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Die Windsbraut

Vor dem Fenster bläst der Wind durch die Bäume. Im Haus hört man ab und an Türen zuknallen, wenn sich ein Windstoß an ihnen zu schaffen macht. Das lässt mich an einen lustigen Verhörer aus meiner Kindheit denken.

Wenn bei meiner Oma im Haus eine Tür vom Wind zugeschlagen wurde, sagte sie immer: „Hui! Die Windsbraut!“ Sie murmelte das weniger für mich, als vielmehr vor sich hin. Eine Redewendung eben. Dass der Wind schuld war an dem Geräusch war mir als Kind bewusst. Ich hielt es deshalb nicht für sonderlich beachtenswert. Den Spruch der Großmutter hörte ich nur mit einem Ohr. Trotzdem setzte er sich in meinem Hirn fest und ich dachte im Hinterkopf ein wenig länger darüber nach.

Ich hatte schon immer eine blühende Fantasie, die mir bis heute sehr wichtig ist und die daran schuld ist, dass sich alles was ich lese und höre sofort in meinem Kopf in Bilder umwandelt. Es passiert, ob ich es will oder nicht. Mein Kopfkino ist sehr leicht zu aktivieren. Da ich der Oma nicht so genau zugehört hatte, verstand ich zwar das Wort, dachte aber aus unerfindlichen Gründen, es würde anders geschrieben – mit „z“statt „ds“ in der Mitte, also „Winzbraut“. Vor meinem inneren Auge entstand sofort ein Bild von einem winzigen Wesen, ähnlich einer Fee, das im weißen, luftigen Gewand mit dem Wind durchs Haus fliegt und die Menschen ärgert, indem es Türen zuschlägt. Es war ja auch logisch, dass die Braut so klein sein musste, denn wie könnte sie sonst mit dem Wind weiterziehen? Dank ihrer Winzigkeit passt sie durch das Schlüsselloch und kann auch im nächsten Raum ihre Streiche spielen.

Den Verhörer aufgeklärt, hat einige Zeit später meine Mutter, als ich kühn versuchte, den Spruch selbst anzuwenden und gleich die passende Erklärung mitliefern wollte. Wir lachten darüber herzlich. Sie erzählte mir bei der Gelegenheit, dass sich wohl fast jeder Mensch irgendwann einmal verhört – egal ob in der eigenen oder eine anderen Sprache – und dass dabei die wildesten Missverständnisse herauskommen können.

Ein wunderbares Buch zum Thema „Verhören“ haben Axel Hacke und Michael Sowa geschaffen. Genau genommen sind es drei kleinere Bücher, die inzwischen als Zusammenfassung erhältlich sind und die ich jedem, der sich selbst schon einmal verhört hat, empfehlen möchte: Der weiße Neger Wumbaba I – III (Link zur Produktseite auf Amazon.de). Viele der darin aufgeführten Verhörer waren mir neu, viele kannte ich aus Erzählungen aus der Familie und aus dem Freundeskreis. Der lockere Schreibstil in Kombination mit wunderschönen, humorvollen Bildern, haben mich beim Lesen mehrfach laut auflachen lassen.

Nachdem sich die Vorstellung von der winzigen, schelmischen Frau, die sich mit dem Wind durch die Häuser treiben lässt, erst einmal in meinem Kopf festgesetzt hatte, ergab eine größere Windsbraut fast keinen Sinn mehr – bis auf die Schreibweise, das Wort an sich, versteht sich. Selbst wenn ich heute darüber nachdenke, gefällt mir die Winzbraut immer noch besser als die Windsbraut. Auch Stephen King und sein Revolvermann wissen schließlich, dass Wind durch Schlüssellöcher bläst …

Der Wassermann

Abflüsse und Wasserrohre haben die Angewohnheit, manchmal komische Geräusche von sich zu geben. Sie gurgeln und gluckern vor sich hin, auch ohne ersichtlichen Grund. Als ich bei einem solchen Geräusch auf die Frage des Ehemannes, was das denn gerade gewesen sei, mit „Der Wassermann!“ antwortete, schaute er mich verdutzt an. „Ja! Der Wassermann! Der lebt im Main!“ Sein Gesichtsausdruck wandelte sich zu völliger Verständnislosigkeit. Ich muss zugeben, dass mir die erste Aussage eher zufällig herausgerutscht war, ein Relikt aus frühen Kindertagen.

Als ich klein war haben meine Mutter und ich uns wahnsinnig gerne Geschichten ausgedacht. Auf die Idee mit dem Wassermann kam Mama eines Tages, als ich in der Badewanne saß und aus der Armatur ein Gluckern ertönte. „Das ist der Wassermann!“ sagte sie. Ich war gerade groß genug, um zu wissen, dass das nicht der Wahrheit entsprach, aber ich genoss es immer sehr, die Fantasie schweifen zu lassen. Also dachten wir uns die wildesten Storys um den Wassermann im Main aus. Schließlich gibt es im Rhein ja auch die schöne Nixe Loreley. Warum also sollte der Main nicht einen Wassermann haben? Wenn wir ganz still waren, konnten wir über die Brause mit ihm „telefonieren“ und hören, wie er von den Abenteuern erzählte, die er und seine Wasserfrau erlebt hatten. So fantasierten und erzählten wir stundenlang vor uns hin.

Der Wassermann ist nur ein Beispiel von vielen, bunten, fantastischen Dingen, die ich mir in meinem Leben schon zurechtgedacht habe. Fantasie ist etwas Großes, etwas Wichtiges. Ohne Fantasie ist die Welt trist, ganz egal wie bunt alle Blumen blühen und wie grell alle Reklametafeln leuchten. Ich für meinen Teil suche mir bis heute immer neue Ventile, durch die ich meiner Fantasie Ausdruck verleihen kann und neue Geschichten, mit denen ich sie beflügeln kann. Auf dass sie mich nie verlässt.

Nachdem ich dem Ehemann die Geschichte und die Herkunft meiner Äußerung erzählt hatte, verwandelte sich der verblüffte Gesichtsausdruck in ein breites Lächeln. Die Magie des Wassermannes zeigte Wirkung. Fantasie ist altersunabhängig, wir müssen sie uns nur bewahren, sie nähren und sie trainieren. Wo immer zu viel Tristesse uns einzuholen sucht, kann schon ein kleines bisschen Fantasie wahre Wunder wirken. Und wer weiß schon, wie viele aufregende Abenteuer des Wassermanns noch unerzählt sind? Wer ein offenes Ohr hat und fantastische Geschichten so sehr mag wie ich, der sollte beim nächsten Gurgeln im Wasserrohr doch einmal genauer hinhören …