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Back on Track

Autos: Eine Faszination die sich mein Sohn und ich großzügig teilen. Umso glücklicher ist er darüber, dass mir bereits im Jahr 2006 der erste Teil von Cars (Link zu IMDB) aus dem Hause Pixar so gut gefiel, dass ich einige der Charaktere in Form von Spielzeugautos erwarb. Nachdem wir eben diesen Film im Heimkino zusammen angesehen hatten, wurden Lightning McQueen und seine druckgegossenen Freunde vom Nachwuchsfan freudig annektiert und haben obendrein ordentlich Zuwachs bekommen. Außerdem hat er verstanden, dass Mamas gelber Fiat 500 nicht ohne Grund auf den Namen Luigi hört.

Für Fahrten durchs Wohnzimmer und Schlangenbildung an den Bahnübergängen der Holzeisenbahn eignen sich die unzähligen Protagonisten aus Cars 2 (Link zu IMDB) ebenfalls prima, wenngleich die Fortsetzung weder mich noch den kleinen Mann restlos begeistern konnte. Hier wollte man von allem zu viel in einen Film packen. Eine überfrachtete Story, die neben dem Thema Autorennen zusätzlich einen Geheimagentenplot beackert, eine schier endlose Zahl an neuen Figuren, die zu Schlagwortgebern verkommen, und konfuse Action lassen Cars 2 um einiges weniger charmant wirken als seinen Vorgänger. Daran ändert auch mehrmaliges Ansehen nichts.

Kann nun also ein dritter Teil nach 6 weiteren Jahren geraderücken, was Cars 2 aus der durch ihre zahlreichen Anspielungen auch erwachsenen Rennsportliebhabern ans Herz gewachsenen Marke gemacht hat? Eine Restskepsis hielt sich beim Betreten des Kinosaals trotz der vielversprechenden Trailer hartnäckig in meinem Kopf. Diese wurde aber bereits in den ersten Filmminuten weggewischt. Cars 3: Evolution (Link zu IMDB) ist genau die Evolution, welche Pixars Autohelden verdient haben.

Lightning McQueen ist zurück in seinem Element: der Rennstrecke. Dort fährt er mit seinen Konkurrenten sportlich und fair um die Wette. Die Teams respektieren sich gegenseitig und gehen herzlich miteinander um. Dieser fröhliche Rennzirkus wird empfindlich gestört, als der Hightechwagen Jackson Storm auftaucht und mühelos alle Rekorde bricht. Für ein Miteinander ist er nicht zu haben. Er kennt nur das reine Gegeneinander und das Streben nach dem Sieg. So kommt es, dass sich die alteingesessenen Rennautos nach und nach zum Aufgeben gezwungen sehen. Ein Generationenwechsel steht bevor. Eine Entwicklung, die der ehrgeizige Lightning McQueen  nicht einfach so hinnehmen will, obwohl er nach einem schweren Unfall erst zu alter Agilität und Geschwindigkeit zurückfinden muss. Mit seiner neuen Trainerin Cruz Ramirez im Schlepptau setzt er bei seiner Rehabilitation auf ganz eigene, unkonventionelle Methoden und weigert sich schlichtweg, auf den Technikhype aufzuspringen. Im Rennsport ist es nämlich wie überall im Leben: Es kommt nicht auf das bloße Equipment an, sondern vielmehr darauf, dass Herz und Verstand am rechten Fleck sitzen.

Mit einer Geschichte, die sich auf das Wesentliche konzentriert und Szenen, die das Herz von großen und kleinen Rennautofans höher schlagen lassen, ist Cars 3: Evolution ab der ersten Sekunde die Fortsetzung, welche Cars 2 schon hätte sein sollen. Durch die intensive Kameraführung fühlt man sich sofort, als säße man mitten auf dem heißen Asphalt zwischen Lightning McQueen und seinen Kollegen. Fast meint man, den Gummiabrieb und das Benzin riechen zu können. Wer schon einmal ein echtes Autorennen etwas genauer verfolgt hat, der wird die vielen liebevoll umgesetzten Details bemerken. Einführungsrunde und fliegender Start sind nur zwei einfache und offensichtliche Beispiele. Die Macher beweisen ein großes Herz für Motorsport. Satte Sounds runden das Gesamtbild ab und sorgen (besonders in Dolby Atmos) für echtes Rennfeeling.

Auf ihrer Trainingsreise durch das Land treffen Lightning McQueen und Cruz Ramirez auf alte und neue Gesichter, wobei sich die Anzahl letzterer in einem Rahmen bewegt, der nicht das Zuschauerhirn überlastet und alle Namen sofort wieder vergessen lässt. Wie gewohnt basieren viele der Protagonisten auf echten Rennlegenden. Einzig ein Demolition Derby, an dem der Champion zu Übungszwecken inkognito teilnimmt, war mir persönlich stellenweise etwas zu hektisch und unübersichtlich inszeniert. Angenehm ist auch, dass der in Cars 2 überpräsente und bisweilen sehr anstrengende Hook wieder als echte Nebenrolle auftritt. Das Zusammenspiel zwischen dem roten Flitzer und seiner ambitionierten Lehrerin und die Entwicklung der beiden Hauptcharaktere bietet genug Stoff für eine rundum spannende und herzerwärmende Geschichte.

Die Botschaften, die das neueste Abenteuer von Lightning McQueen seinen großen und kleinen Zuschauern mit auf den Weg gibt, sind in Zeiten, in denen Generationenkonflikte nicht nur im Sport schwelen, besonders wertvoll. Das Neueste vom Neuen ist nun einmal nicht gleichzeitig das Beste für alle. Sterile Technik garantiert kein echtes Rennfeeling. Manchmal muss man sich tatsächlich die Reifen schmutzig machen, um etwas Großes zu erreichen. Dabei darf man nie den Respekt vor den Alten und deren Errungenschaften verlieren, denn sportliche Wettkämpfe waren schon immer spannend. Außerdem sollte man nie eine Disziplin – sportlich oder anderweitig geartet – herabwerten, die für einen selbst von nicht ganz so großem Interesse zu sein scheint wie eine andere. Demolition Derbys oder Monster-Truck-Wettkämpfe zählen beispielsweise auch zum Motorport und erfordern von ihren Teilnehmern bestimmte Qualitäten. Und letztlich und endlich ist man nicht automatisch ein Verlierer, wenn man merkt, dass sich die eigenen Fähigkeiten im Laufe des Lebens ändern und man seinen Lebenswehg entsprechend anpassen muss.

Mit Cars 3: Evolution schafft das Team um Regisseur Brian Fee eine Wiederbelebung der Filmreihe, die großen und kleinen Kinogängern gleichermaßen Spaß bereitet und die bei den Fans an das Gefühl des erfolgreichen ersten Teils anknüpfen kann. Da zwischen Lightning McQueens Erstauftritt und diesem satte 11 Jahre liegen, vollzieht sich ein Generationenwechsel nicht nur auf der Leinwand, sondern auch im Kinosaal. Dadurch ist Cars 3: Evolution im Grunde obendrein ein Neustart, der großes Potenzial für weitere Fortsetzungen bietet. Der Sohn und ich, wir würden uns generationenübergreifend über solche freuen.

Dicker als Wasser

In dem Moment, in dem unser Sohn das erste Mal ein Bild von den Minions sah, haben die niedlichen Wesen auf der Stelle sein Herz erobert. Noch bevor wir die dazugehörigen Filme zusammen gesehen hatten, hat sich ein ganzer Plüschstamm dieser gelben Kreaturen in unserer Wohnung niedergelassen. Inzwischen kennt der Junior deren Abenteuer in bewegten Bildern und schwärmt gleichzeitig für den Big Boss der Minions: Gru. Da die Begeisterung für Leinwandabenteuer irgendwie erblich zu sein scheint und wir mit Feuerwehrmann Sam – Achtung Außerirdische! (Link zu meiner Kritik) und Bob, der Baumeister – Das Mega-Team (Link zu IMDB) bereits zwei Familienkinobesuche absolviert haben, ist es kaum verwunderlich, dass er für den neuesten Teil dieser Filmreihe nach Sichtung des Trailers lauthals den Gang in ein Lichtspielhaus verlangte. So haben wir einen Regentag für einen Mama-Sohn-Kinonachmittag genutzt und uns Ich – Einfach unverbesserlich 3 (Despicable Me 3, Link zu IMDB) angesehen.

Die Drehbuchautoren Cinco Paul und Ken Daurio erfinden ihre Serie zusammen mit den Regisseuren Kyle Balda und Pierre Coffin im aktuellen Abenteuer der wohl komischten Patchworkfamilie der Kinogeschichte nicht neu. Das müssen sie gar nicht, denn als Fortsetzung funktioniert die Story, in deren Verlauf sich die Macher durchgehend in den Vorgängern bewährten Handlungsmustern der Figuren bedienen, prima. Der auf die Seite der verbrechensbekämpfenden Agenten übergelaufene Gru (Steve Carell, deutsche Fassung: Oliver Rohrbeck) liebäugelt trotz Familienleben noch immer ein wenig mit seiner Vergangenheit als Schurke – besonders nach dem Verlust seines aktuellen Jobs aufgrund von akutem Versagen. Auch sein plötzlich Kontakt suchender, vermögender Zwillingsbruder Dru setzt alles daran, in ihm den alten Gauner für einen gemeinsamen Coup ein letztes Mal zu wecken. Obwohl das seiner Frau Lucy (Kristen Wiig, deutsche Fassung: Martina Hill) ganz und gar nicht passt, nutzt Gru die Gelegenheit und schmiedet einen Plan, der es ihm obendrein ermöglichen soll, sich an dem Fiesling Balthazar Bratt (Trey Parker, deutsche Fassung: Joko Winterscheidt) zu rächen, der ihm den Rausschmiss aus der Anti-Verbrecher-Liga beschert hat.

Was Ich – Einfach unverbesserlich 3 zu einem absolut gelungenen Film für die Groß und Klein macht, sind nicht nur die wohldosierten Auftritte der Minions, sondern auch die ein weiteres Mal unglaublich schrägen und gleichzeitig unvergleichlich charmanten Figuren. Von diesen ist jede einzelne vielschichtiger, als es auf den ersten Blick erscheinen mag. Genau deshalb ist ihre verrückte, schrullige Animationswelt spürbar nahe an der Realität und lässt den Zuschauer bei genauerer Betrachtung einiges lernen. Während sich bei uns – mit großer Unterstützung der (sozialen) Medien – noch der Kopf über Familienbilder zerbrochen wird, sich Verfechter verschiedenster Lebens-, Rollen-, und Erziehungsmodelle verbale Gefechte bis an den Rand des Erträglichen liefern und man den Eindruck hat, dass so manche Eltern andere ihrer Art wegen verschiedener Meinungen am liebsten zerfleischen würden, wird bei Familie Gru einfach gehandelt. Die auf diesem Gebiet recht unbedarfte Lucy erfährt beispielsweise, dass das Mamasein täglich mit neuen Herausforderungen aufwartet. Genau aus diesem Grund gerät sie – wie alle Mütter (und Väter) – im Laufe der Geschichte immer wieder an Punkte, an denen etwas bei der Erziehung ihrer drei grundverschiedenen Adoptivkinder neu für sie ist und sie gezwungen ist, nach dem Prinzip von Versuch und Irrtum nach passenden Lösungen zu suchen. Irren ist menschlich und was moderne Eltern sich und anderen zu oft nicht zugestehen, ist fester Bestandteil der Welt von Ich – Einfach unverbesserlich 3. Wie heißt es doch so schön: Hinfallen, aufstehen, Krone richten und weitergehen. Fehler einräumen, daraus lernen, sich gegenseitig unterstützen und dabei bloß nicht den Mut verlieren. Die Wichtigkeit und Richtigkeit dieses Prinzips müssen alle Mitglieder der bunt zusammengewürfelten Sippschaft rund um Gru lernen – sogar die Minions, die ihrem Boss die Gefolgschaft kündigen und nach diversen Eskapaden im Gefängnis landen. Blut ist dicker als Wasser und Familie ist kein festes Bild, sondern eine Frage des Gefühls und der individuellen Definition. Gäbe es im richtigen Leben mehr Menschen mit dem Gemüt der kleinen Agnes, die statt einem Einhorn eben (nur) die beste Ziege der Welt bekommt und sich über diese so sehr freut, als wäre sie das sehnlichst erhoffte Fabeltier … die Welt wäre eine Bessere.

Diese Feinheiten, ebenso wie die vielen kleinen Seitenhiebe auf Hollywood und die 80er Jahre, bleiben den jüngsten Zuschauern freilich verborgen. Den Spaß an Ich – Einfach unverbesserlich 3 mindert das jedoch dank jeder Menge Slapstickeinlagen für sie nicht. Darüber hinaus passt die musikalische Untermalung in jeder Szene wie Grus Faust im furiosen Endkampf auf das Auge des durchgeknallten Balthazar Bratt. Erwachsene freuen sich über die Zeitreise in die 80er Jahre, während die Kleinen ihre Ohren spitzen und etwas Neues hören können.

Ein Wermutstropfen ist für mich das atemlose Erzähltempo, das bei Ich – Einfach unverbesserlich 3 im Vergleich zu den Vorgängern um einige Stufen erhöht wurde. Das hätte nicht sein müssen und raubt den Zuschauern – vor allem den jüngeren – die Gelegenheit, länger bei den lieb gewonnenen Figuren zu verweilen und die grandios umgesetzten Animationen zu genießen. Ferner wirkt die geschmacklose Anspielung auf die Konkurrenz von Disney/Pixar gleich zu Beginn des Films absolut unangebracht und unnötig.

Davon abgesehen – da stimmt mir mein Sohn eifrig nickend zu – ist den Machern ein weiteres Mal großartige Familienunterhaltung gelungen, die man bedenkenlos weiterempfehlen kann.

Kinocomeback

Der Geruch von Popcorn! Das Gefühl, in einem Kinosessel zu sitzen! War das lange her! Umso größer war meine Begeisterung, als ich nach fast genau 2 Jahren und 7 Monaten wieder ein Lichtspielhaus betrat. Das Beste daran: Dieses Mal begleitete mich neben meinem geliebten Ehemann auch unser Sohn. Letzterer schnupperte zum ersten Mal in seinem Leben Kinoluft und war sofort Feuer und Flamme – und das nicht nur weil sein Lieblingsheld, Feuerwehrmann Sam, eifrig über die große Leinwand huschte und diverse Brände löschte. Möglicherweise liegt ihm die Faszination für Filmpaläste ja im Blut.

Mit Feuerwehrmann Sam – Achtung Außerirdische! (Fireman Sam: Alien Alert, Link zu MoviePilot) hatten wir für unser Kinocomeback gleich ein echtes Highlight erwischt. Der kleine Mann liebt die Abenteuer der fleißigen Feuerwehrleute aus dem walisischen Küstenstädtchen Pontypandy heiß und innig, und ich halte diese für eine der derzeit besten Serien für die klein(st)en Zuschauer. Sowohl die alten, noch in Stop-Motion-Technik produzierten, als auch die neuen Folgen von Feuerwehrmann Sam (Link zu Wikipedia) sind mit ihrer Länge von nur 10 Minuten und den wenigen, äußerst liebenswerten Charakteren perfekt für junge Feuerwehrfans geeignet. Humorige Hintergrundgeschichten und augenzwinkernde Anmerkungen sorgen dafür, dass die Eltern beim gemeinsamen Ansehen mit dem Nachwuchs ebenfalls gut unterhalten werden.

Wo Feuerwehrmann Sam draufsteht, ist Feuerwehrmann Sam drin. Das gilt auch für den neuen Film. Wie der Titel besagt, bekommen es die Bewohner von Pontypandy dieses Mal mit fliegenden Untertassen zu tun. Um den seltsamen Erscheinungen auf den Grund zu gehen, begibt sich der berühmte Weltraumdetektiv und Fernsehstar Buck Douglas (im Original passenderweise gesprochen von David Tennant) in das beschauliche Örtchen. Dessen Ankunft versetzt – angefangen bei Schlitzohr Norman Price bis zum gutherzigen und musikbegeisterten Feuerwehrmann Elvis Cridlington – endgültig die gesamte Bevölkerung in helle Aufregung. Einzig und allein Feuerwehrmann Sam Jones kann dem ganzen Trubel nichts abgewinnen und steht dem Neuankömmling kritisch gegenüber. Immerhin sorgt der mit wilden Geschichten dafür, dass er seine alienjagenden Mitbürger ständig aus brenzligen Situationen befreien muss.

Wer altersmäßig der sehr jungen Zielgruppe entwachsen ist, sollte sich Feuerwehrmann Sam – Achtung Außerirdische! dennoch mit Kinderaugen ansehen. Für diese ist der Film schließlich gemacht. Wenn ich lese, dass sich diverse Kritiker über den zugegebenermaßen sehr leicht durchschaubaren Plot, die kurze Spieldauer und die einfach gehaltenen Animationen mokieren, kann ich offen gestanden nur die Stirn runzeln. Um diese Dinge geht es dem eigentlichen Publikum nämlich keinesfalls. Ganz im Gegenteil wäre es meines Erachtens sogar kontraproduktiv, würde man hier plötzlich eine bombastische Special-Effects-Show abliefern, in der sich jeder Grashalm und jeder Zweig bewegt. Zu viel Gewusel, zu sehr verzweigte Handlungsstränge und zu viele Darsteller überfordern die Jüngsten leicht. Wer High-End-Animationen sehen will, der schaut sich die Werke von Pixar und Illumination Entertainment an, die jedoch allesamt – trotz Freigabe ohne Altersbeschränkung – eine nicht von der Hand zu weisende Komplexität besitzen, welche Kinder erst ab einem späteren Alter annähernd alle Details erfassen lässt.

60 Minuten sind absolut ausreichend, um eine unterhaltsame Geschichte zu präsentieren, die für Groß und Klein viele Momente zum Lachen und Mitfiebern bietet. Wann immer ich mich im Kinosaal umgehen habe, blickte ich ringsum in leuchtende Kinderaugen und konnte ich – inklusive unserem Sohn – jede Menge glühende Feuerwehrmann-Sam-Fans beobachten, die wild gestikulierend mitgefiebert haben, zu einer Story die – ungeachtet ihrer einfachen Struktur – aktueller kaum sein könnte. Mit dem Versuch der (endlich in einer 3D-Animationsversion zurückgekehrten) Pizzabäckerin Bella Lasagne gemeinsam mit Erfinder Joe Sparks, einen futuristischen Lieferservice in Pontypandy zu etablieren, der leckeres italienisches Essen per Flugdrohne beim Kunden abliefern soll, bekommt sogar Amazon einen geschickten Seitenhieb verpasst.

Das Wertvollste an Feuerwehrmann Sam – Achtung Außerirdische! ist, was neben den obligatorischen Sicherheitstipps vermittelt wird:

  • Glaubt nicht alles, was euch aufgetischt wird, selbst wenn es irgendwo schwarz auf weiß geschrieben steht.
  • Folgt nicht jedem (vermeintlichen) Hype, nur um dabei zu sein.
  • Bleibt kritisch und wachsam und scheut euch nicht, Dinge zu hinterfragen.
  • Hört auf euer Bauchgefühl.

In einer Zeit, in der sich Verschwörungstheoretiker, Aluhutträger, Selbstdarsteller und Fakenewsverbreiter lauthals in den sozialen Medien breit machen und dort eine beängstigend große Anhängerzahl um sich scharen, kann es meiner Meinung nach kaum bessere Botschaften für die kommende Generation geben.

Für uns war der erste Familienkinobesuch dank Feuerwehrmann Sam – Achtung Außerirdische! ein voller Erfolg. Nun warten wir gemeinsam sehnsüchtig auf die Veröffentlichung der Kaufversion zum Immer-wieder-Ansehen im Mai.

Gelbe Gemeinschaft

Sich um einen kleinen Menschen zu kümmern und ihm beim Aufwachsen zu helfen, ist nach wie vor die Aufgabe, welche die meiste Zeit meines Tages bestimmt. Sie verlangt mir einigen Einsatz ab und bereitet mir gleichzeitig unglaubliche Freude. Meine Hobbys müssen derweil weiterhin hintanstehen. Im Schrank stapeln sich die DVDs und Blu-rays und warten darauf, angesehen zu werden. Die Begeisterung für Filme und TV-Serien ist mir in den vergangenen Monaten freilich nicht abhanden gekommen. Umso schöner war es, als der Ehemann und ich unlängst endlich wieder einmal Zeit hatten, uns dieser gemeinsamen Passion hinzugeben. Gemeinsam geschaut haben wir Minions (Link zu IMDB), den mittlerweile dritten Film mit den niedlichen, gelben Superschurkenhelferlein.

Warum bei jedem der beiden Teile von Ich – Einfach unverbesserlich (Despicable Me, Link zu meiner Kritik des zweiten Teils) und nun auch bei den Minions im Vorhinein meine Erwartungen verhältnismäßig niedrig waren, kann ich nicht genau sagen. Jedes Mal war ich von den Trailern begeistert und gleichzeitig unsicher, ob man ein solch hohes Niveau an Gags und Sympathie über die gesamte Filmlänge würde halten können. Jedes Mal konnte mich das Team um Regisseur Pierre Coffin und Produzent Chris Meledandri eines Besseren belehren.

In Minions wird erstmals die Entstehungsgeschichte der pillenförmigen Lebewesen mit dem sonnengelben Gemüt und dem unstillbaren Hunger nach Bananen enthüllt. Von der Ursuppe an treibt die Minions die Suche nach dem ultimativen Superschurken, ihrem Big Boss, zu immer neuen Höchstleistungen. Aller Mühe zum Trotz steht der Stamm irgendwann im Laufe der Geschichte dennoch ohne Anführer da. Mit dem schlauen Kevin, dem musikalischen Stuart und dem kindlichen Bob brechen drei mutige Individualisten schließlich auf, um dieser Misere ein Ende zu bereiten. Auf ihrer Reise um die Welt müssen sie aberwitzige Abenteuer bestehen. Bis sie – wie der geneigte Fan aus den ersten beiden Filmen weiß – Gru (Steve Carell) treffen, ist es ein langer Weg.

Den besonderen Charme von Minions machen nicht alleine die allseits bekannten und unglaublich sympathischen Namensgeber aus. Jede einzelne der Figuren ist so perfekt unvollkommen und fehlerhaft, dass man sie – ganz unabhängig von ihrer Gesinnung – nur in Herz schließen kann. Wenn die Minions sich bei den fiesesten Fieslingen der Welt auf der streng geheimen Messe „Villain-Con“ bewerben, können sich nicht nur eingefleischte Comicfans und erfahrene Conventiongänger vor Lachen kaum mehr halten. Sei es die vom großen Ruhm träumende Superschurkin Scarlet Overkill (Sandra Bullock) oder ihr in vollkommender Ergebenheit förmlich zerfließender Ehemann Herb (Jon Hamm), jeder Charakter ist von der Pike auf durchdacht und mit viel Liebe zum Detail gestaltet.

91 Minuten lang präsentiert Minions keine weichgespülte, heile Welt, sondern ist an Aktualität kaum zu übertreffen. Wer sich darauf einlässt, kann eine Menge Botschaften entdecken, die neben allem Spaß im Nachhinein durchaus zum Nachdenken anregen können. Man muss nämlich nicht immer die gleiche Sprache sprechen, um sich zu verständigen – respektive Banana sprechen, um die Minions zu verstehen. Was könnte unsere reale Welt davon profitieren, wenn wir dem Unbekannten so ungeniert und mutig gegenüberträten, wie Kevin, Stuart und Bob! Auch ist der Zusammenhalt der gelben Gemeinschaft innerhalb des gesamten Minion-Stammes einzigartig und absolut inspirierend. Nicht zu vergessen, dass so mancher (vermeintlicher oder tatsächlicher) Übeltäter auch in der Realität mehr Facetten als sein bedrohliches Äußeres und furchterregendes Gebaren hat und man sich bei Einschätzungen seines Gegenüber und dessen mögliche Fähigkeiten niemals nur auf ein (unscheinbares) Äußeres verlassen sollte. Dies sind nur ein paar Beispiele, wie man Minions ebenfalls betrachten kann.

Alles in allem kann ich kleinen und großen Animationsfans diesen in jeder Hinsicht wunderbar gemachten Film nur empfehlen. Jüngere Zuschauer können gewiss nicht jede Anspielung aus Popkultur und Zeitgeschichte erkennen, sich aber trotzdem an genug Slapstick-Einlagen erfreuen. Für mich persönlich hat sich die Anschaffung der Blu-ray (Link zur produktweite auf Amazon.de) absolut gelohnt. Preis, Qualität und Extras stimmen und um alle Feinheiten zu Entdecken, sollte man sich Minions auf jeden Fall mehr als ein Mal ansehen.

Verbranntes Potenzial

Es ist schon eine Weile her, da berichtete ich über Burn Notice und darüber, warum mir diese TV-Serie so gut gefällt (Link zu meinem Artikel aus dem Jahr 2012). Inzwischen wurde die Geschichte um den von der CIA unehrenhaft aus dem Dienst entlassenen Agenten Michael Westen und sein schlagfertiges Team zu Ende erzählt. Nachdem sich der Tagesrhythmus unserer kleinen Familie vorerst eingependelt zu haben scheint, haben der Ehemann und ich in den vergangenen Wochen wieder etwas mehr Zeit für gemütliche abendliche Stunden und zum DVD-Schauen gefunden. Immerhin haben wir einiges aufzuholen. Jüngst sahen wir uns also die siebte und letzte Staffel von Burn Notice an.

Ein über mehr als 100 Folgen gewachsenes Konstrukt zu einem Serienende zu führen, das sich sowohl zeitlich als auch storytechnisch nahtlos an alle vorherigen Handlungsstränge anfügt und einen tatsächlichen Schlusspunkt setzt, ist für alle Beteiligten sicherlich immer schwierig. Dass dies kein unmögliches Unterfangen ist, beweisen konsequent zum Ziel geführte Konkurrenzproduktionen wie Breaking Bad und The Wire. Leider kann sich Burn Notice nicht in die Riege der in meinen Augen von A bis Z gelungenen TV-Serien einreihen. Zu stark fällt Staffel 7 qualitativ im Vergleich zu ihren Vorgängern ab. Zu konstruiert, lückenhaft und gehetzt wirkt Michael Westens letzte Mission, zu pseudo-dramatisch und gewollt die finale Folge. In Anbetracht der Tatsache, dass ich noch bis zum Ende der sechsten Staffel erstaunlich wenig zu beanstanden hatte, empfinde ich dies als äußerst bedauerlich.

Im Folgenden gehe ich noch etwas genauer auf die Geschehnisse des finalen Agentenabenteuers ein. Deshalb ergeht an dieser Stelle eine

!!! SPOILERWARNUNG !!!

Dass es in den Reihen der Geheimorganisationen hinter jedem Hintermann einen weiteren und noch gefährlicheren Gegner gibt, haben Fans im Verlauf von sechs Staffeln Burn Notice gelernt. Warum also mussten die Macher ausgerechnet zum Schluss noch einmal ein komplett neues Fass aufmachen? Entgegen allen lieb gewonnenen Regeln der Serie wird Michael Westen (Jeffrey Donovan) von der CIA auf eine langwierige Undercover-Mission geschickt. Seinen alten Job, den er so gerne zurück haben wollte, übt er dabei nicht freiwillig aus, sondern gezwungenermaßen. Sollte Michael versagen, drohen seinen Freunden und sogar seiner Mutter (Sharon Gless) lebenslange Gefängnisstrafen. Daher folgt der Superagent brav seinen Befehlen und infiltriert eine brandgefährliche Allianz von ehemaligen Agenten, die allerdings nicht mit üblichen Motiven aufwartet, sondern ihrerseits dort eingreift, wo die Justiz versagt. Dies bringt ihn, der die ganze Zeit über ähnlichen Leitgedanken folgte, in Gewissenskonflikte. Hinweise auf die große und unglaublich gut organisierte Gruppe gab es in der gesamten Serie zuvor keine. Dabei hätte einem übermächtigen und mit schier endlosen Mitteln ausgestatteten Netzwerk das Tun des in Miami gestrandeten Agenten schon lange auffallen müssen – und umgekehrt.

Kleinere Aufträge gibt es für Herrn Westen nur in Verbindung mit seiner großen Aufgabe. Zwar involviert er hier und da Sam Axe (Bruce Campbell), Fiona Glenanne (Gabrielle Anwar) und Jesse Porter (Coby Bell), die jedoch gleich einen ganzen Haufen eigener Probleme wälzen. Das Zusammenspiel der Charaktere verliert durch diesen schweren Ballast extrem an jener der Serie so eigenen Leichtigkeit.

Generell ist plötzlich nichts mehr wie es vorher war. Von sämtlichen bewährten Prinzipien wird systematisch abgewichen. In gleichem Umfang wie der Joghurtkonsum der Protagonisten schwindet auch deren Spaß an der Teamarbeit. Verwunderlich ist das nicht, büßt Michael Westen doch plötzlich ein großes Maß seiner Zielstrebigkeit ein und wird als leicht beeinflussbar und wechselhaft dargestellt – zwei Eigenschaften, die dem sonst so cleveren Helden überhaupt nicht liegen. Alles gipfelt in einem Finale, das zwar mit einigen liebevollen Anspielungen aufwarten kann und vom Prinzip her einen für mich – bis auf das Opfer von Madeline Westen – annehmbaren Ausklang präsentiert, aber in mehrfacher Hinsicht an allen Ecken und Enden zusammengeschustert und überfrachtet wirkt.

Als Totalausfall kann ich Burn Notice trotz allem auf keinen Fall einstufen. Einschließlich Staffel 6 gilt meine Empfehlung weiterhin ohne Einschränkungen. Es geht mir nur ähnlich wie bei Dexter: ich wittere eine Menge verbranntes Potenzial und komme nicht umhin, mir bessere Finalszenarien auszumalen.

Information und Perfektion

Noch wird das familiäre Abendprogramm dank unserem gerade sechs Wochen alten Sohn täglich neu durcheinander gewirbelt. Zeit für DVDs haben wir seit der Geburt keine gefunden. Meistens ist es die Müdigkeit, die den Ehemann und mich am Ende des Tages zusammengesunken auf dem Sofa nur noch kurz durchs Fernsehprogramm schalten lässt. Bei einem dieser Durchgänge sind wir gestern Abend zeitweise bei der Sendung Odysso im SWR hängengeblieben. Die Folge hieß Der Traum vom perfekten Kind (Link zur Unterseite der Sendung auf swr.de) und behandelte Chancen und Risiken der Pränataldiagnostik.

Auch wir haben während meiner Schwangerschaft eine Nackenfaltenmessung sowie eine eingehende Untersuchung des mütterlichen Blutes machen lassen. Ausschlaggebend dafür, dass wir uns für diese für das Baby ungefährlichen Tests entschieden haben, waren Behinderungen in der weiteren Verwandtschaft meines Mannes. Die Chancen, Risiken und Probleme von derlei Analysen und ihren Ergebnissen behandelte die empfehlenswerte Sendung, die man in der Mediathek des SWR (Link zu Odysso in der SWR-Mediathek) sicher in Kürze ansehen kann, ausführlich und nahezu erschöpfend. Letztendlich müssen Eltern allesamt für sich und im Einzelfall entscheiden, ob sie derartige Untersuchungen durchführen lassen wollen. Immerhin sind diese nicht gerade günstig und müssen selbst gezahlt werden. Viel wichtiger noch: Die Entscheidungsverantwortung – und das ist mitunter eine große – liegt am Ende bei ihnen allein, wenngleich man stets bedenken sollte, dass das Ergebnis (noch) nicht in einem abschließenden Urteil, sondern lediglich in einer Wahrscheinlichkeitsberechnung besteht. In unserem Fall ist jenes bestmöglich ausgefallen, wofür ich nach wie vor unendlich dankbar bin.

Was uns beim Zuschauen im Fernsehen auffiel, war das korrekte und besonnene Handeln der Ärzte in unserem Fall. Sowohl bei meiner Gynäkologin, als auch bei dem Kollegen, der den speziellen 3D-Ultraschall zur Nackenfaltenmessung durchgeführt hat, sind wir ausführlich beraten und über die derzeit doch immer noch mit Vorsicht zu genießende Aussagekraft der Methoden aufgeklärt worden. Beide forschten mehrfach nach, ob wir mit dem Ergebnis – egal wie dieses ausfallen mochte – umgehen können und nichts überstürzen würden. Ein solches Verhalten ist unglaublich viel wert und nicht selbstverständlich. Ich kann mir gut vorstellen, dass viele Ärzte die bloßen Zusatzeinnahmen sehen, die Eltern zur Entscheidungsfindung lediglich mit Broschüren ausstatten und das Ergebnis am Ende knapp verkünden, statt es in Ruhe samt aller Möglichkeiten zum weiteren Vorgehen zu besprechen. Verunsicherte Eltern und Überreaktionen sind dann fraglos vorprogrammiert.

Zu oft habe ich in meinem Leben schlechte Erfahrungen mit Medizinern gemacht. Allen voran mit meinem Kinderarzt, der sich bei dem Kontakt mit mir stets auf die Behandlung beschränkt hat. Gesprochen hat er nur mit meinen Eltern. Auf Fragen und Wünsche meinerseits ist damals in keinster Weise eingegangen worden, weshalb ich mich bei den Untersuchungen stets ausgeliefert und machtlos gefühlt habe. In Kombination mit weiteren Vorfällen und einer ausgeprägten Phobie vor Nadeln entwickelte ich eine regelrechte Panik vor Weißkitteln. Beispielsweise gab es Ärzte, die entschieden haben, dass es für mich im Grundschulalter besser war, meinen an einem Herzinfarkt erkrankten und auf der Intensivstation liegenden Vater nicht zu besuchen. Dabei ging es nicht um eine Infektionsgefahr, sondern nur darum, dass ich die Schläuche und Maschinen nicht sehen sollte, an die er angeschlossen war. Niemand dachte daran, dass es für mich viel schlimmer war, vor der Türe warten zu müssen und nichts zu sehen, als meinem Vater in einer ungewohnten und auf den ersten Blick seltsamen Umgebung nahe sein und mich von seiner langsamen Genesung überzeugen zu können.

Durch den natürlichen Fluchtreflex bei Angst schnellt mein Blutdruck bis heute in jeder Praxis sofort in die Höhe. Dagegen tun kann ich nichts. Ich kann lediglich damit leben. Wegen dem weit verbreiteten Unverständnis für diese Reaktion, musste ich mir bereits mehrfach neue Ärzte suchen. Was zählt, ist gegenseitiges Vertrauen. Dabei gehe ich mittlerweile ganz offen mit meinem Problem um und habe mich zu einer mündigen Patientin entwickelt, die notfalls so lange nachfragt, bis ihr alle nötigen Auskünfte vorliegen. Viel wichtiger, als der bei Odysso propagierte Wunsch durch Information Perfektion herstellen zu können, ist es für mich nämlich zu jeder Zeit perfekt informiert zu sein und auf Basis dessen ganz individuell und höchstpersönlich die richtigen Entscheidungen treffen zu können.

Das optimale Maß an Information ist dabei in meinen Augen nicht immer gleich der Fülle aller noch so kleinen Details. Ich bin der Überzeugung, dass man überinformiert werden kann. So erging es mir bei einem Ultraschalltermin während der Schwangerschaft, bei dem festgestellt wurde, dass der Bauchumfang des Babys etwas größer als der Durchschnitt, aber trotzdem noch innerhalb der Perzentilenkurven war. Zweifellos ist es sinnvoll über eine alle Entwicklungen informiert zu sein. Allerdings ergoss meine Frauenärztin eifrig einen regelrechten Schwall an möglichen Diagnosen über mich, die man hätte treffen können, wenn dieser Zustand sich nicht geändert hätte – nur um alles beim nächsten Termin wieder zu relativieren. Die Verunsicherung meinerseits war entsprechend groß, obwohl ich mich innerlich stur weigerte, zu viel in etwas hineinzuinterpretieren, das sich doch im Normbereich bewegte. Letzten Endes – und genau so traf es zu – sind wir Menschen so verschieden und keiner von uns entwickelt sich gleich. Das gilt innerhalb und außerhalb des warmen Mutterbauchs. Meiner Meinung nach tritt Überinformation heutzutage immer häufiger auf. Von den absolut sinnvollen Fortschritten in der Medizin, den vielen beeindruckenden Möglichkeiten zur Diagnose und den unzähligen Wegen entsprechend früh zu reagieren und vorbeugend zu handeln abgesehen, gibt es von jeher Fälle, in denen weniger mehr ist.

Es kommt also auf die Situation und auf das Individuum an, welche Informationen wirklich benötigt werden und welche überflüssig sind, vor allem in Hinsicht auf medizinische Belange. Als Mutter werde ich darauf achten, dass mein Sohn was ihn betrifft immer gut informiert ist und ausschließlich von verständnisvollen Ärzten behandelt wird, die auf ihn eingehen – egal wie klein er ist – die ihn gewissenhaft beraten und die ein Gespür für den sinnvollen Umgang mit den ihnen vorliegenden Informationen haben. Aus Erfahrung weiß ich inzwischen, dass es solche gibt. Darüber hinaus rufe ich mir eine Tatsache immer wieder aufs Neue ins Gedächtnis: Kinder nehmen grundsätzlich mehr wahr als man denkt.

Extreme Ermittlungen

Was hat es bloß mit der neuerlich aufkeimenden Begeisterung von Autoren für Geweihe auf sich? Diese Frage stellte sich mir jüngst, nachdem der tierische Kopfschmuck bereits in der zweiten TV-Serie in Zusammenhang mit grausamen Morden einen Auftritt hatte. Ist die sich verstärkende Landlust des Publikums der Grund dafür? Oder besinnen sich die Schreiber wieder zurück auf die Natur, weil Hightech-Tötungsmethoden bereits genug beackert wurden? Ich weiß es nicht. Genau genommen ist es mir relativ egal. Die Hauptsache ist schließlich, dass das Endprodukt zu fesseln weiß. Dies trifft sowohl auf Hannibal, als auch auf True Detective zu, jene beiden Serien, in denen bei Mordopfern Gehörn präsentiert wird.

Neben dem Auftauchen eines Geweihs kann man, sofern man möchte, einige weitere Parallelen zwischen Hannibal und True Detective ziehen. Das bedeutet gleichzeitig nicht, dass sich hier jemand bei den Ideen des Anderen schamlos bedient hat. Zumindest habe ich diesen Eindruck nicht. Da ich die ersten Staffeln beider Serien in den vergangenen Wochen recht kurz hintereinander gesehen habe, drängt sich in meinem Kopf ein direkter Vergleich geradezu auf – selbst wenn mann aufgrund von genügend Unterschieden vielleicht nicht vergleichen sollte. An dieser Stelle sei erwähnt, dass von Hannibal mehr Folgen existieren, ich bisher jedoch nur die erste Staffel gesehen habe und damit lediglich diese in meine Überlegungen einbeziehen kann.

Der von Thomas Harris erdachten Kannibale Hannibal Lecter ist eine große und schillernde Figur der modernen Spannungsliteratur. Besonders der chronologisch letzte Teil der Tetralogie um den gebildeten Menschenfresser hat mich so sehr begeistert, dass er nach wie vor zu meinen Lieblingsbüchern zählt. Die Verfilmung von „Hannibal“ war indes in meinen Augen gelinde gesagt eine Katastrophe. Auch halte ich es für fraglich, ob sich der Autor einen Gefallen damit tat, 2006 mit „Hannibal Rising“ eine ziemlich verworrene Vorgeschichte zu präsentieren.
Genau hier setzt allerdings die TV-Serie an. Nicht ganz so früh wie das Buch, aber früher als der zuerst veröffentlichte Lecter-Roman „Roter Drache“. Da Hannibal ausdrücklich lediglich auf den Werken des Schriftstellers basiert, gibt es selbstredend etliche Unterschiede zur Vorlage. Dies wäre nicht weiters schlimm, würde die Welt von Hannibal Lecter hier und da nicht zu sehr verbogen. So verfügt FBI-Profiler und Gegenspieler Will Graham plötzlich über wundersame Fähigkeiten, die ihm beim Anblick eines Tatorts oder dem Anfassen einer Leiche derart viele Details verraten, dass er den Tathergang im Nu rekonstruieren kann. Mir persönlich erscheint er dadurch zu übermächtig. Ähnlich erging es mir mit der Figur des John Luther in der gleichnamigen BBC-Serie. Ich ließ mich an anderer Stelle darüber aus (Link zum Artikel). Glücklicherweise wurde jenes Problem bei Luther im Laufe der Serie geschickt gelöst und der Charakter schnell an seine Grenzen gebracht. Deshalb hoffe ich, dass es Will Graham in der zweiten Staffel ähnlich ergehen wird. Ich möchte als Zuschauer nämlich lieber gefordert werden, mitdenken und mich quasi als Ermittler im Hintergrund fühlen, als mir alles gemütlich vorkauen zu lassen. Sonst vergeht mir relativ schnell der Spaß.
Schauspielerisch gibt es an der Besetzung von Hannibal nichts auszusetzen. Der extrem wandelbare Mads Mikkelsen glänzt in der Rolle des als Psychiater arbeitenden Kannibalen, Hugh Dancy überzeugt als mit sich und seiner Arbeit hadernder Will Graham, und Laurence Fishburn mimt den pragmatischen Direktor der FBI-Verhaltensforschungseinheit routiniert.

Dass es bei der Geschichte um den Menschenfleich-Gourmet in Sachen Gewalt und Opferdarstellung nicht zimperlich zugehen darf, versteht sich von selbst. Die explizite Darstellung von Grausamkeiten ist aber nicht das Einzige, was Hannibal und True Detektive gemein haben. So gibt es in der von Autor Nix Pizzolatto geschriebenen und durchgehend unter der Regie von Cary Joji Fukunaga entstandenen TV-Serie ebenfalls einen äußerst begabten Ermittler. Dessen Fähigkeiten und Visionen sind hingegen stets rational erklärbar, wodurch er nicht dermaßen der Welt entrückt wirkt wie sein kannibalenjagender Kollege. Egal wie gut Rust Cohle seinen Job als Detective in Louisiana ausführt, es bleibt immer genug Raum für mich als Zuschauer zum Mitraten. Dabei ist es irrelevant, ob der von Matthew McConaughey überragend gespielte, schrullige und bis zur Schmerzgrenze realistische Mordermittler in ausnahmslos jeder Situation das letzte Wort hat. Mit seinem wesentlich naiveren Kollegen Marty Hart, kongenial gemimt von Woody Harrelson, ist er im Jahr 1995 auf der Suche nach einem Killer, der die Bayous unsicher macht.

Die Musikuntermalung spielt bei Hannibal wie bei True Detective eine wichtige Rolle, wobei sie bei ersterer Serie eher unterstützend wirkt, wohingegen die Story um die beiden ungleichen Partner in den Südstaaten erst durch den wuchtigen Soundtrack zum perfekten Gesamtkunstwerk vervollständigt wird. Selten hat mich ein Vorspann so beeindruckt, dass ich ihn mir bei jeder Folge komplett und ohne Vorspulen angesehen habe. Auch was die Erzähltechnik anbelangt kann True Detective punkten. Durch die faszinierende Verbindung von Szenen aus der Vergangenheit und solchen aus dem Jetzt, in denen die Protagonisten über ihre gemeinsamen Erlebnisse berichten, ist der Zuschauer ständig gefordert und die Präsentation bleibt so abwechslungsreich, wie es eine lineare Erzählung niemals sein kann. Selbstverständlich wird diese Art, die Story zu inszenieren dadurch begünstigt, dass man sich bei True Detective im Gegensatz zu Hannibal für ein Anthologieformat und keine Fortsetzungsgeschichte entschied. Dies birgt den großen Nachteil, dass die Abenteuer von Rust und Marty am Ende der insgesamt 8 Folgen abgeschlossen ist und es in der zweiten Staffel kein Wiedersehen mit den beiden exzellenten Schauspielern geben wird – egal wie sehr ich dies bedauere. Getreu dem Motto „aufhören wenn es am Schönsten ist“, kann man dies freilich gleichermaßen als Stärke auslegen.

True Detective ist erfrischend anders als alle bisher dagewesenen Krimiserien, wenngleich viele bekannte Klischees und Stereotype bemüht werden. Der einsame und mit seinen inneren Dämonen kämpfende Ermittler, der in seiner karg eingerichteten Wohnung nur auf einer Matratze schläft, der starrköpfige und leicht erregbare Chef, der seinen Mitarbeitern keinen Glauben schenkt und eine Menge verdächtig aussehende Hinterwäldler sind nur einige Beispiele. Es ist der Fokus auf zwischenmenschliche Beziehungen, der das aus all den bewährten Dingen angeordnete Muster neu erscheinen lässt. Kombiniert mit messerscharf ausgefeilten Dialogen, einer Kameraführung, die insbesondere in den wenigen Actionszenen (eine davon 6 Minuten am Stück gefilmt!) ihresgleichen sucht und einem recht gemächlichem Erzähltempo ist True Detective in meinen Augen ein absolutes Muss für jeden Fan von extremen Ermittlungen sowie spannungsgeladener Fernsehunterhaltung und rangiert in meiner persönlichen Liste der Lieblings-TV-Serien schon jetzt ganz weit oben.

Obwohl die Detectives aus Louisiana für mich im Vergleich des möglicherweise Unvergleichlichen die Nase klar vorn haben, halte ich auch Hannibal wie eingangs bereits erwähnt für eine sehenswerte, jedoch nach er ersten Staffel (noch) nicht überragende TV-Serie. Dennoch bin ich gespannt, wie es mit dem Kannibalen und seinem begabten Kontrahenten weitergeht, zumal ich gelesen habe, dass einige meiner Lieblingscharaktere aus oben erwähntem Buch einen Auftritt haben werden.

Für Interessenten verlinke ich als Abschluss zu den Produktseiten der DVD-Boxen der jeweils ersten Staffeln von True Detective und Hannibal auf Amazon.co.uk.