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Kleiner Halbling, großes Kino

Lange Jahre mussten Fans von J. R. R. Tolkiens Büchern warten, bis Der Hobbit, die Vorgeschichte zu Der Herr der Ringe, endlich seinen Weg auf die Kinoleinwand fand. Nach einigem Hin-und-her machte sich Regisseur Peter Jackson, der schon die Herr-der-Ringe-Trilogie verfilmte, daran, die Geschichte um den Halbling Bilbo Beutlin zu verfilmen. (Links zu Wikipedia)

Zuerst war von zwei Filmen die Rede. Auf der diesjährigen Comic Con in San Diego wurde schließlich bekannt, dass das Projekt am Ende doch erneut drei Filme umspannen wird. Als ich dies hörte, war ich zuerst sehr skeptisch. Der Herr der Ringe besteht aus insgesamt drei Teilen/Büchern, von denen jedem ein Film gewidmet wurde. Der Hobbit ist nur ein einziges Buch, das zudem im Vergleich zu seinem Nachfolger in meinen Augen erheblich leichterer Lesestoff ist, schrieb es der Autor doch auch von vornherein für ein jüngeres Publikum.

Woher sollte also der ganze Inhalt für eine weitere Filmtrilogie kommen? Die Antwort ist inzwischen bekannt und lautet: Aus den Anhängen zu Der Herr der Ringe. Diese erklären viel davon, was in und zwischen Der Hobbit und Der Herr der Ringe in Mittelerde geschah und noch einiges darüber hinaus. Sie wurden bei der Verfilmung des letzteren Werkes fast gänzlich außen vor gelassen. Die momentanen Informationen lassen vermuten, dass die Handlung des Buches Der Hobbit mit dem zweiten Film zu großen Teilen abgeschlossen wird und dass der dritte Teil fast ausschließlich Stoff aus den Anhängen enthalten wird.

Pünktlich zur Weihnachtszeit lief nun der erste Film an: Der Hobbit – Eine unerwartete Reise (The Hobbit: An Unexpected Journey), den ich mir als großer Fan von Herrn Tolkiens Büchern natürlich nicht entgehen lassen konnte. So läutete ich den Weihnachtsurlaub mit einem ausgiebigen Kinobesuch ein. Der Film fordert seinen Zuschauern mit seinen 169 Minuten wieder einiges an Sitzfleisch ab.

Ja, der Film ist lang. Allen, die sich fragen, ob er in meinen Augen zu lang ist, kann ich aber mit einem ganz klaren „Nein!“ antworten. Peter Jackson entwickelt mit seiner Darstellung von Mittelerde einen solchen Sog, dass der Zuschauer für die gesamte Zeit einfach in dieser fantastischen Welt gefangen ist und gar nicht merkt, wie die Zeit vergeht. In meinen Augen hatte der neueste James-Bond-Streifen Skyfall mehr Längen als der Hobbit, wenngleich man die beiden Filme vom Genre her nicht miteinander vergleichen kann.

Viel wird diskutiert über die neue HFR-3D-Technologie (High Frame Rate 3D). Mir persönlich hat das Ergebnis sehr gut gefallen. Dank einer höheren Bildwiederholfrequenz von 48 Bildern pro Sekunde (im Vergleich zu standardmäßigen 24 Bildern pro Sekunde), wirken die Bilder klarer und die Landschaften erhalten eine ungeheure Tiefe. Darüber hinaus kann man mit dieser Technologie offenbar die sonst bei 3D-Produktionen oftmals ungewohnten und teilweise nervigen Tiefenunschärfen vermeiden. Der Zuschauer erhält dadurch ein einzigartiges 3D-Erlebnis und kann den Film trotzdem sehen, wie er es möchte. Die in 3D-Filmen gelegentlich auftretenden Unschärfen in der Umgebung lassen dem Betrachter oftmals gar nicht die Möglichkeit, die Landschaften und das, was um die Charaktere herum passiert, zu betrachten. Gleichzeitig ist das in meinen Augen aber genau einer der Punkte, die es so interessant machen, Filme auf der großen Kinoleinwand zu sehen. HFR 3D macht dies nun zusätzlich zu 3D-Efekten möglich. Gleichzeitig sorgt die Produktion in und für 3D dafür, dass was die Tiefe anbelangt, sowohl vor  vor und hinter der Leinwand Raum gewonnen wird. Peter Jackson nutzt in seinem ersten Film alle Räume vorzüglich aus. Der Hobbit – Eine unerwartete Reise bietet 3D-Kino at its best und ist deshalb auch für technikbegeisterte Cineasten äußerst interessant.

Wurde die Handlung des Buches wie schon bei Der Herr der Ringe für den Film verändert? Ja. Die Handlung des Films folgt nicht eins zu eins dem Buch. Der Regisseur präsentiert dem Zuschauer den Film allerdings als Erzählung des aus Der Herr der Ringe bekannten, älteren Bilbo Beutlin, als dieser gerade dabei ist, seine Erlebnisse aufzuschreiben. Darüber hinaus gibt Gandalf im Film den verschmitzten Hinweis, dass Geschichten dazu da sind, ausgeschmückt zu werden. Aufgrund dieser charmanten Präsentation bin ich persönlich durchaus bereit, die Unterschiede zur Vorlage anzuerkennen. Was mir im Großen und Ganzen auffiel ist, dass die Rollen einiger Figuren verändert, einige Aspekte aus den Anhängen hinzugefügt und einige Dinge weiter ausgeschmückt wurden. Für mich persönlich bewegt sich aber alles in einem Rahmen, den man als künstlerische Freiheit sehen kann. Schließlich gibt es auch von der Buchvorlage verschiedene Übersetzungen, über die die Fangemeinde diskutiert.

Was Peter Jackson meiner Meinung nach ein bisschen weiter herausarbeiten hätte können, ist der dem Buch so eigene Humor. Der Film kommt düsterer und getragener daher, jedoch ohne den Humor ganz vermissen zu lassen. Es gibt durchaus humorige Stellen, mehr als bei Der Herr der Ringe und das ist auch vollkommen richtig so, für meinen Geschmack hätte es an der einen oder anderen Stelle aber ruhig noch etwas mehr sein können. Durch diesen Eingriff erreichen die Macher allerdings, dass der Hobbit sich als Herr-der-Ringe-Prequel besser in das Gesamtkonzept einfügt. Dafür sind die Actionszenen aber viel rasanter inszeniert, als bei Der Herr der Ringe, was zum Teil sicherlich dem technischen Fortschritt geschuldet ist.

Sehr positiv fiel mir auf, dass die Bewohner von Mittelerde nun endlich einmal singen – zumindest die Zwerge. In den Büchern lebt Mittelerde durch seine Gedichte und Lieder. Jedes Volk hat seine eigenen. Gerade diese Lieder habe ich in den Herr-der-Ringe-Filmen schmerzlich vermisst, machen sie doch die sagenhafte Welt und ihre Charaktere noch lebendiger. Die Szene, als die Zwerge in Bilbos Hobbithöhle ankommen, dort ein Fest veranstalten und anschließend beisammen sitzen und singen, hat deshalb mein Herz erwärmt und höher schlagen lassen. Generell ist die musikalische Untermalung von Howard Shore ganz wundervoll und mehr als passend, geradezu perfekt.

Am Ende waren es in meinen Augen gerade die ruhigeren Szenen, die den Film zu einem so einzigartigen Erlebnis machen. Wenn Gandalf über Freundschaft und seine Vermutungen, wer wie Einfluss auf die Geschicke der Welt nehmen kann, erzählt und Ian McKellen großartige Schauspielkunst darbietet, bin ich in Mittelerde angekommen. Außerdem ist Peter Jackson ein absoluter Detail-Künstler. Von der Ausrüstung der Charaktere bis zum kleinsten Nebenpart (z.B. ein kleiner Ork-Bote auf einer Seilbahn) ist alles bis ins Kleinste ausgearbeitet.

Generell ist es schön, dass die aus Der Herr der Ringe bekannten Figuren von denselben Schauspielern verkörpert werden, wenngleich ich nach wie vor Hugo Weaving als Elrond für eine der größten Fehlbesetzungen aller Zeiten halte. Elrond wird in den Büchern als ausgesprochen schöner Halbelb beschrieben. Es mag ja alles Geschmacksache sein, aber ich habe ihn mir eher so vorgestellt, wie Thranduil, der am Anfang von Der Hobbit – Eine unerwartete Reise auftaucht. Die restliche Besetzung halte ich im Übrigen für äußerst gelungen. Martin Freeman spielt seine Rolle als junger Bilbo mit offenkundiger Freude an der Sache und dementsprechend sehr überzeugend.

Das Highlight des Films war für mich die Szene, in der Bilbo auf Gollum trifft. Atemberaubende Tricktechnik und ein überragender Andy Serkis machen eine unglaublich detaillierte Darstellung dieser zutiefst in sich zerrissenen Figur möglich, bei der der Zuschauer wie auch Bilbo zwischen Verwunderung, Respekt, Angst und Mitgefühl hin und her gerissen wird. Hier wird sich kein Kinobesucher einer emotionalen Reaktion erwehren können.

Peter Jackson zeigt mit Der Hobbit – Eine unerwartete Reise wieder einmal sein einzigartiges Gespür und seine Leidenschaft für Tolkiens Werke. Er hat ein großartiges Kinoerlebnis geschaffen, das ich Fans und Mittelerde-Neulingen gleichermaßen ans Herz legen möchte. Ich bin mittlerweile der Meinung, man hätte Herrn Jackson die Möglichkeit geben sollen, aus Der Herr der Ringe mehr als drei Filme zu machen. Zu viel wurde selbst in der Extended Edition gekürzt (Tom Bombadil) und augenscheinlich auch aus Zeitgründen verändert (Armee der Toten). Denn es sind weniger die Schlachten, als die ruhigen Szenen, in denen man ganz und gar in Mittelerde ankommt und die unglaubliche Tiefe und Komplexität dieser Welt klar vor Augen hat. Fragt man mich nach meinem Gesamturteil, so recke ich alle Daumen, die ich habe, nach oben und ich freue mich schon jetzt auf den zweiten Teil Der Hobbit – Die Einöde von Smaug (The Hobbit: The Desolation of Smaug), der jedoch leider noch ein ganzes Jahr auf sich warten lässt.

Wortgewandte Mafiosi

In diesen Wochen sind die Kinoleinwände hauptsächlich von seltsamen, fahlhäutigen Geschöpfen bevölkert, die sich gegenseitig gerne gegenseitig anschmachten und in der Sonne glitzern. In deren Welt kann ich mich nicht einfinden, aber es ist ja bekanntlich alles Geschmacksache. Um meine Kinoleidenschaft zu befriedigen, begab ich mich also auf die Suche nach Alternativen und fand mit Killing Them Sofly einen Film, der mein Interesse weckte. Das Finden einer freien Kinoleinwand, auf der der Film zu einer annehmbaren Uhrzeit gezeigt wurde, war in diesen zwielichtigen Zeiten schwierig, aber es ist mir am Ende doch gelungen.

Zwielichtig geht es auch in Killing Them Softly zu, allerdings sind die Gestalten hier aus wesentlich härterem Holz geschnitzt, ist der Film doch als Thriller im Umfeld der Mafia angesiedelt.

Die Story ist kein großes Geheimnis und birgt auch keine wirklichen Überraschungen: Mafiosi, die sich gegenseitig bestehlen und ein cooler Killer, der die Situation wieder unter Kontrolle bringen muss. Das Ganze wird gewürzt mit einer Prise politischer Aktualität, da im Hintergrund immer wieder auf die amerikanische Wirtschaftskrise und die Wahl von Barack Obama zum Präsidenten verwiesen wird. Die Story ist leider das große Manko des Films. Das Ganze ist meiner Ansicht nach viel zu vorhersehbar und die große Schlusspointe, auf die am Ende alles zuläuft, wird zu einfach leise vorgetragen. Der Film als Ganzes ist aber trotzdem keinesfalls ein schlechtes Werk.

Dank der großartig ausgearbeiteten Dialoge hatte ich wirklich sehr viel Spaß im Kino. Aus ihrer Leistung schieße ich, dass die Schauspieler beim Dreh allesamt viel Spaß an ihrer Arbeit hatten. Gleichzeitig ist die Besetzung mit Schauspielgrößen wie Brad Pitt, James Gandolfini und Ray Liotta hochkarätig.

Die Beteiligten beweisen Mut zur äußerlichen und innerlichen Hässlichkeit, was das Umfeld sehr authentisch wirken lässt. Zugegebenermaßen tun Ray Liotta und James Gandolfini einfach das, was sie am besten Können, aber altbewährt ist nicht mit schlecht und abgenutzt gleichzusetzen. Gleichwohl hätte ich mir gewünscht, dass sie an der einen oder anderen Stelle doch noch etwas mehr gefordert worden wären. Brad Pitt kann als cooler Killer, der lieber „softly“ aus der Ferne tötet und sich ungern mit zu viel Gefühlsduselei beim Töten abgibt, voll überzeugen. Der Mafioso steht ihm gut, aber das Saubermann-Image hat er ja nun auch schon eine ganze Weile abgelegt, sehr zu seinem Vorteil.

Der Raubzug, mit dem alles ins Rollen kommt, ist, neben den großartigen Dialogen zwischen Brad Pitt und James Gandolfini, für mich eines der Highlights des Films. Unerfahrene Kleinkriminelle nehmen ein Mafioso-Pokerturnier aus. Das Ganze wird lang und breit und mit allen peinlichen Einzelheiten erzählt. So langsam, dass es fast schon weh tut. Alle Nebenrollen wurden auf den Punkt gecastet. Treffender geht es kaum.

Die meiste Zeit verbringt der Film mit Dialogen, aber die Szenen, in denen es killermäßig zur Sache geht, haben es in sich. Gewalt wird explizit und sehr realistisch dargestellt, insbesondere in einer Prügelszene, in der sich der Magen des Zuschauers unweigerlich zusammenkrampft. Bei Schussszenen wird ein bisschen mit Zeitlupe gespielt. Das scheint in Hollywood neuerdings dazuzugehören. Habe ich zugegebenermaßen aber schon besser in der Ausführung gesehen.

Wer Filme wie Bube, Dame König grAS (Lock, Stock & Two Smoking Barrels) (Quelle: IMDB) oder Brügge sehen … und sterben (In Bruges) (Quelle: IMDB) mag, der wird auch seine helle Freude an den Dialogen in Killing Them Softly haben. Ich selbst wäre durchaus bereit, mir den Film af DVD ein zweites Mal anzusehen, schon um die ständigen Verweise auf die Präsidentschaftswahlen noch etwas genauer zu analysieren. Der Film weiß durchaus zu unterhalten. Logiklücken oder offene Enden konnte ich auch keine ausmachen. Irgendwie wurde ich am Ende aber leider trotzdem das Gefühl nicht los, dass die letzte Konsequenz, das gewisse Etwas, irgendetwas, fehlte. Ich kann nicht einmal genau sagen, was. Ich belasse es dabei, dass das Ganze einfach noch ein wenig runder hätte wirken können.

Richter und Henker

Das Jahr 2012 hat nur noch wenige Wochen. Als Cineastin beginne ich langsam im Kopf das Filmjahr Revue passieren zu lassen. Was waren die Highlights? Welche Highlights stehen in der üblicherweise blockbusterstarken Vorweihnachtszeit noch bevor? In diese Überlegungen drängte sich gestern Abend ein Film, den ich für meine persönlichen Bestenlisten eigentlich nicht auf dem Schirm hatte: Dredd.

Nach dem modernen Klassiker Judge Dredd hätte man meinen können, dass die Rolle des Zukunftspolizisten, der Richter und Henker in einer Person vereint, bereits eindeutig von Mr. Stallone und seiner markanten Mundpartie besetzt ist. Über die filmische Qualität des Streifens aus dem Jahr 1995 kann man diskutieren, für Actionfilmfans gehört er jedoch trotzdem stets zum Standardrepertoire.

November 2012. Der Judge ist zurück. Der Name des Films: Dredd. Kurz. Knapp. Eindeutig.

Von den Trailern, die ich im Voraus gesehen hatte, konnte ich mich nicht wirklich zu euphorischer Vorfreude hinreißen lassen, es wurden aber genug Feuergefechte gezeigt, um mich neugierig zu machen. Als Fan von Filmen, die keine halben Sachen machen und echte, harte Action bieten, konnte ich mir Dredd natürlich nicht entgehen lassen.

Nachdem ich den Film nun im Kino gesehen habe, muss ich feststellen und festhalten, dass die Trailer die Qualität des Films nicht im Geringsten widerspiegeln. Geboten wird ein Actionfeuerwerk der Extraklasse!

Als Vorlage für den Film dient, wie auch schon bei der Version aus 1995, die britische Comicserie 2000 AD, die eine postapokalyptische Zukunft beschreibt.

Die Erde ist verbraucht und verstrahlt. Die verbleibenden Menschen leben in riesengroßen Städten mit Mega-Wolkenkratzern, zusammengepfercht, sich selbst überlassen. Die einzige Gesetzesinstanz sind die sogenannten Judges, die verzweifelt versuchen der Kriminalität Herr zu werden. Sie kämpfen einen aussichtslosen Kampf. Judge Dredd ist einer dieser futuristischen Polizisten, cool und brutal. Durch seinen Helm geradezu gesichtslos. „I am the law!“ („Ich bin das Gesetz!“) wird er nicht müde zu verkünden.

Zu Beginn von Dredd bekommt der berühmte Judge eine Rekrutin zur Seite gestellt, Cassanrda Anderson, die als Mutantin telepathische Fähigkeiten besitzt. Nicht besonders begeistert über dem ihm anvertrauten Schützling, begibt er sich in einen der Wolkenkratzer, um ein Verbrechen aufzuklären. Seine Gegenspielerin ist Ma-Ma, die Anführerin einer gefährlichen Gang, die im Verlauf des Films so einige Überraschungen für die Gesetzeshüter bereit hält.

Der Film ist düster und brutal. Hier werden keine Kompromisse gemacht. Der Judge kommt, der Judge richtet und vollstreckt. In seiner Position und angesichts der Zustände in Mega City One, kann er sich auch keine Kompromisse erlauben. Er spricht nicht viel, er handelt. Heraus kommen unvergessliche One-Liner, die das Herz von Actionfilmfans höher schlagen lassen, wie „Judgement time.“ oder „Negotiation’s over. Sentence is death.“

Die schmutzige und kalte Optik von Dredd ist bemerkenswert, wird sie doch konterkariert von bunten, geradezu in Regenbogenfarben gehaltenen Szenen, durch die der Gebrauch von Drogen und die damit verbundene Suche nach einem Ausweg aus dem tristen Alltag in der Megastadt verdeutlicht wird. Die 3D-Effekte werden hierbei sehr geschickt und visuell überzeugend eingesetzt. Es wird deutlich, dass 3D hier nicht nur für das Klingeln der Mehreinnahmen in den Kinokassen aufgesetzt, sondern mit Bedacht und gezielt eingesetzt wurde. Das lobe ich mir und bin deshalb auch gerne gewillt, den Aufpreis zu zahlen.

Slow-Mo heißt die neue Droge in Mega City One. Die Szenen, die ihre Auswirkungen in Slow Motion darstellen, sind mit die besten des Films, wird der Zuschauer durch sie doch in Zeitlupe Zeuge der Arbeit des Judges. Er muss hinsehen und bekommt frech, bunt und krass seinen Voyeurismus vor Augen geführt. Der unterschwellige und trockene Humor aus den Comics wird auf Marginalniveau betrieben, was aber gut zu den brutalen und explizit dargestellten Feuergefechten passt.

Die Story ist nicht allzu tiefsinnig, dennoch lässt sich über die düstere Zukunftsvision als Gesamtkonstrukt hinterher durchaus nachdenken. In erster Linie ist der Film aber ein Actionfilm, der sein Publikum für etwas mehr als 90 Minuten unterhalten soll, und das hat er bei mir definitiv geschafft.

Judge Dredd wird gespielt von Karl Urban, von dem man im Judge-Kostüm und den gesamten Film über nur Mund und Kinnpartie zu Gesicht bekommt. Trotzdem macht er seine Sache gut und setzt das Wenige, was ihm zum Schauspielern bleibt, gekonnt ein. Ihm zu Seite steht Olivia Thirlby als Cassanrda Anderson, die als abgebrühte aber nicht unmenschliche Rekrutin überzeugen kann. Auch der Part der Ma-Ma ist mit Lena Headey, die in ihrer Rolle auch Mut zur Hässlichkeit beweist, gut besetzt.

Dredd ist knallharte Action am laufenden Band. Atemlos entlässt er seine Zuschauer, berauscht von der Macht und Gewalt der Bilder. Der Judge ist das Paradebeispiel eines Antihelden und gerade durch seine reduzierte Optik und die zuweilen überstilisierten Figuren und Bilder, ist dieser Dredd näher an der Comicvorlage, als sein Vorgänger aus den Neunzigern.

Für mich ist Dredd definitiv einer der besten und coolsten Actionfilme des Jahres. Ein Fest für Fans von harten Actionhelden, One-Linern, fliegenden Geschossen und ästhetischer Zerstörung.

Gutes Benehmen

Ich habe mich aufgeregt. Ich habe mich gewaltig aufgeregt. Das kommt vor. Aber normalerweise nicht im Zusammenhang mit gutem Benehmen, oder in diesem Fall besser „gutem Benehmen“.

Am 24. Oktober 2012 erschien auf der Webseite von Die Welt ein Artikel über die Deutsche Knigge Gesellschaft. Den Artikel bemerkte ich über eine Verlinkung auf Facebook. Als ich ihn las, habe ich mich aufgeregt, gewaltig aufgeregt. Über besagte Gesellschaft und ihre neuen Vorschläge für „gutes Benehmen“.

Popcorn im Kino
Popcorn gehört heute zum Kino dazu. In jedem Kino, das ich kenne, wird Popcorn verkauft. Ich kann mich noch an Zeiten erinnern, als es in deutschen Kinos noch kein Popcorn gab, aber das ist lange her.
Ich persönlich mag Popcorn und ich gehe gerne und oft ins Kino. Und ich esse Popcorn im Kino. Früher aß ich immer Rolo und saure Apfelringe, aber seit es in den Kinos Popcorn gibt bin ich auf ebendieses umgestiegen.
Die Deutsche Knigge Gesellschaft plädiert nun dafür, Popcorn aus den Kinos zu verbannen, wegen des Geraschels. Man setzt sich sogar für „popcornfreie Zonen“ ein. (Quelle: Die Welt)
Die unterschwellige Unterstellung in dieser Forderung ist, dass jeder, der Popcorn isst, dies auf grobschlächtige und ungehobelte Weise tut, was dann immer mit Rascheln (vielleicht sogar mit Schmatzen?) verbunden ist. Ich dagegen behaupte, dass man Popcorn auch anständig Essen kann und so, dass man niemanden damit stört. Wer gelernt hat, ordentlich und fein zu essen, kann auch sein Popcorn leise essen. Das bisschen Geraschel, das beim Griff in die Tüte entsteht, wird in der Regel ohnehin von den Filmgeräuschen überdeckt. Meiner Meinung nach wäre hier eher die Forderung angebracht, dass alle Leute beigebracht bekommen sollen, ihre Nahrung mit Anstand zu sich zu nehmen.
Außerdem sind es doch nicht die „Raschler“ die während der Filmvorführung stören, es sind vielmehr die Leute, die lautstark über den Film diskutieren, solange dieser noch läuft, oder diejenigen, die ihre Mobilgeräte herauskramen um damit entweder zu Telefonieren, oder darauf herumzutippen. Auch Menschen, die sich unnötig ausbreiten und mit ihren Füßen die Lehne ihres Vordermannes bearbeiten, oder die einfach nicht gelernt haben, dass es verschiedene Distanzzonen gibt, sind wirklich störend. Man dringt nicht in die intime Distanz von anderen ein, schon gar nicht wenn man sich alleine durch das Nebeneinandersitzen schon in der persönlichen Distanz von Wildfremden bewegt. (Distanzzonen siehe auch: Proxemik, Quelle: Wikipedia)
Wer uns korrektes Benehmen im Kino vormacht, sind ausgerechnet die USA. Ich war dort schon einige Male und jedes Mal auch im Kino, genauer gesagt in verschiedenen Kinos. Während des Film wurde nie auch nur ein Wort gequatscht und alle elektronischen Geräte blieben in den Taschen, sobald der Film begann. Jeder blieb auf seinem Platz. Das waren mit die angenehmsten Kinoerlebnisse, die ich bisher hatte. Die Kinobesucher hierzulande können sich von ihren Pendants über dem großen Teich noch ein großes Stück abschneiden. Ach ja: Selbstredend gibt es in Amerika Popcorn, in jedem Kino. Und nahezu jeder Kinobesucher isst Popcorn während der Vorstellung, aber gesittet. Und siehe da: Keiner wird gestört! Alle können den Film gemeinsam genießen! Ein Wunder! Popcorn ist nicht das Problem!

Kino ist leger und bleibt leger, nicht ohne dass man auf die Mitkinogänger achten und alle Mitmenschen achten muss. Man bedenke, dass man im Laufe der Zeit sogar den Dresscode für den Gang in die Oper gelockert hat.

Ganz davon abgesehen, bin ich mir durchaus bewusst, dass der Vorschlag der Knigge Gesellschaft zum Thema Popcorn ohnehin verpufft, da der Verkauf von Popcorn und Getränken ein wichtiges Geschäft für die Kinos ist. Was mich so dermaßen daran stört, sind die unterschwelligen Unterstellungen, die dabei mitschwingen und die Tatsache, dass ich mir sicher bin, dass Popcorn nicht das Problem ist.

Feiern und Paare
Ein weiterer Vorschlag der Knigge Gesellschaft betrifft die Sitzordnung auf Feiern und Partys. Ehepaare sollen nicht mehr nebeneinander sitzen. Der Grund: Ehepaare würden sich oftmals anschweigen oder streiten.
Auch diese Unterstellung finde ich wirklich frech, milde ausgedrückt. Ich selbst bin verheiratet und habe schon viele verschiedene Familienfeierlichkeiten organisiert. Die Sitzordnung ist mein Spezialgebiet.
Vor Jahren fand einmal eine Familienfeier statt, bei der sich die Gastgeber, offenbar der Knigge Gesellschaft weit voraus, eine Sitzordnung ausgedacht hatten, bei der nicht nur die Ehepaare, sondern ausnahmslos alle Paare und Familien (!) komplett auseinander gesetzt wurden. Diese Feier ging komplett in die Hose. Was den Gästen hinterher im Kopf blieb und worüber man sich noch lange unterhielt, war vor allem die misslungene Sitzordnung. Dass die Feier nach dem Essen, als sich alle Paare wieder zusammengefunden und dann adäquat gemischt hatten, auflockerte, beweist noch mehr den Unsinn einer solchen Tischordnung.
Das Ganze ist nur logisch. Was passiert, wenn man einem Menschen den Partner wegnimmt und damit vielfach die einzige Person, die er unter den Anwesenden kennt? Er fühlt sich verunsichert und schweigt erst recht. Das geht den meisten Menschen mit einem normal ausgeprägten Selbstbewusstsein so. Auf besagter Feier wurden während des Essens so wenige Unterhaltungen geführt, wie nie zuvor. Ich habe während einer Feier noch nie in solch ruhiger Atmosphäre gespeist. Wenn das das Ziel war, wurde es erreicht.
Aus meiner Erfahrung sehe ich die Forderung der Knigge Gesellschaft deshalb als groben Unsinn an.
Paare und Familien gehören auf Feiern zuerst einmal zusammen. Ich lehne auch exrta Kindertische ab. Warum sollen Kinder nicht bei Ihren Eltern sitzen? Kinder sind die Ersten, die sich untereinander finden und damit das Durchmischen nach dem Essen beschleunigen. Außerdem kann man auch Familien zusammen und Kinder neben Kinder setzen.
Bei der Sitzordnung ist es durchaus ratsam, Menschen zusammen zu setzen, die sich vorher nicht kannten. Paare auseinanderreißen muss man deswegen aber nicht. In Gesprächen fällt es Paaren außerdem leichter sich gegenseitig einzubinden und zu ergänzen, zum Beispiel wenn über einen gemeinsamen Urlaub berichtet wird.
Ehepaare, die sich auf Feiern streiten, haben kein gutes Benehmen. Sie disqualifizieren sich selbst. Streitigkeiten müssen andernorts ausgetragen werden und gehören nicht auf Feiern. Das gebietet der Anstand. Es sollte deshalb von vornherein ausgeschlossen sein, dass sich Paare streiten. Extra Maßnahmen sind nicht vonnöten.

Probieren
Was die Forderung der Knigge Gesellschaft betrifft, dass man beim Essen vom Gericht des Partners probieren darf, so halte ich dies nicht für eine Neuerung. Wer gesittet essen kann, sollte auch in der Lage sein, sich beim Probieren nicht durch grobschlächtige Bewegungen und damit verbundenes Kleckern zu blamieren. Ich probiere schon lange, wenn ich will und werde das auch weiterhin tun. Wenn das Restaurant dafür einen extra Teller bereitstellt, ist das gut.

Im Übrigen wünsche ich auch Leuten, die Niesen weiterhin „Gesundheit!“. Dies ist kniggemäßig ja schon lange verpönt. Ich kann allerdings nichts Ungehobeltes daran finden, jemandem etwas Gutes zu wünschen. Gefordert wird ja, dass sich der Niesende entschuldigt. Habe ich zu laut geniest und laufe ich Gefahr, dadurch jemanden erschreckt zu haben, tue ich das selbstverständlich auch gerne. Glücklicherweise geht es hier den meisten Menschen wie mir. Während eines Vortrages sagt selbstverständlich besser keiner etwas. Es kommt immer auf die Situation an, aber gänzlich ausschließen, jemandem einen gut gemeinten Wunsch auszusprechen, möchte ich persönlich nicht.

Wer gutes Benehmen und dadurch ein geschultes Gespür hat, der meistert jede Situation, egal ob Kino, Feiern, Essen oder Niesen. Es ist sicher logisch und richtig, dass sich manche Benimmregeln im Laufe der Zeit ändern und hinzukommen, aber die aktuellen Forderungen gehen meiner Meinung nach in eine falsche Richtung.

Knigge? Kann man in diesem Fall knicken.