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Das Lernen und der Turbolader

In den letzten Tagen widmeten sich die Medien an verschiedener Stelle wieder einmal dem sogenannten „Turbo-Abitur“, einem Gymnasialzweig, in dem Schüler in 8 statt 9 Schuljahren das Abitur erreichen können. Das Ganze wird deshalb auch oft als G8 bezeichnet, im Gegensatz zum G9-Abitur. Mein Abitur liegt schon lange Jahre zurück. Damals gab es nur G9.

Seit ich in meinem Leben mit dem Thema „Schule“ in Berührung kam, wird in Deutschland über das Schulsystem diskutiert und es wird in regelmäßigen und immer kürzer werdenden Abständen geändert. Die Systeme der einzelnen Bundesländer unterscheiden sich voneinander. Es gibt kein deutschlandweites Zentralabitur. Unser Bildungssystem befindet sich jedoch immer mehr auf dem Weg dorthin. Ich persönlich finde diese Entwicklung bedenklich.

Vergleichbarkeit in allen Ehren, aber nicht alles muss notwendigerweise bis ins kleinste Detail vergleichbar sein. Aufgewachsen an der Grenze zwischen zwei Bundesländern, konnte ich während meiner Schulzeit zwei verschiedene Schulsysteme miteinander vergleichen: das bayerische und das hessische. Ersteres wird von vielen Politikern oft als das Non-plus-ultra angesehen und geradezu in den Himmel gelobt. Die Bayern haben schon lange Zentralabitur, Extemporale und sehr eng gestrickte Lehrpläne. Alles ist genau vorgeschrieben und vergleichbar.

Bis zu einem gewissen Grad ist das auch vollkommen richtig und sinnvoll, aber nicht, wenn es dazu führt, dass lernwillige Schüler vernachlässigt werden und auf der Strecke bleiben. Vor allem vor dem Hintergrund der heute immer wichtiger werdenden Integration von Schülern mit Migrationshintergrund, ist es wichtig, das sich die Lehrer auf ihre Schüler und deren Bedürfnisse und Interessen einstellen können. Das ist bei zu strengen Vorgaben nicht möglich.

Vielleicht bin ich familienbedingt was dieses Thema anbelangt vorbelastet, denn meine Eltern waren beide Lehrer. Meine Mutter ist schon seit einigen Jahren pensioniert, kümmert sich aber auch heute noch, als ehrenamtlicher Lerncoach des deutschen Kinderschutzbundes, um Schüler mit Migrationshintergrund. Sie kann unterstützen und vermitteln, gegen das rigide bayerische Schulsystem kommt sie allerdings oftmals nicht an, egal wie groß die Begabung und der Wille ihrer Schützlinge sind.

In Hessen gab es in meiner Schulzeit noch kein zentrales Abitur. Ich habe dies als sehr positiv empfunden, da die Lehrer so den Lernstoff besser auf die Interessen ihrer Schüler und an den natürlichen Fortgang der Diskussion im Unterricht anpassen konnten, selbstverständlich aber nur in einem gewissen Rahmen. Generelle Vorgaben zu dem in den einzelnen Schuljahren zu absolvierenden Lernstoff gab es natürlich und diese muss es auch immer geben.

Das kleine aber feine Maß an Freiheit machte aber einen großen Unterschied, für Lehrer und Schüler. Auf aktuelle Themen wurde viel schneller reagiert und die Schüler mussten dementsprechend immer auf dem Laufenden bleiben, denn diese Themen konnten jederzeit auch in die Klausuren und sogar in die Abiturprüfung Einzug halten. Ein Zentralabitur kann meiner Meinung nach niemals so aktuell und zeitnah sein. Dazu sind die Abstimmungsprozesse viel zu schwerfällig. Man beschränkt sich dann lieber auf allgemeinere Aufgabenstellungen, wo doch in vielen Fächern, wie Geschichte und Gemeinschaftskunde, Aktualität das A und O ist.

Ich hatte das große Glück, dass viele meiner Lehrer, vor allem in der Oberstufe, sehr ambitioniert waren und ihren Beruf mit ganzem Herzen ausgefüllt haben. Schlechte Lehrer gibt es immer und es wird sie auch mit jedem Schulsystem geben. Man muss sich aber bewusst sein, dass ein unflexibles Schulsystem weniger arbeitswillige Lehrer begünstigt, die ihre Unterrichtsunterlagen ein Mal erstellen und sie dann möglichst lange nutzen wollen.

Nun aber zurück zum Anfang, dem Grund, warum ich diesen Artikel überhaupt erst angefangen habe. Viel wird heute wieder diskutiert, über das Gymnasium. Dabei geht es vor allem um die Verkürzung des Gymnasiums auf 8 Schuljahre. Der Volksmund nennt das dann Turbo-Abitur.

Nun gab es eine neue Studie, die sogenannte Kess-Studie, die als Ergebnis herausgefunden haben will, dass Schüler, die das Abitur nach 8 Jahren erhalten, besser lernen, als Schüler, die die Abiturprüfung erst nach 9 Jahren ablegen. Spiegel Online berichtete am 27. November 2012 darüber in einem Artikel.

Dieser Artikel brachte mich auf, wird dort ernsthaft das neue Schulsystem gelobt und der Studie Recht gegeben, ohne zu überdenken, was in den Ergebnissen ebenfalls implementiert sein kann. In Hamburg würden mehr Schüler die Abiturprüfung bestehen seit es dort G8 gibt. Das mag sein, vermutlich wurden zuvor aber auch viele Schüler durch das System „ausgesiebt“, die unter anderen Umständen das Abitur jedoch gemacht und bestanden hätten. Unter ihnen sicherlich auch viele Lernwillige.

G8 macht das Abitur nicht nur schwerer, sondern auch ungerechter. In 8 Jahren sollen Schüler den gleichen Lernstoff in ihre Köpfe pressen, wie ihre Vorgänger in 9 Jahren. Das geht einher mit zunehmendem Leistungsdruck und abnehmender Freizeit. Wer glaubt, dass die Lehrpläne für G8 eine sinnvolle Reduzierung und Entschlackung des vorherigen Lernstoffs darstellt, der irrt gewaltig. Es wurden lediglich dieselben Inhalte verdichtet auf einen kürzeren Zeitraum. Wird im Artikel behauptet, dass acht Jahre ausreichen können (Quelle: Spiegel Online), so ist das durchaus denkbar. Dafür müsste der Lernstoff aber nicht nur zeitlich komprimiert, sondern auch im Ganzen reduziert werden.

Der Vergleich mit einem Turbolader, der Luft verdichtet, ist deshalb recht treffend. Mehr erreichen durch schnelleres Hineinpressen von Lernstoff in die Schülerköpfe. Meiner Meinung nach ein bedenkliches Konzept, vor allem im Hinblick auf die Zeit, die die Schüler vor dem Abitur benötigen, um nach der Pubertät zu sich selbst zu finden und um ihre wirklichen Begabungen und Interessen zu analysieren und den weiteren Lebensweg zu planen. Was nutzt das schönste Turbo-Abitur-Zeugnis, wenn die Schüler anschließend orientierungslos dastehen, ohne sich genau bewusst zu sein, ob sie studieren oder eine Ausbildung machen wollen und welcher Fachrichtung genau sie sich beruflich zuwenden wollen?

Im Artikel von Spiegel Online heißt es weiter, die Kess-Studie belege, dass jeder, der über Wahlmöglichkeiten zwischen G8 und G9 nachdenke, dem „Leistungsgedanken des Gymnasiums schaden“ (Quelle: Spiegel Online) würde. Auch dies halte ich für eine sehr gewagte These. Das Gymnasium ist anspruchsvoll, das war es schon immer. Heute ist das Abitur wichtiger denn je, gilt es doch schon für die meisten Ausbildungsberufe als Voraussetzung. Im Zuge der vielen Reformen des Schulsystems wurden die anderen Schulformen meiner Meinung nach Stück für Stück viel zu sehr abgewertet. Ohne Abitur sind die Aufstiegs- und Einstiegschancen in vielen Berufen heutzutage sehr begrenzt.

Einen Tag, bevor besagter Artikel auf Spiegel Online erschien, veröffentlichte Die Welt auf ihrer Webseite einen Artikel über eine andere Studie, dessen Ergebnis ist, dass junge Menschen in Deutschland den Glauben an die Möglichkeit eines Aufstieges durch Leistung verlieren. Auch darin wird das Thema Schulsystem zum Teil behandelt.

Die Schweden machen uns offenbar vor, dass Schüler auch mit weniger Druck gute Leistungen bringen können. Angesichts dessen scheint es, als fokussiere man sich in Deutschland viel zu sehr auf besagten „Leistungsgedanken“. Scheinbar wird dieser auch automatisch gleichgesetzt mit einem bestimmten Leistungspensum, das wiederum an möglichst viel Lehrstoff gekoppelt ist.

Fokussiert man sich zu viel auf Leistung und darauf, was theoretisch von Schülern in einem bestimmten Alter geleistet werden könnte, vernachlässigt man vollkommen, dass jeder Schüler ein Individuum ist, mit ganz eigenem Potenzial und ganz eigenen Möglichkeiten. Wer sich nur auf die Masse und nicht auf den Einzelnen konzentriert, kann weniger Einzelnen zu Erfolg und zu guten Leistungen verhelfen. Die Schüler, die alleine nicht mehr weiter kommen, deren Eltern zuhause nicht nachhelfen können, sich möglicherweise nicht mit Nachhilfe auskennen und kein Geld für Nachhilfe haben, kommen nicht weiter. Sie strengen sich an, es fehlt ihnen aber das Werkzeug zum Lernen. Haben sie den Anschluss erst einmal verloren, werden sie vom nachfolgenden Lernpensum erdrückt. Kein Wunder, dass sie den Glauben an Aufstieg durch Leistung schon früh verlieren.

Aber sollte es nicht gerade die Aufgabe der Lehrer sein, möglichst viele Schüler mit möglichst vielen unterschiedlichen Potenzialen zum Erfolg zu verhelfen? Das ist gleichwohl herausfordernder aber sicherlich auch befriedigender als lediglich auszusieben und nur gleichartige Abiturienten zu „züchten“.

Als Folge dieses Systems nimmt der Leistungsdruck auf alle Beteiligten enorm zu: auf Schüler, Lehrer und auch auf Eltern. Es ist kein Wunder, dass viele daran verzweifeln und dass Schüler heutzutage schon in jungen Jahren extremen Stress empfinden. Stress gehört zum Leben, ist er doch ein ganz natürlicher Mechanismus, der uns in Situationen, in denen wir mehr leisten müssen, beflügelt. Zu viel Stress ist und bleibt aber ungesund.

Ich persönlich kann und will mich mit dem Turbo-Gedanken nicht anfreunden, wenn ich an zukünftige Generationen denke. Verkürzungen sind hier und da sicherlich sinnvoll in den angestaubten Lehrplänen für das Gymnasium. Durch sinnvolle Entschlackung wäre eventuell sogar eine allgemeine Verkürzung von G9 auf G8 möglich. Solange das aber nicht geschieht propagiere ich den Eltern und Schülern die Wahl zu lassen, welches für das Individuum der beste Weg ist. Der Fokus muss von der Masse wieder auf das Individuum gelenkt werden. Nur so kann jeder seinen eigenen Weg finden und nur so können möglichst viele einzelne zum Erfolg geführt werden. Das sollte das erklärte Ziel unseres Bildungssystems sein.

Der Turbo hört auch keinesfalls nach dem Abitur auf, gibt es doch nun die neuen Studiengänge mit Bachelor- und Master-Abschlüssen, die das gute alte Diplom abgelöst haben. Ein deutsches Diplom war einmal viel wert, auch im Ausland. Die neuen Abschlüsse sind bei Arbeitgebern nachweislich weniger beliebt, im In- und im Ausland.

Was kommt dann am Ende heraus bei all dem Turbo-Gelerne? Viel zu junge Absolventen, die unerfahren und teilweise auch sehr unselbständig sind, weil sie seit Beginn der Schulzeit durchweg verplant und mit Lernen beschäftigt waren. Für die Erforschung der eigenen Interessen und Ideen verbleibt einfach keine Zeit. Ewige Studenten sind selbstverständlich auch keine Lösung, aber ein Universitätsstudium war seit jeher verbunden mit wissenschaftlichem Arbeiten und nicht nur dafür da, turboschnell „Frischfleisch“ für die Wirtschaft bereitzustellen.

Turbo? Gehört ins Auto. Der Leistungsgesellschaft täte es gut, ihn öfter dort zu belassen.