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Manchmal kommen sie wieder

„Du wirst es nicht glauben, was ich letzte Woche in einer Buchhandlung gesehen habe!“ begann meine Mutter am Telefon ein neues Thema. Ich tippte im Geiste auf irgendetwas das die Buchreihe „A Song of Ice and Fire“ betrifft, die ich mittels Weihnachtsgeschenk erfolgreich an sie herangetragen habe. Aber weit gefehlt! „Sie sind wieder da!“ frohlockte Mama weiter. Ganz im Gegensatz zu düsterer Fantasy ging es um etwas sehr Buntes und Lustiges. Nach einem verwirrten Grunzlaut meinerseits löste sie das Rätsel endlich auf: „Die kleinen Büchlein über die Damen und Herren gibt es wieder!“

Diese Nachricht zauberte sofort ein Lächeln auf mein Gesicht, ging es doch um die Kinderbuchreihe Unsere kleinen Damen und Herren von Roger Hargreaves (Links zu Wikipedia), jene Serie von kleinen, quadratischen Büchern, die ich als Kind so verehrte. Ich habe sie alle gesammelt, vom ersten bis zum letzten Büchlein und ich habe sie heute noch. Die kleinen Damen und Herren schlummern in einer großen Kiste im Keller, bereit zum richtigen Zeitpunkt hervorgeholt und der nachfolgenden Generation vorgelesen zu werden.

In Großbritannien sind die „Mister Men and Little Miss“, so lautet der Original-Titel der Serie, seit ihrem ersten Erscheinen Kult. Es gibt nicht nur die Bücher, sondern auch Spielsachen in verschiedensten Ausprägungen, Formen und Größen. Wer in England in ein Spielwarengeschäft geht, der kommt um die Figuren des britischen Kinderbuchautors und -illustrators nicht herum. Auf der offiziellen Webseite feiern die kleinen Damen und Herren gerade ihr vierzigstes Jubiläum. Mutmaßlich ist dieses auch der Grund dafür, dass man sich nun in unseren Landen an einer Neuauflage versucht.

Versuchen? Ja, ich nenne es lieber so. Wie meine Mutter in unserem Gespräch später leicht konsterniert feststellte, hat man nämlich die Namen der lustigen Figürchen einfach geändert, sie modernisiert. Im Jahr 2013 halten unnötige Anglizismen fröhlich Einzug in die Kinderzimmer. Dass wir heute ohne verenglischte Sprache kaum mehr auskommen, ist mir klar. Ich selbst komme oft nicht mehr ohne aus. Dank Werbung ruft es quasi Anglizismen von jeder Straßenecke. Sprache lebt, Sprache verändert und vermischt sich. Das ist auch in gewissem Maße wichtig und richtig so. Die ursprünglichen Übersetzungen der Geschichten der kleinen Damen und Herren waren allerdings so liebevoll, dass man in diesem Fall getrost ohne auskommen könnte.

Nach dem Telefonat musste ich mich natürlich sofort selbst vergewissern, was da los war. Ein kurzer Blick auf Amazon bestätigte, weshalb meine Mutter schon in der Buchhandlung die Stirn runzelte: Unser Herr Killekille heißt nun Mister Kitzel. Warum „Mister“ und nicht mehr „Herr“? Und warum nur langweilig „Kitzel“? Im Original heißt er „Mister Tickle“, ja, aber in meinen Augen war „Herr Killekille“ definitiv die schönere Übertragung ins Deutsche. Auch die restlichen Damen und Herren haben ein sprachliches „Makeover“ verpasst bekommen, eines schlimmer als das andere. Herr Dussel wurde zu Mister Dämlich, wobei „dämlich“ einen furchtbar negativen Beigeschmack hat. Das hat er wirklich nicht verdient. Aber es geht noch dämlicher, denn Herr Schussel wurde zu Mister Aua. Den kleinen Damen ergeht es nicht besser als den Herren. Rosi Rundlich wurde zu Miss Vielfraß, Sofie Säuberlich zu Miss Tipptopp. Es sind Kinderbücher, ja, aber das sollte für Übersetzer kein Freibrief für puren Schwachsinn sein. Auch sollten Treue und Respekt zum Original keine Entschuldigung für Wortverbiegungen sein.

So sehr ich mich freue, dass auch die Kinder, deren Eltern die kleinen Büchlein nicht aufgehoben haben, nun die Chance haben, in den Genuss dieser unglaublich lehrreichen und gleichzeitig wahnsinnig charmanten und lustigen Geschichten zu kommen, so sehr ärgern mich die neuen Namen. Ich werde meine Sammlung deshalb nun noch mehr in Ehren halten. Man kann es mit den Anglizismen auch übertreiben. Die Bücher waren perfekt so wie sie waren und auch wenn ein Rechtewechsel oder Verlagswechsel zur Neuauflage oder irgend etwas anderes der Grund für die Neuübersetzung war, hätte man sich dennoch näher an die ursprüngliche Übertagung ins Deutsche halten können.

Es ist stets ein schmaler Grad, auf dem sich Übersetzungen bewegen, die das Original möglichst genau wiedergeben wollen. Immer mehr herrscht heute der teilweise sture und hirnlose Zwang vor, sich an das Original zu klammern. Ich werde das Gefühl nicht los, dass man noch vor einiger Zeit für vieles, was nicht auf Anhieb passte, kreativere Auswege gesucht hat, auch bei Filmen. So geht mir der unsägliche Satz aus „Iron Man 2“ nicht aus dem Kopf, als Iron Man seinen (ebenfalls in einer Kampfrüstung befindlichen) Gegner in der deutschen Fassung fragt „Du willst eine War Machine sein?“ (Original: „You want to be a War Machine?“), nur damit der indirekte Verweis auf den Namen des Helden im Comic „War Machine“ nicht verloren geht. Es gibt unzählige weitere Beispiele. Heraus kommen krampfige Übersetzungen, denen man den verlorengegangenen Wortwitz noch stärker anmerkt. Deshalb lese und schaue ich wo es geht immer lieber das Original.

Bei Kinderbüchern ist das natürlich eine andere Sache. Für die kleinen Damen und Herren würde ich mir jedenfalls wünschen, dass man für die nächste Auflage die Übersetzung noch einmal überdenkt. Wer die alte Version nicht kennt, wird sich vielleicht weniger daran stören, ich allerdings bleibe dabei: Die alte Übersetzung der Namen war die bessere.

Nichtsdestotrotz kann ich die kleinen Damen und Herren allen Eltern ans Herz legen. In meinem Kopf haben sie sich festgesetzt. Was habe ich mit meinen Eltern gelacht, wenn Herr Killekille einfach Leute durchkitzelt, wenn Herr Neugierig überall seine Nase hineinsteckt und sich die Nachbarin mit einer Wäscheklammer wehrt, oder wenn Herr Schussel versucht, sich nicht mehr überall zu stoßen. Jede einzelne der Figuren von Roger Hargreaves ist das Extrem von einer nur allzu menschlichen Eigenschaft. Einen Teil von sich wird jeder in fast allen von ihnen wiedererkennen. Für mich bleibt dies eine der schönsten Kinderbuchreihen aller Zeiten.

Meine Ausführungen zu diesem Thema möchte ich mit einem denkwürdigen, vielsagenden und ambivalent einsetzbaren Satz von Wendi Wirrwarr beenden, der mir noch heute des Öfteren und bei den verschiedensten Gelegenheiten durch den Kopf spukt:
„Und es ist doch Hackfleisch.“