzent und Hauptdarsteller auftritt. Dass das nicht zwangsläufig in einer kruden One-Man-Show von Herrn Cruise resultieren muss, wurde meiner Meinung nach in Mission Impossible: Phantom Protokoll (Link zu IMDB) bewiesen. Dieser Film offenbarte außerdem die Fähigkeit des Schauspielers, sich auch mal nicht ganz so ernst zu nehmen. Gerade dies ließ er bei Jack Reacher in meinen Augen aber leider vermissen. Zu gewollt wurden manche Szenen auf Lustig getrimmt.

Generell empfand ich das Erzähltempo des Films als zu behäbig. Jack Reacher ist kein Actionfilm, bei dem es dauernd kracht und knallt. Das soll er auch nicht sein. Trotzdem hätte man manches straffen können. Als Jack Reacher beispielsweise einen besonderen Schießstand sucht, wird viel zu oft erklärt, dass dieser von Pittsburgh aus weiter entfernt liegt. Das hatte der Zuschauer nach der zweiten Erwähnung verstanden. Das scheint aber nicht Grund genug zu sein, es im Rest des Films nicht noch mehrere Male detailliert auszubreiten. Im Gegensatz dazu bleibt der Charakter von Reacher leider zu undurchsichtig. Man konnte durchaus erahnen, dass er sehr vielschichtig ist, allerdings wurde an diesen vielen Schichten leider nur oberflächlich gekratzt. Seine Beweggründe blieben die meiste Zeit relativ unbeleuchtet.

Tom Cruise liefert als Jack Reacher meiner Meinung keine Höchstleistung ab. Auch Rosamund Pike konnte mich als Helen Rodin nicht überzeugen, interpretiert sie die Figur nur mit konstant weit aufgerissenen Augen und einem völlig ahnungslosen Gesichtsausdruck. Gerade diesen beiden Figuren hätte etwas mehr Seele sehr gut getan. Gut gefielen mir David Oyelowo als der die Ermittlungen leitende Detective Emerson und Richard Jenkins als Staatsanwalt Alex Rodin, Gegenspieler und gleichzeitig Vater der Strafverteidigerin. Leider kamen diese Rollen viel zu wenig zum Tragen. Absolut austauschbar dagegen Werner Herzog als zwielichtiger Hintermann Zec.

Jack Reacher ist trotz allem kein schlechter Film. Seine tolle Machart entschädigt für vieles. Die Bilder, die der Regisseur nutzt, um die einzelnen Charaktere in Szene zu setzen, haben mir sehr gut gefallen. Oft wird eine einzige Person alleine gezeigt, nie stehen zu viele Personen im Fokus. Eine angenehme Abwechslung zu den vielen bunten, wilden Actionfilmen und dem oftmals erkennbaren Wunsch, immer mehr in einen Film zu packen.

Die beste Passage des Films war für mich die Autoverfolgungsjagd, bei der Jack Reacher gleichzeitig Jäger und Gejagter ist, auch wenn ihr Ende zwar humorvoll aber nicht nachvollziehbar ist. Es war außerdem schon in einem der Trailer zu sehen. Wer bitte leiht einem völlig Wildfremden seine Mütze, wenn der von zehn oder mehr Polizeiautos verfolgt wird? Würde nicht jeder davon ausgehen, dass das einen Grund haben könnte? Aber man soll sich ja an kleinen Logiklücken nicht zu sehr reiben. Die Verfolgungsjagd wurde filmisch jedenfalls großartig umgesetzt und kam ganz ohne zu schnelle Schnitte und verwischte Szenen aus. Ohne zu viel Hektik, den Fokus weiterhin auf die Personen in den Autos gelegt und mit dröhnendem Motorensound unterlegt, ist das Ganze wirklich sehenswert.

Am Ende verließ ich das Kino dennoch eher enttäuscht. So viel mehr hätte man meiner Meinung nach aus der Geschichte und den Charakteren machen können. Jack Reacher ist wirklich kein schlechter Film, es ist aber auch kein Werk, das man meiner Meinung nach unbedingt gesehen haben muss. Die Story beinhaltet nichts, was dem geneigten Thriller-Liebhaber nicht irgendwo schon einmal begegnet ist und die Trailer haben leider (zu) vieles schon verraten. Ohne zu spoilern kann ich sagen, dass ich das Ende als zu lustlos und zu sehr gewollt empfand. Es hat jedenfalls nicht dazu beigetragen, dass ich mir weitere Jack-Reacher-Filme wünschen würde.