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Stadt ohne Helden

Schon lange stand The Wire auf meiner persönlichen Must-See-Liste. Inzwischen habe ich die fünf, mit jeweils 10 bis 13 Episoden relativ kurzen Staffeln der mittlerweile abgeschlossenen TV-Serie gesehen und bin restlos begeistert. The Wire wird nicht umsonst von Fans und Kritikern hoch gelobt und in den Fernseholymp gehoben.

Die Serie beleuchtet das Leben in Baltimore aus verschiedenen Blickwinkeln, wobei jede Staffel einen anderen Schwerpunkt hat. Neben der Arbeit der örtlichen Polizei mit ihren verschiedenen Einheiten, wird der Kampf gegen Drogen und Gewalt auch aus Sicht der Dealer, Drogenbosse und Süchtigen gezeigt. Darüber hinaus erzählt The Wire die Geschichten von Politikern, Hafenarbeitern, Lehrern und Journalisten und davon, welchen Herausforderungen und Problemen sie sich während ihrer Arbeit und im Rest ihres Alltags stellen müssen. Die TV-Serie folgt ihren Protagonisten stets unprätentiös, realitätsnah und ohne Übertreibung. Die Kamera verfolgt und zeigt, ohne jegliche Wertung. Auf Musikuntermalung wird, bis auf wenige Ausnahmen, fast vollständig verzichtet.

Die komplexen Verflechtungen und Zusammenhänge werden nur langsam enthüllt. Wer genau hinsieht wird oftmals mit winzigen und hochinteressanten Details belohnt. Aufgrund der schieren Masse an Charakteren verlangt The Wire dem Zuschauer einige Konzentration und Mitarbeit ab. Diese TV-Serie kann nicht einfach nebenbei konsumiert werden. Dafür sind die Inhalte außerdem zu schwer verdaulich. Gekonnt bauen die Macher ihren Plot auf, in dessen Verlauf keiner vor Enttäuschungen und Stolpersteinen sicher ist und jeder irgendwann von der bitteren und harten Realität eingeholt wird. Lichtblicke, das wird schnell klar, sind rar, klein und kostbar.

The Wire zeigt eine Stadt ohne wirkliche Helden. Jeder einzelne Charakter hat zwei Seiten. Wurde eine davon – je nachdem ob positiv oder negativ – eine Weile beleuchtet, kommt schlagartig die andere wieder zum Vorschein. Wechselbäder der Gefühle sind dem Zuschauer deshalb gewiss und Ausnahmen gibt es keine. Dafür sind alle Protagonisten ausnahmlos menschlich. Dass die Figuren so vielschichtig sind, ist nicht nur den Autoren, sondern auch den großartigen Schauspielern zu verdanken. Egal ob Dominic West als Detective McNulty, Idris Elba als Drogenboss Russel „Stringer“ Bell, Andre Rojo als Drogenabhängiger und Informant „Bubbles“, Lance Reddic als Police Lieutenant Cedric Daniels oder Michael K. Williams als Räuber Omar Little, der davon lebt, Gangster zu bestehlen – um nur einige Beispiele zu nennen – wurde jede Rolle treffsicher besetzt. Die Akteure spielen allesamt mit sichtlicher Hingabe.

Um diese Serie genießen zu können, sollte man sich im Voraus nicht zu viele Gedanken darüber machen, was einen möglicherweise erwartet und getrost die Rolle des unvoreingenommenen Beobachters, die die Macher für ihre Zuschauer vorgesehen haben, einnehmen. Die Belohnung ist ein intensives Erlebnis, eine Achterbahnfahrt der Gefühle und jede Menge Stoff zum Nachdenken. The Wire beleuchtet eine typisierte postindustrielle amerikanische Stadt. Viele der dargestellten Probleme sind allerdings auch für den Rest der Welt nicht ganz undenkbar und nicht allzu fern. Ich kann vor den Machern nur den Hut ziehen und jedem, der die TV-Serie noch nicht kennt, eine dringende Sehempfehlung aussprechen – im englischen Originalton, versteht sich.

Hausbesetzung leicht gemacht

Die Filme von Roland Emmerich sorgten bei mir in den letzten Jahren regelmäßig für Gefühlschaos. Ich liebe es, mir gut gemachte und groß angelegte Zerstörung auf der Kinoleinwand anzusehen. Deshalb locken mich die Trailer zu den Filmen des Regisseurs jedes Mal ins Lichtspielhaus meiner Wahl. Nach Stargate und Independence Day war ich von den Qualitäten des auf Action spezialisierten Regisseurs vollkommen überzeugt und – ich gebe es gerne und offen zu – auch an seiner Interpretation von Godzilla fand ich Gefallen. Danach konnte ich mich mit keinem seiner Werke mehr so richtig anfreunden. Ab dem Jahr 2000 klafft diese riesige Lücke, in der ich mir, durch Werbung verleitet, zwar jeden Emmerich-Film angesehen habe, danach aber stets mit langem Gesicht und bitter enttäuscht den Kinosaal verlassen habe. An den Effekten konnte ich nie etwas aussetzen. Es sah zweifellos immer hübsch aus, wenn die Welt unterging. Allein die langatmige und pathetische Präsentation empfand ich teilweise als nahezu unerträglich.
Im Geiste hatte ich Herrn Emmerich deshalb bereits auf meine persönliche „Schwarze Liste“ gesetzt – zu Herrn Soderbergh und all den anderen Filmemachern, die es geschafft haben, mich mehrfach bitter zu enttäuschen und für die ich die Hoffnung aufgegeben habe. Dann sah ich allerdings den Trailer zu White House Down und da war sie wieder: die Möglichkeit, dass auf Jahre der brachialen, lauten Langeweile endlich wieder ein unterhaltsamer Film folgen könnte. Eine letzte Chance wollte ich dem Landsmann noch gewähren. Und siehe da: Er hat sie genutzt!

Bei White House Down ist der Name Programm. Der U.S. Capitol Police Officer John Cale ist dem Sprecher des Repräsentantenhauses als Personenschützer zugeordnet und dank seines Jobs regelmäßig im Weißen Haus unterwegs. Dem geschiedenen Vater einer Teenagerin will es trotz aller Bemühungen nicht recht gelingen, seinen Platz im Leben zu finden. Das Verhältnis mit Ex-Frau und Kind ist gespannt. Um die Karriereleiter zu erklimmen, bewirbt er sich um eine Stelle bei der Leibwache des Präsidenten, dem Secret Service. Seine Tochter Emily interessiert sich sehr für Politik, ist ein großer Fan von Präsident James Sawyer und träumt schon lange von einem Besuch im Weißen Haus. John organisiert Eintrittskarten für sich und Emily und verbindet sein Vorstellungsgespräch kurzerhand mit einem Vater-Tochter-Ausflug. Seine Unterhaltung mit Secret Service Agentin Carol Finnerty verläuft alles andere als gut. Da John als Querkopf und bisweilen sehr eigensinniger Charakter gilt, befürchtet sie, er könne für den Secret Service nicht zuverlässig genug sein und lehnt seine Bewerbung ab. Gegenüber seiner Tochter verschweigt er die Absage und die beiden schließen sich einer Tour durch das Gebäude an. Was als gemütlicher Rundgang beginnt, endet in einer waghalsigen Verbrecherjagd, bei der John seinem Traumjob ungewollt so nahe kommt, wie er es auf normalen Wege vermutlich nie wäre. Eine Truppe, bestehend aus einigen der gefährlichsten Männer Amerikas, startet eine Geiselnahme mitten im Weißen Haus und John Cale allein kann und muss sie stoppen.

Die Handlung hört sich schwer nach „Stirb langsam“ an? Sie ist in der Tat bloß eine Abwandlung der guten, alten Ein-Mann-gegen-die-Welt-Story. Nichtsdestotrotz funktioniert das Konstrukt von Drehbuchautor James Vanderbilt, so klassisch und oft genutzt es auch sein mag. Es ist der Stoff, aus dem gute Actionfilme gemacht sind. Dass White House Down unterhält ist zu großen Teilen der Story und den schwungvollen Dialogen zwischen den Charakteren geschuldet. Sie sind das nötige Gegengewicht zu dem Pathos, das der Regisseur hinzufügt. Die Geschichte ist genau so heroisch, wie sie sein muss, humorvoll und nicht ohne mild eingestreute Zeitkritik. Die Gefahr für den Präsidenten kommt nicht von außen. Für mich gehört James Vanderbilt zu den talentiertesten Drehbuchschreibern für Actionfilme in Hollywood. Sein Können und sein Gefühl dafür, alten Erzählungen neues Leben einzuhauchen, hat er bereits mit The Amazing Spider-Man eindrucksvoll bewiesen. Auf die Fortsetzung der neuen Kinoabenteuer des Netzschwingers und auf das Leinwand-Comeback von Robocop, für die er sich jeweils ebenfalls das Drehbuch verantwortlich zeigt, bin ich sehr gespannt.

Roland Emmerich seinerseits nutzt White House Down dazu, sich neben den Effekten wieder mehr auf Figuren und Dialoge zu konzentrieren. Endlich ist Destruktion nicht mehr das tragende Element des Films, sondern unterstützendes Beiwerk. Ein Actionfilm braucht zwar keine tiefsinnige Handlung – White House Down ist da keine Ausnahme – jedoch nutzt der größte Krawall am Ende nichts, wenn er rein dem Selbstzweck dient. Über durchaus existente Logiklücken muss man großzügig hinwegsehen können. In der Welt von White House Down ist manches furchtbar einfach. Superverbrecher hin oder her, so leicht lässt sich das Weiße Haus sicher nicht besetzen. Als purer, klassischer und gut gemachter Actionfilm funktioniert das Ganze trotz einiger kleiner Längen wunderbar. Roland Emmerich versteht als einer von wenigen Filmemachern die Wichtigkeit von Details bei Spezialeffekten. Wenn er Teile des Weißen Hauses unter der Wucht von diversen Explosionen zusammenbrechen lässt, wird der Flug von jeder Glasscherbe und jedem Steinbrocken penibelst inszeniert. Der Regisseur zeigt ein weiteres Mal wie beeindruckend – und in gewisser Weise schön – Zerstörung sein kann.

Die Auswahl der Schauspieler ist durchweg gut gelungen. Channing Tatum stehen das weiße Feinripp-Unterhemd und seine Rolle als zupackender Einzelgänger John Cale gut. Ich mochte ihn schon als Actionheld in den beiden G.I.-Joe-Filmen. Jamie Foxx bildet als James Sawyer die perfekte zweite Hälfte des Duos, das sich Raum für Raum gemeinsam durch das weiße Haus kämpft. Sein Präsident ist Staatsmann und Kumpeltyp zugleich, ohne dass etwas davon aufgesetzt wirkt. Bemerkenswert ist ein weiteres Mal die Leistung von Joey King als Emily Cale. Die Schauspielerin gehört meiner Meinung nach zu den derzeit begabtesten Jungtalenten. Dass die Unvernunft ihrer Figur dem Zuschauer des Öfteren die Haare zu Berge stehen lässt und gehörig auf die Nerven geht, ist beabsichtigt und gewissermaßen ihr Verdienst. Joey King ist wandelbar und in der Lage verschiedenste Emotionen überzeugend darzustellen – etwas, was für Nachwuchstalente leider nicht mehr selbstverständlich zu sein scheint. James Woods zeigt seit Längerem wieder große Lust am Spielen als Chef des Secret Service, Martin Walker, und Lance Reddick präsentiert sich routiniert in seiner Paraderolle als uniformierter Staatsdiener und Stellvertretender Vorsitzender der Vereinigten Stabschefs. Maggie Gyllenhaal geht als Carol Finnerty im Tumult etwas unter, bietet aber als dauergestresste und sichtbar übermüdete Secret Service Agentin eine wohltuende Abwechslung zu den üblichen makellosen Filmgestalten. Sehr positiv aufgefallen ist mir Jason Clarke als durchtriebener Geiselnehmer, Emil Stenz. Er zelebriert den harten Bösewicht mit jeder Faser und bietet den idealen Gegner für krachende Schusswechsel mit Channing Tatum.

Mit White House Down kann Roland Emmerich die selbst gegrabene, breite Kluft aus belanglosen Weltuntergängen und schierem Ergötzen an tricktechnischen Möglichkeiten überbrücken. Dank der richtigen Mischung aus Buddy-Humor, klassischer Action, überzeugenden Darstellern und bombastischen Spezialeffekten kann sein neuer Film über die gesamte Länge unterhalten. White House Down ist keinesfalls der beste Actionfilm des Jahres und wird sicherlich keinen Platz in meinen persönlichen Top 10 für 2013 einnehmen. Verglichen mit den Werken des Regisseurs in den vergangenen Jahren, ist die Rettung des Präsidenten jedoch ein großer Schritt in die richtige Richtung. Wer einen Actionfilm im Stil von Independence Day und Armageddon sucht, der sollte sich White House Down im Kino ansehen. Diese Hausbesetzung ist für die große Leinwand gemacht.

Einen direkten Vergleich von White House Down mit Olympus Has Fallen werde ich zu gegebener Zeit nachholen. Leider habe ich Antoine Fuquas Film zum gleichen Thema im Kino verpasst und warte nun auf dessen Veröffentlichung auf Blu-ray.

(Links im gesamten Artikel zu IMDB.)

Der Cop und der Cowboy

Ein amüsanter Comic als Vorlage, ein gut gemachter Trailer, ein Regisseur, der sein Talent für actionreiche und humorvolle Filme bereits bewiesen hat und eine Besetzung aus guten Schauspielern. Diese Zutaten ließen bei R.I.P.D. auf einen Film hoffen, der zumindest für einen Abend zu unterhalten weiß. Umso enttäuschender war das Ergebnis dieser eigentlich guten Mischung.

Nick Walker ist Polizist beim Boston Police Department. Er ist glücklich verheiratet und sein Leben verläuft in geregelten Bahnen. Die einzigen Sorgen, die ihn plagen, sind die um das nötige Kleingeld, von dem er gerne etwas mehr hätte. Eigentlich ist Nick ein grundehrlicher Kerl, aber als bei einer Razzia Gold gefunden wird, nutzen er und sein Partner, Bobby Hayes, die Gelegenheit und schaffen etwas davon für sich zur Seite. Bevor er in der Sache weitere Schritte unternehmen kann, werden die beiden Cops zu einem Einsatz gerufen. Der geht für Nick gründlich in die Hose. Er stirbt.
Bevor er vor das Jüngste Gericht treten kann, wird er vom Rest in Peace Department rekrutiert. Das R.I.P.D. ist eine himmlische Polizeieinheit, die dafür sorgt, dass die Toten auch wirklich in Frieden ruhen. Die besten verstorbenen Gesetzeshüter der Welt haben die Aufgabe sogenannte Deados einzufangen und zu ihrer letzten Verhandlung zu überführen. Diese untoten Monster wandeln in Menschenkörpern getarnt unter den Lebenden. Da Nick noch neu beim R.I.P.D. ist und seine Situation erst begreifen muss, wird er dem erfahrenen Revolverhelden Roy Pulsipher zugeteilt. Der kauzige US Marshal ist alles andere als erfreut über seinen neuen Partner, arbeitet er doch viel lieber alleine. Das ungleiche Team macht sich an die Arbeit und muss schnell feststellen, dass nicht alles Gold ist, was glänzt.

Mit seiner Comicvorlage (Link zur aktuellen deutschen Ausgabe auf der Webseite des Cross Cult Verlages) hat die Filmumsetzung von R.I.P.D. nicht besonders viel zu tun. Einzig die Charaktere sind geblieben. Weder die Story noch der Humor wurden übernommen. Offenbar waren die Macher der Meinung, dass die Rettung der Welt um jeden Preis auf dieser stattfinden muss. Prinzipiell sind Abweichungen von einer Vorlage nichts Verwerfliches. Wie man es richtig macht und eine Comic-Miniserie als Basis für etwas komplett Neues verwendet, hat Regisseur Robert Schwendtke bereits mit RED (Link zu IMDB) bewiesen. Leider will ihm und seinem Team bei R.I.P.D. dieser Geniestreich kein weiteres Mal gelingen. Zu vorhersehbar ist die Geschichte, zu flach sind die Gags. Der Film spult die Geschehnisse vor den Augen der Zuschauer ohne wirkliche Überraschungen und ohne merkliche Abweichungen in der Erzählgeschwindigkeit ab. Spannung kann so kaum aufkommen und es gibt nur wenige wirklich lustige Momente, von denen der Trailer die meisten bereits verraten hat. Einzig wenn mit den Geheimidentitäten der beiden Himmelspolizisten gespielt wird, die von den Lebenden auf der Erde so ganz anders wahrgenommen werden als zuvor, wird es wirklich humorvoll. Wobei auch hier einiges genau aus der falschen Perspektive gezeigt wird, um wirklich eine Punktlandung hinlegen zu können.

Für seine Geschichte hatte Peter M. Lenkov sich zugegebenermaßen bei etlichen bekannten Konzepten bedient. Die „Men in Black“ sind nur ein Beispiel. Allerdings war seine ursprüngliche Kombination wesentlich durchdachter und charmanter, als die der Drehbuchschreiber. Vielleicht hätte Herr Lenkov, der immerhin einer der Produzenten des Films ist, genauer hinsehen sollen, was aus seiner Vorlage gemacht wurde. Die Parallelen zu den anzugtragenden Alienjägern sind zu offensichtlich und man gibt sich nicht einmal die Mühe sie in irgendeiner Form zu kaschieren. Sämtliche Spezialeffekte wirken billig und zu aufgesetzt. Die Monster sehen unglaubwürdig und keinen Zentimeter gruselig aus. Wer die Deados gestaltet hat, braucht dringend Nachhilfe in Sachen bedrohlicher Filmmonster.

Den Schauspielern kann man nicht mal einen Vorwurf machen. Sie tragen am wenigsten zum Gesamtversagen des Films bei. Man hat vielmehr das Gefühl, dass insbesondere Jeff Bridges und Ryan Reynolds ständig versuchen, gegen alle Schwächen mit ihrem Talent anzukämpfen, es aber nicht schaffen. Jeff Bridges passt fantastisch auf die Rolle des schrulligen und ständig missgelaunten US Marshals Roy Pulsipher. Er ist der Star des Films und legt sichtlich Herzblut in seinen Part. Auch Ryan Reynolds kann als Nick Walker überzeugen. Obwohl er einmal mehr den unbedarften Typen mit dem einnehmenden Lächeln spielen darf und ihm dies nicht besonders viel seiner vorhandenen schauspielerischen Fähigkeiten abverlangt, funktioniert er gut als Gegenpart zu Jeff Bridges. Mary-Louise Parker spielt die strenge und etwas sonderbare R.I.P.D.-Chefin Mildred Proctor mit sichtlicher Freude. Einzig Kevin Bacon wirkt als Nicks Partner bei der Polizei in Boston, Bobby Hayes, etwas lustlos.

R.I.P.D. bleibt trotz aller Bemühungen der Akteure ein unbefriedigender Film. Das Potenzial ist, mitsamt allen Unterschieden zur Vorlage, vorhanden. Es wird schlichtweg nicht genutzt. Wer fantastischen Agenten bei der Arbeit zusehen will, der schaut sich lieber noch einmal die „Men in Black“ an. Wer sich davon überzeugen will, dass man eine kurze Comicvorlage besser zu einem Film verlängern kann, der entscheidet sich für „RED“. Das Heimkino bietet zu R.I.P.D. die besseren Alternativen.

Blut, Schweiß und der Amerikanische Traum

Es gibt Regisseure, die experimentieren gern und erfinden sich im Laufe der Zeit immer wieder neu. Es gibt aber auch Regisseure, die bleiben wie Schuster bei ihren Leisten. Sie haben ihre Leidenschaft und ihren Stil gefunden und arbeiten stetig an dessen Perfektion. Roland Emmerich ist einer von ihnen. Er liebt es, Weltuntergangsszenarien und große Bedrohungen zu inszenieren. Ein weiterer Filmemacher dieser Gattung ist Michael Bay, Meister der Explosionen. Mit geradezu kindlicher Begeisterung inszeniert er große Action, die die gesamte Leinwand ausfüllt – egal ob mit Riesenrobotern oder ohne.

Wenn sich ein Künstler, egal wie und wo er seine Kunst präsentiert, mehr oder minder in einem Genre festgefahren hat, polarisiert seine Arbeit. Die Ergebnisse seines Schaffens sind unverkennbar mit ihm verknüpft. Ich bin ein großer Fan von Michael Bay und seiner Art Filme zu machen. Bisher konnten mich nur wenige seiner Werke nicht überzeugen. Seine Transformers-Filmreihe treibt mir als Liebhaberin der bunten Actionfiguren geradezu Freudentränen in die Augen und ich freue mich schon jetzt unbändig auf den nächsten Film mit Optimus Prime und Konsorten und auch die von ihm produzierte Neuauflage der Teenage Mutant Ninja Turtles für die große Leinwand kann ich kaum erwarten.

Michael Bay wird von Vielen belächelt. Seine Filme werden als zu bunt, zu steril und zu anspruchslos kritisiert. Was dabei oft vergessen wird ist die einzige Zielsetzung, die der Regisseur verfolgt und die er selbst regelmäßig betont: Er will unterhalten. Ich liebe es, im Kino gut unterhalten zu werden und brauche dazu nicht immer tiefgründige Denkansätze. Manchmal tut es auch ein gut gemachter, bunter Actionfilm. Das und die Bewunderung für Herrn Bay waren für mich Grund genug, sein neues Werk Pain & Gain im Kino anzusehen.

Pain & Gain handelt von der Sun Gym Gang, einer Bande von Bodybuildern, die beschließen, dass sie in ihrem Leben genug geschwitzt und malocht haben. In den Augen von Daniel Lugo und seinen beiden Kumpels ist es endlich an der Zeit ist, dass auch sie ein Stück von diesem Amerikanischen Traum abbekommen, von dem sie so viel gehört haben. Daniel hat jede Menge Halbwissen über das perfekte Verbrechen zusammengetragen und entwickelt daraus kurzerhand einen Plan. Zusammen mit dem steroidgeschwängerten Adrian Doorbal und dem bekehren Muskelberg Paul Doyle, entführt er einen seiner neureichen Fitnessstudiokunden namens Victor Kershaw. Die drei Bodybuilder zwingen Victor, ihnen sein gesamtes Hab und Gut rechtsgültig zu überschreiben und versuchen anschließend, ihn zu töten. Es bleibt bei einem Versuch. Der Gepeinigte überlebt und da ihm die Polizei kein Wort glaubt, engagiert Victor den Privatdetektiv Ed DuBois, der sich an die Fersen der Verbrecherbande heftet. Die Sun Gym Gang genießt derweil das Leben in vollen Zügen. Die Muskelmänner erkennen derweil, dass Geld schneller ausgegeben ist, als man es rauben kann und schmieden immer gewagtere Pläne.

Die Geschichte der Self-Made-Gangster basiert auf wahren Gegebenheiten. Das, was in den 90er Jahren in Miami passierte war grausam und unglaublich zugleich. Michael Bay entschied sich für seinen Film, unter der Prämisse unterhalten zu wollen, dazu den harten Stoff in komödiantischer Form aufzubereiten. Herausgekommen ist eine schrille und bis ins kleinste Detail stilisierte Actiongroteske. Der präsentierte Humor ist schwärzer als die Nacht. So mancher Spruch, den die Charaktere beiläufig fallen lassen, entfaltet seine Wirkung erst im Nachhinein. Vieles wird so überspitzt inszeniert, dass einem das Lachen im Halse stecken bleibt. Mit optischen und sprachlichen Schlägen unter die Gürtellinie wird ebenfalls nicht gespart und auch bei Gewaltdarstellungen gehen die Macher nicht gerade zimperlich vor. Aus diesen Gründen ist Pain & Gain sicherlich weniger massentauglich als Michael Bays bisherige Filme. Der eine oder andere Zuschauer wird sich unter Garantie vor den Kopf gestoßen fühlen.

Durch diese Stilmittel, kombiniert mit lupenreiner Optik in stylischen Neonfarben, schafft es der Regisseur, das Publikum stets auf Distanz zu halten. Dieser Ansatz ist meiner
Meinung nach sehr interessant und äußerst geschickt gewählt, denn er trägt dem ernsten Hintergrund trotz aller guten Laune Rechnung. Echte Helden und Sympathiepersonen findet man in Pain & Gain keine. Dennoch habe ich vor allem bei einer Szene, in der der von den Bodybuildern übelst zugerichtete Victor versucht, der Polizei zu erklären, was mit ihm passiert ist, seit langem einmal wieder buchstäblich Tränen im Kino gelacht.

Dazu beigetragen, dass mich Pain & Gain für 129 Minuten wirklich gut unterhielt, haben vor allem auch die Schauspieler, die allesamt mit sichtlicher Freude bei der Sache sind und von denen jeder mindestens ein Mal im Verlauf des Films die Fähigkeit zu vortrefflicher Selbstironie beweist. Allen voran zeigt sich Mark Wahlberg als Daniel Lugo nicht nur körperlich in Bestform. Gnadenlos rechnet er mit der Zeit ab, in der er sich selbst als Fitness-Guru versuchte. An seiner Seite zeigt Dwayne „The Rock“ Johnson ein weiteres Mal, dass er schauspielerisch weit mehr kann, als den grimmigen Actionhelden zu mimen. Anthony Mackie vervollständigt die Sun Gym Gang als Adrian Doorbal, der sich in die Krankenschwester Robin Peck, hinreißend gespielt von Rebel Wilson, verliebt und beweist, dass Gegensätze sich an- bzw. ausziehen. Brillant ist auch die Darbietung von Tony Shalhoub als erstes Opfer der Verbrecherbande, Victor Kershaw. Ed Harris macht sich als alternder Privatdetektiv Ed DuBois auf die Jagd nach den Muskelmännern und Ken Jeong drischt im Hintergrund als Motivationstrainer Phrasen, die allgemeingültiger nicht sein könnten. Ob körperliche Figur, Intelligenz, Alter, Sexualität, die Schauspieler nehmen in ihren Rollen alles aufs Korn, worüber manch einer aufgrund guter Erziehung vielleicht lieber nicht lachen würde. Gerade dadurch führen sie dem Zuschauer vor Augen wie unsinnig die Realität sein kann.

Steve Jablonsky, mit dem Michael Bay schon seit etlichen Filmen erfolgreich beim Thema Musik zusammenarbeitet, untermalt die durchgestylten Bilder mit lauten Beats und 90er-Jahre-Musik. Er rundet das überdrehte Leinwandgeschehen musikalisch ab und findet für jede Szene die passende musikalische Untermalung, egal ob gerade gefeiert wird oder ob eine Leiche in einem Fass langsam im Wasser versinkt.

Alle, die schwarzen Humor nicht schätzen oder ein Problem mit Michael Bays Filmen haben, können sich auch für Pain & Gain den Kinobesuch sparen – obwohl es dieses Mal vergleichsweise wenige Explosionen gibt. Ich fühlte mich jedenfalls gut unterhalten und kann den Film trotz allen verhaltenen Kritiken empfehlen. Die ganz eigene Geschichte von Schweiß und Blut und dem Amerikanischen Traum, die übrigens an Originalschauplätzen gedreht wurde, enthält trotz aller Klischees und optischer Finessen viel Wahrheit und das nicht wegen der zugrunde liegenden Tatsachen. Mein letzter Überzeugungsversuch für alle 90er-Jahre-Teenies: Mary Mark zeigt sich mal wieder nur mit einer Calvin-Klein-Unterhose bekleidet.

Ein schmaler Grat

Viele Dinge konnten lange Zeit nur auf dem Papier und in den Köpfen von Lesern existieren und funktionieren. Es ist der harten Arbeit von Filmemachern und Spezialeffektspezialisten zu verdanken, dass auf der Leinwand mehr und mehr unmögliche Dinge möglich werden. Fans wie ich freuen sich in diesem Zusammenhang über die immer weiter steigende Anzahl von Comicverfilmungen. Unter den Bildergeschichten, die jede Woche ihren Weg in die Comicläden der Welt und in die Hände der Leser finden, gibt es allerdings einige, die nicht aufgrund von technischen Möglichkeiten, sondern vielmehr ihrer Inhalte wegen schwer als Filme umsetzbar sind. Zusätzlich werden die Gelder der Produzenten in den allermeisten Fällen nicht aus reinem Idealismus und der Freude an einem bestimmten Thema vergeben. Sie sind an die Bedingung geknüpft, im Nachhinein einen großen Profit zu erwirtschaften. Das ist nur recht und billig, trägt jedoch dazu bei, dass bestimmte Dinge so umgeschrieben werden müssen, dass sie für den Massenmarkt tauglicher werden. Der Massenmarkt hat sich glücklicherweise gewandelt, weshalb wiederum mehr möglich gemacht und von der Filmindustrie umgesetzt wird.

Mit Kick-Ass (Link zu IMDB) hat im Jahr 2010 ein sehr spezieller Comic eine Filmumsetzung spendiert bekommen. Autor der Vorlage ist Mark Millar, der  – insbesondere in seinen persönlichen Projekten, die er unter dem Label „Millarworld“ veröffentlicht – vielfach gewagten und stets in gewissem Sinne berechtigten Fragen provokant nachgeht. Im Fall von „Kick-Ass“ waren Comic und Film ein voller Erfolg. Die Geschichte über den im richtigen Leben erfolglosen Jungen, der so sehr ein Superheld sein will, dass er sich kurzerhand ein Kostüm anzieht und auf Verbrecherjagd geht, wusste zu begeistern. Die Fortsetzung in Comicform folgte auf dem Fuße, und nach 3 Jahren Wartezeit startet nun der Film Kick-Ass 2 im Kino.

Kick-Ass 2 knüpft nahtlos an seinen Vorgänger an. Die Geschichte beginnt dort, wo die des ersten Films aufhörte. Dave Lizewski hat sein Superheldenkostüm und seine Einsätze als Kick-Ass an den Nagel gehängt. Mindy MacCready hingegen kämpft, trotz Verbot durch ihren Steifvater Markus, noch immer als Hit-Girl gegen das Verbrechen. Ihr Vater, der sie von klein auf trainierte, starb im ersten Teil als maskierter Big Daddy. Als Dave bemerkt, dass sein Leben als Kick-Ass doch aufregender war, als sein schnödes Schülerdasein, lässt er sich von Mindy trainieren. Da Hit-Girl nicht viel von heldenmäßiger Zusammenarbeit hält und – inspiriert von den Ereignissen im ersten Teil – inzwischen weitere Normalbürger in Kostümen ihr Glück als Helden versuchen, schließt sich Kick-Ass einem geheimen Team namens Justice Forever an. Während sich die Helden organisieren und wortwörtlich mit Gewalt versuchen Gutes zu tun, findet ein weiterer Charakter eine neue Bestimmung: Chris D’Amico, der einst als Red Mist ein Superheld sein wollte, wechselt sein Kostüm, nennt sich ab sofort der Motherfucker und setzt alles daran der erste Superbösewicht der Welt zu werden. Er will sich an Kick-Ass rächen, der seinen Vater, einen New Yorker Drogenbaron, im Endkampf des ersten Films tötete. Um gegen die wachsende Anzahl Helden bestehen zu können, schart er eine Armee aus Verbrechern und Wahnsinnigen um sich und macht Jagd auf Kick-Ass.

Schon an der Inhaltsangabe wird erkennbar, dass man den ersten Teil gesehen haben sollte, um der Geschichte von Kick-Ass 2 folgen zu können. Der Film ist zwar so konstruiert und mit mündlichen Berichten der Protagonisten bestückt, dass auch Zuschauer ohne Vorkenntnisse einen Kinobesuch wagen können, im Zusammenhang mit dem ersten Teil werden jedoch viele Details klarer. Betrachtet man die Vorlage so ist Kick-Ass 2 ein ganzes Stück näher am Comic als sein Vorgänger. Damit einhergehend wurde der Gewaltgrad hochgeschraubt und es fallen mehr derbe Sprüche. Das Faszinierendste an den Kick-Ass-Comics sind für mich die trotz aller Überspitztheit nachvollziehbaren Charaktere. In Kombination mit expliziter Gewaltdarstellung und dem einzigartigen, teilweise fast groben Zeichenstil von Zeichner John Romita Jr. beschreibt Mark Millar ein nicht ganz undenkbares Was-wäre-wenn-Szenario und die Zusammenhänge zwischen Gut und Böse. Die Künstler bescheren den Lesern Wechselbäder zwischen lautem Lachen und einem gehörigen Kloß im Magen und schrecken dabei thematisch vor nichts zurück. Der Film Kick-Ass 2 verbindet zwei Comic-Miniserien miteinander: „Hit-Girl“, die dierekte Fortsetzung von „Kick-Ass“ und die gleichnamige Heftserie „Kick-Ass 2“. Beide Comicserien, sowie die Vorlage zum ersten Teil, sind bei Panini Comics auf Deutsch erschienen (Link zur Kick-Ass-Übersichtsseite auf der Webseite des Verlages). Von mir ein echter Lesetipp. Momentan arbeiten Autor und Zeichner übrigens an „Kick-Ass 3“, der letzten Kick-Ass-Heftserie.

Schon die Fülle der Inhalte von zwei Vorlagen bringt es mit sich, dass der Film sich in einigen Teilen davon unterscheiden muss. Sämtliche Kürzungen, die damit zusammenhängen, sind aus meiner Sicht logisch und nachvollziehbar. Allerdings wurden einige Veränderungen an den Charakteren vorgenommen, bei denen ich mir ein Stirnrunzeln leider nicht verkneifen konnte. Regisseur und Drehbuchautor Jeff Wadlow hatte offenbar keine Angst vor zu viel Gewalt in seinem Film und setzte das Meiste eins zu eins um. Das weiß ich als Fan durchaus zu würdigen. An einigen Stellen hatte ich dennoch das Gefühl, dass die Macher Zweifel überkamen, weshalb sie dann doch lieber etwas filmischen Weichspüler beigaben – beispielsweise was die Beziehung zwischen Kick-Ass und Hit-Girl anbelangt. Die Methoden von Mindy, sich in die Gemeinschaft gleichaltriger Mädchen an der Schule einzufügen, hielt man offenbar ebenfalls nicht für Kinotauglich und ersetzte sie lieber mit übertriebenem Fäkalhumor, den ich persönlich als noch unpassender empfand. Besonders die Figuren von Hit-Girl und dem Motherfucker wollte man, da bin ich mir sicher, weniger hart als in der Vorlage darstellen. An einigen Stellen führt dies aber zu solch eklatanten Veränderungen, dass manches, was eigentlich nicht gar nicht lächerlich ist, trotz allem lächerlich und dümmlich wirkt. Zwischen staubtrockenem Humor, bei dem Lesern, beziehungsweise  Zuschauern, das Lachen fast im Hals stecken bleibt und Lächerlichkeit gibt es große Unterschiede. Warum man das Ende im Vergleich zur Vorlage abwandelte, kann ich übrigens auch nicht nachvollziehen. Immerhin legte sich mein erster Schock etwas, nachdem ich mir den Abspann bis ganz zum Ende angesehen hatte.

Die Besetzung von Kick-Ass 2 wurde zu großen Teilen aus dem ersten Film übernommen. Aaron Taylor-Johnson spielt Dave Lizewski und schafft es dabei besonders in der Maskierung als Kick-Ass, wenn der grüne Neoprenanzug das meiste von ihm verdeckt, Emotionen zu transportieren. Die Rolle von Mindy McCready übernimmt erneut Chloe Grace Moretz, die logischerweise in den letzten drei Jahren sichtbar älter geworden ist. Sie kann in ihrem Part überzeugen. Für die meisten Unterschiede zum Comic im Bezug auf Hit-Girl mache ich das Drehbuch und nicht die Schauspielerin verantwortlich. Die Mindy in der Comicvorlage ist zwar jünger, da die Geschichte nahtlos fortgeschrieben wird, ein Schauspielerwechsel wäre in diesem Fall jedoch ungeschickt gewesen. Der einzige Mime, der etwas an seiner Darbietung hätte ändern können, ist in meinen Augen Christopher Mintz-Plasse. Sein Motherfucker wirkt zu oft mehr wie ein tollpatschiger Möchtegern, als wie ein verärgerter Jugendlicher, der einen sinistren Racheplan ausheckt. Sehr gut gefallen hat mir Olga Kurkulina als muskelbepackte und scheinbar unbezwingbare Superschurkin Mother Russia. Die Bodybuilderin spielte ihre Rolle mit sichtlicher Freude. Seitdem ich sie auf der Leinwand sah, rotiert in meinem Kopf die Frage, warum um alles in der Welt man in der (meiner Meinung nach unterirdischen) Verfilmung von Thomas Harris Buch „Hannibal“ Masons Schwester Margot, einen der schillerndsten Charaktere des Buchs, vollständig gestrichen hat … aber zurück zu Kick-Ass 2 … Ob sich Jim Carrey die Comicvorlage nicht ansah, oder was ihn sonst zu seinen Äußerungen bezüglich der Gewalt in Kick-Ass 2 und seiner nachträglichen Unzufriedenheit mit seiner Rolle trieb, ist mir schleierhaft. Er passt jedenfalls gut als Colonel Stars and Stripes, ein ehemaliger Mafiakiller, der sich neu orientiert hat und als Held durchschlagende Erfolge feiert. Optisch passen auch die restlichen Schauspieler sehr gut zu ihren Vorbildern auf dem Papier.

Kick-Ass 2 wird den aus der Vorlage übernommenen Teilen zum Großteil gerecht. Manchmal lässt sich gleichwohl auf hohem Niveau gut jammern, vor allem wenn es sich um etwas handelt, das einem lange und fest ans Herz gewachsen ist. Der erste Film näherte sich seiner Vorlage wesentlich vorsichtiger und wies viel mehr Unterschiede auf. Vielleicht ist es der Gedanke „Wenn schon so, dann richtig!“ der mich dieses Mal etwas verhaltener reagieren lässt. Zwischen Originaltreue und sinnvollen Veränderungen, zwischen krass und zu krass, zwischen lustig und lächerlich verläuft jeweils ein schmaler Grat. Jeff Wadlow bewandert diesen über die Dauer des gesamten Films zumeist stabil. Hin und wieder droht er abzurutschen, fängt sich dann aber in der Regel schnell. Der liebevolle Umgang mit Sprechblasen und anderen Comicelementen, sowie diverse Anspielungen und Andeutungen, entschädigen für viele Abweichungen und Auslassungen. Für Comicfans und Liebhaber von schrillen Komödien mit derbem Humor lohnt sich der Besuch im Kino für Kick-Ass 2 allemal. Zartbesaitete Gemüter, die bei flotten Sprüchen unterhalb der Gürtellinie und Arschtritten rot werden, sind im Kinosaal wenigstens durch die Dunkelheit geschützt.

Heilung und Seelenheil

Wer in der griechischen Mythologie in der Gunst der Götter besonders hoch steht, hat es gut. Er erhält nach dem Tod, oder wenn er genügend Aufgaben für die hohen Herren und Damen im Olymp erledigt hat, Zutritt zu den elysischen Gefilden (auch Elysion oder lateinisch Elysium), wunderschönen Inseln, auf denen Nektar und Ambrosia fließen. Dort angekommen, sind alle Sorgen und Nöte ein für alle Mal vorbei. Diesem uralten Mythos bedient sich Regisseur und Autor Neill Blomkamp nicht nur beim Namen seines neues Science-Fiction-Meisterwerks Elysium – vier Jahre nach District 9 (Link zu IMDB) sein zweiter Kinofilm.

Elysium spielt im Jahr 2154. Die Erde ist verbraucht und ausgelaugt. Die Spuren von industrieller Ausbeutung und Überbevölkerung sind unübersehbar. Von den einst glitzernden Hochhäusern von Los Angeles sind nur noch Ruinen übrig. Die Stadt hat sich in ein einziges, großes Armenviertel verwandelt. Bei näherer Betrachtung ist dies nicht verwunderlich, leben dort schließlich nur noch diejenigen, die gesellschaftlich den untersten Schichten angehören. Wer es sich leisten kann, hat den sterbenden und im wahrsten Sinne des Wortes verwüsteten Planeten längst verlassen und sich nach Elysium zurückgezogen. Auf der riesigen, kreisförmigen Raumstation, die die Erde umrundet und wie ein hohles Auge auf die Reste der Menschheit herabblickt, herrschen wahrhaft paradiesische Zustände. Im Schutz ihres Rings wurde eine neue Welt für die Reichen und Schönen errichtet, in der es großzügige Gärten und saubere Häuser gibt und in der keiner leiden muss. Modernster Technologie sei Dank wurden Krankheiten neben der lästigen Armut gleich mit eliminiert. Wer doch einmal Unbehagen verspürt, legt sich in eine Maschine, die ihn in Sekundenschnelle heilt und die, wenn gewünscht, gleich obendrauf noch schicken Körperschmuck anbringen kann. Dieser Luxus wird den auf der Erde Verbliebenen natürlich nicht zuteil. Unerwünschte Eindringlinge auf Elysium werden sofort deportiert und wieder dem Regime auf der Erdoberfläche unterworfen, das von Maschinen emotions- und rücksichtslos durchgesetzt wird.
In dieser harten und erbarmungslosen Realität versucht Max DeCosta, ein verzweifelter Arbeiter, der dem Tod Auge in Auge gegenüber steht und der schon sein Leben lang davon träumt, die erlösende Raumstation zu besuchen, sein Seelenheil auf Elysium zu finden. Von Not getrieben läst er sich auf den riskanten Plan ein, der ihn mitten in die Schusslinie und in einen Kampf katapultiert, den er in dieser Form zu kämpfen nicht geplant hatte.

Neill Blomkamps Kinodebüt „District 9“ zählt in meinen Augen nach wie vor zu den besten Filmen der letzten Jahre. Kaum ein anderer Film hat es geschafft, mich mit seinen Figuren derartig zu berühren und mich mit seiner Thematik noch Wochen nach dem Verlassen des Kinosaals zu beschäftigen. Mit Elysium präsentiert der Regisseur seinem Publikum nun erneut düstere und sozialkritische Science-Fiction. Im Vorhinein war ich sehr kritisch, ob ein Konzept, das von seiner Grundstruktur seinem Vorgänger so ähnlich ist, ein weiteres Mal funktionieren würde. Ich wurde eines Besseren belehrt. Ja, auch in Elysium wird die Kluft zwischen Arm und Reich thematisiert. Ja, auch in Elysium gibt es einen Helden, der zu seinem Schicksal mehr getrieben wird, als dass er es sich selbst aussucht und der gejagt wird. Neill Blomkamp zeigt dennoch eine völlig neue Welt und beleuchtet ganz andere Aspekte, allem voran die Frage danach, wie Heilung und Seelenheil zusammenhängen. Die Welten, die der gebürtige Südafrikaner schafft, sind viel größer als seine Filme. Sowohl „District 9“ als auch Elysium beleuchten nur kleine Teilaspekte von riesigen Gedankenexperimenten, die es wert sind, sich damit noch weit über die jeweils etwas mehr als 100 Minuten zu beschäftigen.

Elysium kann als Actionfilm, der in der Zukuft spielt, konsumiert werden. Er bietet einen Anfang, eine Story, in deren Verlauf es ordentlich zur Sache geht und mit gut gemachten Spezialeffekten nicht gegeizt wird, sowie ein Ende, das die erzählte Geschichte abschließt. Wer allerdings davon ausgeht, dass er am Ende mit dem guten Gefühl, bei der Rettung der Welt durch einen starken Helden dabei gewesen zu sein, nachhause geht, könnte enttäuscht werden. Ich persönlich hatte eher den Eindruck nur einen Anfang gesehen zu haben. Das ist in diesem Fall sehr positiv gemeint. Die Lupensicht auf die Ereignisse, diese herrliche Fülle an Lücken, genau an den richtigen Stellen platziert um weiterzudenken, die vollkommene Unvollkommenheit sind es, die den Film meiner Meinung nach so sehenswert machen.

Für mich ist Neill Blomkamp einer der vielversprechendsten Filmemacher dieser Tage. Er verbindet große Science-Fiction mit Autorenkino. Ich hoffe auf viele weitere Ideen von ihm für unvollkommene Welten und darauf, dass es in den kommenden Jahren weitere Produzenten geben wird, die ihn bei der Verwirklichung dieser Gedanken nicht beschränken, sondern bestärken. Die Geschichten, die er erzählt, sind einzigartig und seine Art Filme zu machen überzeugt. Er beweist, dass Gegensätze sich anziehen indem er laut und leise, dunkel und hell, langsam und schnell gerade dort einsetzt, wo man es nicht erwartet. Dadurch werden die Eindrücke, die er vermittelt, so nachhaltig.

Stark ist auch die Leistung der beteiligten Schauspieler, vor allem von Matt Damon als Held wider Willen. Mit geschorenem Kopf und Exoskelett kämpft er sich als Max DeCosta seinen Weg frei. Er schafft es die verschiedenen Aspekte des Charakters – seine kriminelle Vergangenheit, sein Streben nach Besserung, seine schier unglaubliche Naivität, seine Fähigkeit zu fast kindlicher Träumerei – zu vereinen und glaubhaft darzustellen. Dass in vielen Köpfen immer noch „Team America“ nachhallt, wenn sein Name zur Sprache kommt, ist lustig, wenn auch sehr unfair. Jodie Foster spielt die eiskalte und berechnende Ministerin Delacourt routiniert. Sie vermittelt nicht dass Gefühl, dass diese Rolle eine große Herausforderung für sie war. Auf die Seite der Gegner gewechselt hat Sharlto Copley, Hauptdarsteller aus „Dirstrict 9“, der seine Rolle als fieser Agent Kruger, der alles daransetzt, Max am Erreichen seines Ziels zu hindern, sichtlich genießt. Er ist ein Schauspieler mit großem Potenzial und ich freue mich darauf, ihn in weiteren Rollen – egal ob gut oder böse – zu sehen. William Fichtner brilliert als aalglatter und raffgieriger Firmenboss. Max Freundin aus Kindertagen, Frey, wird solide gespielt von Alice Braga. Auch die Nebenrollen sind durchweg passend besetzt, zum Beispiel mit Wagner Moura als Schleuser namens Spider.

Wer kritisieren will, kann sagen, dass sämtliche Elemente, aus denen Elysium als Gesamtwerk besteht, nicht neu sind. Das entbehrt zugegebenermaßen nicht einer gewissen Wahrheit. Es ist jedoch die richtige Mischung der Zutaten, gewürzt mit neuen Ideen, kritischen Untertönen und einer rundum stimmigen Präsentation, die diesen Film für meinen Geschmack zu einem echten Leckerbissen macht.

Hi-Yo Silver! Away!

Würde ich meine Kinobesuche von der vorherrschenden Meinung abhängig machen, hätte ich mir Gore Verbinskis neues Werk, The Lone Ranger, wohl nicht auf der großen Leinwand angesehen. Es gab schon lange keinen Film mehr, der bereits im Voraus so oft und mit solcher Inbrunst zerrissen wurde, wie dieser. Die meisten Kritiker lassen kein gutes Haar an der erneuten Zusammenarbeit des Regisseurs mit Publikumsliebling Johnny Depp. Warum also überhaupt ins Kino gehen?

Disney macht es sich in den letzten Jahren spielfilmtechnisch zugegebenermaßen nicht gerade einfach. Schon mit John Carter: Zwischen zwei Welten (John Carter, Link zu IMDB) hauchte man einem Charakter neues Leben ein, der Jahrzehnte – in diesem Fall sogar über neunzig Jahre – zuvor erdacht wurde und heute vom Konzept her so gar nicht mehr mainstreamtauglich daher kommt. Ich mag Edgar Rice Burroughs Charaktere, lese regelmäßig die Comicabenteuer von John Carter als Warlord of Mars (Link zum ersten Heft auf der Webseite des Dynamite Verlages) und habe den Film sehr genossen. Bereits in diesem Fall blieb ich stur, ging allen schlechten Kritiken zum Trotz ins Kino und wurde äußerst positiv überrascht. Der Film bewegte sich obendrein sehr nahe an der Buchvorlage, „A Princess of Mars“, die unter dem folgenden Link zur Library of Congress online und im englischen Original völlig kostenfrei gelesen werden kann. Auch auf diversen eBook Readern gibt es das Buch gratis zum Download. Von mir eine klare Leseempfehlung. Die Geschichte ist, wie sie ist und die Filmumsetzung ist in meinen Augen sehr gelungen, weshalb es „John Carter: Zwischen zwei Welten“ bis in meine Hitliste der Filme des Jahres 2012 schaffte. Dass die Kinoversion bei vielen Zuschauern keinen Anklang fand, schreibe ich falschen Erwartungen zu. Wie die Erwartungshaltung des Gros der Kritiker genau war, kann ich nicht sagen.

Mit The Lone Ranger verhält es sich ganz ähnlich wie mit dem Marsbesucher: Das Konzept hinter dem Film könnte klassischer nicht sein – nur dass es sich dieses Mal nicht um Science-Fiction sondern um Western handelt. Die Abenteuer des letzten Texas Rangers im Wilden Westen begannen 1933 in den USA im Radio, gefolgt von der weltberühmten TV-Serie in den 1950er Jahren (Link zu Wikipedia) und einigen Filmumsetzungen. Als ich klein war lief die Serie noch immer im deutschen Fernsehen und es war vor allem die Zeichentrickserie (Link zu Wikipedia), die es mir sofort angetan hatte.

Mein Herz für Cowboy-und-Indianer-Geschichten war schon immer groß. Zu gerne schaute ich mir mit meinem Vater Westernfilme an. Im Sonntagnachmittagsprogramm lief fast immer irgendein Western. Einzig für Winnetou und Old Shatterhand konnte ich mich nie begeistern. Ich habe es versucht. Ehrlich! Ich habe die Filme geschaut und angefangen das erste Winnetou-Buch von Karl May zu lesen. Das war so ziemlich die einzige Westerngeschichte, die mir jemals zu langweilig war. Das Buch, so gebe ich offen und ehrlich zu, habe ich nach der Hälfte weggelegt und nie wieder angefasst.

Lone-Ranger-Comics aus meiner Sammlung

Den Lone Ranger hingegen, mag ich sehr. Seine Abenteuer werden nach wie vor in Comics fortgeschrieben, auch das hat er mit John Carter gemein. Links ein Beweisfoto aus meiner Comicsammlung. Ich habe für das Foto wohlgemerkt nicht alle Hefte aus ihren gemeinsamen Hüllen befreit.

Meine Begeisterung für Western und für den Charakter des Lone Ranger waren für mich Antwort genug auf die Frage danach, warum ich The Lone Ranger unbedingt im Kino sehen musste und, hier steht er dem Planetenbummler John Carter ebenfalls in nichts nach, der Film gefiel mir sehr. Sämtliche Negativkritiken kann ich persönlich nicht nachvollziehen.

The Lone Ranger erzählt die Entstehungsgeschichte des Westernhelden mit der schwarzen Dominomaske und dem weißen Cowboyhut. Nachdem John Reid sein Jurastdium erfolgreich abgeschlossen hat, reist er als frischgebackener Anwalt mit großen Träumen und Ambitionen in seine Heimatstadt Colby in Texas, um dort seinem Beruf nachzugehen und für Recht und Ordnung zu sorgen. Ganz anders als sein Bruder Dan, ein Texas Ranger mit Leib und Seele, hat John keinen Hang zu Feuerwaffen und wilden Verfolgungsjagden. Im selben Zug, in dem John entspannt gen Heimat fährt, befinden sich zwei Gefangene: der Indianer Tonto und der Gesetzlose Butch Cavendish, der in Colby für seine Verbrechen gehängt werden soll. Butchs Gefolgsleute können das über ihren Anführer verhängte Todesurteil nicht einfach hinnehmen. Deshalb überfallen kurzerhand sie den Zug. Nach der haarsträubenden Befreiungsaktion der Banditen mit dem Leben davon- und in Colby angekommen, wird John von seinem Bruder trotz geäußerter Skepsis als Texas Ranger rekrutiert. Er soll helfen Butch wieder einzufangen. Als sie die Spur der Bande verfolgen, geraten die Ranger in einen Hinterhalt. Nur John Reid überlebt und sinnt ab sofort nach Rache. An seine Seite heftet sich Tonto, der seine ganz eigenen Motive für die Verfolgung von Butch hat. Zusammen mit dem Indianer macht sich John als maskierter Lone Ranger auf die Suche nach dem Mördern seines Bruders und kommt einem viel größeren Geheimnis rund um den Bau der ersten Eisenbahnstrecke quer durch Amerika auf die Spur.

Gore Verbinski inszeniert in The Lone Ranger einen klassischen Western, in einer Art, die sowohl dem Charakter als auch dem Genre angemessen ist. Wer keine Western mag, sollte diesem Film fernbleiben. Hier gibt es weite Prärielandschaften, wilde Schießereien und schrullige Charaktere – ganz so wie es sich für den Wilden Westen gehört. Dabei wird die Zeit der Erschließung und Besiedlung Amerikas nicht glorifiziert und es wird nicht romantisiert. Das Leben in der Wüste ist staubig und das sieht man. Zusätzlich werden die Konflikte mit den Indianern, deren Enteignung und deren verzweifelter Kampf thematisiert – nicht aufdringlich aber auch nicht beschönigend. Nicht nur der Lone Ranger muss erkennen, dass die Trennung zwischen Zivilisierten und Wilden oft nicht da verläuft, wo man sie zuerst vermuten mag. Die Kämpfe und Schießereien werden vergleichsweise brutal dargestellt, schließlich geht es nicht um Kinder, die ihre ausgestreckten Zeigefinger als Pistolenersatz aufeinander richten. Bis er seine Rolle als Held, als der letzte Ranger der für die Einhhaltung der Gesetze sorgt, findet, wird John Reid mit etlichen Problemen seiner Zeit konfrontiert. Das Heldentum kommt freilich nicht zu kurz. Geschickt wechseln sich erste Themen mit hinreißenden Gags ab.

Sehr gut gefiel mir die gewählte Erzählstruktur. Die Haupthandlung wird in eine kleine aber feine Rahmenhandlung eingebettet, in der ein alter Tonto seine Geschichte einem kleinen Fan des Lone Ranger erzählt – zu der Zeit, als die Abenteuer des ungleichen Duos das erste Mal im Radio zu hören waren. Das Gespräch zwischen den beiden wird dynamisch eingesetzt, um die Hauptstory zu beschleunigen. Dinge, die man dem Zuschauer nicht in epischer Breiter zeigen muss, die sich jeder denken kann, werden ausgelassen. Das führt dazu, dass die Präsentation noch schwungvoller wird.

Armie Hammer spielt seine erste große Hauptrolle als John Reid mit sichtlicher Freude. Der Charakter des Lone Ranger passt nicht nur äußerlich gut zu ihm. Johnny Depp liefert eine ganz eigene Interpretation des Tonto ab. Sein Make-up wurde inspiriert von dem Gemälde „I am Crow“ von Kirby Sattler. Die starke Kriegsbemalung mag für Lone-Ranger-Fans zuerst befremdlich wirken, Johnny Depp nutzt sie allerdings meisterlich um seinem Tonto trotz aller Sympathie immer etwas Unberechenbares zu verleihen. Das Team aus Lone Ranger und Tonto harmoniert vortrefflich und wenn die beiden miteinander diskutieren, hört man sehr oft lautes Lachen im Kinosaal. Unterstützung erhalten die Helden von Helena Bonham Carter als Red Harrington, eine resolute Puffmutter mit Holzbein, die sich zu wehren weiß. Außergewöhnliche Rollen stehen Frau Bonham Carter einfach am besten und ich genoss, wie so oft, ihre Anwesenheit auf der Leinwand sehr. Mut zur äußeren wie innerliche Hässlichkeit beweist Willian Fichtner, der in seiner Schurkenrolle als Butch Cavendish aufgeht. Alle Herzen erobert dagegen der tierische Begleiter des Lone Ranger, ein Pferd namens Silver, das für seine Rolle noch nicht einmal umbenannt werden musste.

Bei der musikalischen Untermalung beweist Hans Zimmer ein weiteres Mal sein Talent für passgenaue und bombastische Soundtracks. Analog zur Geschichte startet die Musik langsam und mit typischen Westernsounds und wenn zum großen Finale die Wilhelm-Tell-Ouvertüre von Rossini – schon immer das Titellied des Lone Ranger – virtuos variiert wird, hüpft das Fanherz höher.

Gore Verbinski packt in The Lone Ranger alles hinein was in einen echten Lone-Ranger-Film gehört und beweist Mut indem er historische Themen zwar mit jeder Menge Slapstick-Humor versieht, jedoch die ernsten Untertöne immer mitspielen lässt. Der Abspann wirkt wie ein Abgesang auf den guten, alten Western. Vielleicht möchte der Regisseur damit sagen, dass dieser Film womöglich einer der letzten seiner Art sein könnte. Ich hoffe das nicht – auch wenn The Lone Ranger nicht den nötigen finanziellen Erfolg hat.

Wo und wie die Macher das Budget für The Lone Ranger verwendet haben und wie hoch dieses war, ist mir egal. Ich wollte einen Film sehen, der der Figur und dem Genre treu bleibt, der an den richtigen Stellen mit waghalsigen Stunts und stimmigen Spezialeffekten aufgepeppt wird und der vor allem eines: der mich unterhält. Das hat The Lone Ranger auf jeden Fall geschafft. Ich sage nur noch ein Wort: Killerkarnickel!

Die Konsequenzen, die Disney zieht, die Tatsache, dass für den nächsten Teil von „Pirates of the Caribbean“ ein geringeres Budget zur Verfügung gestellt werden soll, sehe ich übrigens unkritisch, denn ich traue es dem Team um Gore Verbinski und Johnny Depp zu, dass sie auch mit weniger Budget nach wie vor gute und unterhaltsame Filme machen können.

Wenn der Lone Ranger auf Silver aufsteigt und zum Abschied „Hi-Yo Silver! Away!“ ruft, winke ich ihm fröhlich hinterher.

Die Geister, die sie jagten

Während Fans der gepflegten Geisterjagd seit Jahren auf einen neuen Film mit den Ghostbusters warten – und wohl leider auch noch eine Weile warten werden – müssen sich in James Wans neuem Film Conjuring – Die Heimsuchung ganz andere Geisterjäger einer übernatürlichen Bedrohung stellen. Die gut gemachten Trailer versprachen einen klassischen Geisterfilm mit Gänsehautgarantie und außerdem sind kalte Schauer jeglicher Art im Sommer etwas Verlockendes. Gründe genug dafür, dass ich mir diesen Film im Kino nicht entgehen lassen konnte.

Conjuring – Die Heimsuchung erzählt eine Geisterhausgeschichte, wie sie typischer für das gute, alte und seit einiger Zeit fast in Vergessenheit geratene Genre nicht sein könnte. Es ist das Jahr 1971. Die Familie Perron hat ein altes Farmhaus auf dem Land erworben und möchte sich dort, nach finanziellen Problemen in der Vergangenheit, ein neues Leben aufbauen. Kurz nach dem Einzug müssen die neuen Bewohner jedoch feststellen, dass sie in ihrem Domizil nicht allein sind. Dunkle Mächte haben sich dort versammelt und beginnen – sowohl mit den Eltern, als auch mit den 5 Töchtern – des Nachts immer üblere Spiele zu spielen. Was als Geisterschabernack beginnt, wächst sich innerhalb kürzester Zeit zu einer waschechten Bedrohung für Leib und Leben aus. Als Mutter Carolyn nicht mehr weiter weiß, geht sie auf die Geisterjäger Ed und Lorraine Warren zu und bittet diese verzweifelt um Hilfe. Die Warrens haben auf ihren Reisen durch die USA, immer auf der Suche nach dem Übernatürlichen, schon viel gesehen und schon etliche Geister und Dämonen besiegt. Auf ihrem Gebiet sind sie Experten, die ihre Erfahrungen mit der Öffentlichkeit in Vorträgen, Interviews und Berichten teilen. Was sie in dem alten Haus erwartet, übersteigt die Erwartungen der Spezialisten, die nach ihrer Ankunft am Ort der Geschehnisse schnell erkennen, dass sie nicht nur der Perrons wegen den Kampf gegen das Böse aufnehmen müssen. Die Geister, die sie bisher jagten, waren nichts im Vergleich zu denen, die das renovierungsbedürftige Haus der gepeinigten Familie bewohnen.

Regisseur James Wan bewies schon im Jahr 2004 mit Saw (Link zu IMDB), dem Film, der ihm zum Durchbruch verhalf, dass er ein außergewöhnliches Gespür dafür hat, das Erzähltempo zu variieren, Gänsehautatmosphäre aufzubauen und Schockmomente gezielt zu platzieren. Conjuring – Die Heimsuchung ist zwar weder von der Machart noch vom Subgenre her vergleichbar mit „Saw“, zeigt allerdings ebenfalls, dass Wan es versteht, durch das Medium Film eine unglaublich beklemmende Stimmung zu transportieren. Mit seinem neuesten Werk erbringt er den ultimativen Beweis dafür, dass es auch mit sehr reduzierten Stilmitteln nach wie vor möglich ist, die Zuschauer das Fürchten zu lehren. Geister brauchen nicht notwendigerweise einen Bombastsoundtrack und ein Spezialeffektgewitter, um ihre gruselige Wirkung zu entfalten. „Back to the roots“ ist das Grundthema, das bei Conjuring – Die Heimsuchung von der ersten Sekunde an mitschwingt. Von der Ausstattung des Geisterhauses über die Geschichte bis zur Bildkomposition merkt man dem Film an, dass die Macher sehr viel Mühe in seine Entstehung investiert haben. Der Retro-Gedanke ist im positiven Sinne allgegenwärtig.

Conjuring – Die Heimsuchung ist ein sehr ruhiger Horrorfilm, der sich größtenteils auf seine Atmosphäre verlässt. Wer viel und blutige Geisteraction erwartet, wird enttäuscht werden. Gegen Ende nimmt das Ganze durchaus noch einmal Fahrt auf, dies betrifft aber in der Summe die wenigste Zeit des Films. Davor wird langsam und bedächtig, teilweise für meine Begriffe etwas zu schleppend, erzählt. An der einen oder anderen Stelle hätte der Spuk ruhig noch etwas ausgeprägter, sogar drastischer, dargestellt werden können. So entstehen doch einige spürbare Längen, die Potenzial für zusätzliche Schockmomente geboten hätten. Auch hätte das Finale meiner Meinung nach ruhig etwas heftiger ausfallen können – gar nicht im Bezug auf Gore-Effekte, sondern vielmehr im Hinblick auf eine größere Entladung der aufgebauten Spannung. Im letzten Viertel des Films wird, im Gegensatz zu seinem Rest, mit vielen vorher ungenutzten Elementen experimentiert. Es gibt buchstäblich schwindelerregende Kamerafahrten, die ich absolut großartig fand, die von großem Einfallsreichtum zeugen und die mich fast vor Freude jubeln ließen. Die Schauspieler dürfen noch einmal richtig aus sich herausgehen. Aufgrund der in weiten Teilen zelebrierten Langsamkeit wirkt all das jedoch wie der sprichwörtliche Tropfen auf dem heißen Stein.

Im Nachhinein entpuppt sich leider auch die Geschichte als ein sehr gewolltes Konstrukt mit vielen gedanklichen Stolperfallen. Nicht die regelmäßigen Hinweise darauf, dass das Gezeigte auf einer wahren Begebenheit basiert, störten mich. Vorlagen und reale Ereignisse werden in Filmen regelmäßig zurechtgebogen. Das ist bis zu einem gewissen Grad auch legitim, vor allem dort wo viel Fantasie ins Spiel kommt. Die Story von Conjuring – Die Heimsuchung ist in sich und innerhalb ihrer eigenen Gegebenheiten, also den selbst auferlegten Rahmenbedingungen, nicht schlüssig und wirkte auf mich zu schnell zusammengeschustert, insbesondere das Ende. In meinem Hirn rotierten beim Verlasen des Kinosaals einfach zu viele Fragen, die im Laufe des Films erst aufgeworfen, dann aber nicht konsequent genug beantwortet wurden. Ich habe nichts gegen ein paar offene Enden, die zum Weiterdenken anregen, zu viele Widersprüchlichkeiten sind allerdings zu vermeiden. Darüber hinaus fühlte ich mich vom zweiten Trailer zum Film belogen, in dem prominent in Texteinblendungen gesagt wird, worum es bei Conjuring – Die Heimsuchung angeblich NICHT geht. Durch diesen hatte ich als Auflösung etwas Anderes, etwas Neues, erwartet.

Der beste Schauspieler in Conjuring – Die Heimsuchung ist in meinen Augen übrigens Hund Dusty. Das Tier spielt seine – leider sehr kurze – Rolle als Sadie, Familienhund der Perrons, einfach hinreißend. An seine Darbietung kann keiner der anderen Beteiligten heranreichen. Die Geisterjäger werden verkörpert von Patrick Wilson als Ed Warren und Vera Farmiga als Lorraine Warren. Positiv ist zu bemerken, dass Lorraine zwar als medial veranlagt aber gleichzeitig als nervenstark, also nicht zu zerbrechlich, dargestellt wird. So wird es glaubhaft, dass die Experten für Geister und Dämonen gut als Team funktionieren. Innerhalb der Familie Perron übernimmt Lili Taylor als Mutter Carolyn die stärkste Rolle. Die Veränderungen, die sie während des Films durchmacht, spielt sie überzeugend. Ron Livingston als Roger Perron geht etwas im Geschehen unter. Dafür ist die schauspielerische Leistung der Akteurinnen, die die fünf Töchter spielen, nicht zu verachten. Positiv fiel mir insbesondere Joey King als Christine Perron auf, die die Zuschauer Angst und Schrecken intensiv mitfühlen lässt.

Conjuring – Die Heimsuchung ist ein atmosphärisch dichter Horrorfilm, der durch seine klassische Machart und mit viel Liebe zum Detail bei der Inszenierung punkten kann. Das volle Potenzial der Geschichte wurde meiner Meinung nach nicht ausgeschöpft, was dazu führt, dass Längen als solche deutlich wahrgenommen werden. Wer Lust auf gut gemachtes Retro-Gruseln hat – oder wer auf der Suche nach Ideen für fiese Streiche ist, die er seinen Mitmenschen in der Nacht spielen kann – für den ist dieser Film trotzdem die richtige Wahl.

Und es hat Snikt gemacht

Comicfiguren gibt es viele. Zahllose Helden und Schurken bevölkern die bunten Seiten der Superheldencomics. Wenn es dann gar um ganze Teams geht, schwirrt so manchem, der sich nicht intensiv und regelmäßig mit der Materie befasst, der Kopf. Aufgrund der vielen Comicverfilmungen, die seit über 10 Jahren verstärkt über die Kinoleinwände flimmern, sind immer mehr Menschen mit verschiedenen Figuren vertraut. Die Mutantentruppe der X-Men (Link zu IMDB) hat es – dank sorgfältig ausgewählter Besetzung und grandioser Inszenierung durch Regisseur Bryan Singer – innerhalb des sich kontinuierlich verstärkenden Superhelden-Booms recht früh geschafft, ihren Weg ins Kino zu finden. Zu den bekanntesten X-Men gehört zweifelsfrei der mit Adamantiumklauen und Selbstheilungskräften ausgestattete Wolverine. Ob durch Comic oder Film veranlasst, hat er mit seiner direkten Art und coolen Sprüchen nicht nur mein Herz erobert, sondern das vieler Fans. Er ist mein Lieblings-X-Man, seit ich die Geschichten der mutigen Mutanten verfolge. Nun kehrt er in Wolverine: Der Weg des Kriegers (The Wolverine) in seinem zweiten Soloabenteuer auf die Leinwand zurück.

Die Geschichte von Wolverine: Der Weg des Kriegers spielt nach dem dritten X-Men-Film aus dem Jahr 2006, X-Men: Der letzte Widerstand (X-Men: The Last Stand, Link zu IMDB). Nach den dramatischen Ereignissen um die nahezu unaufhaltsame Phoenix-Kraft, im Zuge derer er gezwungen war seine X-Kollegin Jean Grey zu töten, hat Logan seine Wolverine-Identität an den Nagel gehängt und sich komplett aus der Welt zurückgezogen. Mitten in der Wildnis lebt er zwischen Grizzlybären und wird regelmäßig von Albträumen heimgesucht. Zu groß war seine Liebe zu Jean, zu groß sind die ihn quälenden Schuldgefühle. Eines Tages wird der Einsiedler von den Japanerin Yukio aufgesucht, die ihn bittet, sie in ihre Heimat zu begleiten. Er willigt widerstrebend ein und trifft daraufhin in Tokyo einen sehr alten Bekannten wieder, dem der grimmige Mutant mit dem großen Herzen einst im Pazifikkrieg das Leben rettete. Für Wolverine folgt ein actionreiches Abenteuer im Land der aufgehenden Sonne, bei dem er nicht nur auf jede Menge neuer Gegner – wie die Ninjas der Organisation „Black Hand“ – trifft, sondern sich auch mit seinem Wesen, seiner Vergangenheit und seiner Zukunft auseinandersetzen muss. Um den Kampf gewinnen zu können muss der Mutant mit den markanten Klauen nicht nur sich selbst, sondern auch einen Weg finden sein Herz für eine neue Liebe zu öffnen.

Als Basis für die Story von Wolverine: Der Weg des Kriegers dient die Comic-Miniserie aus dem Jahr 1982 mit dem schlichten Titel „Wolverine“, geschrieben von Chris Claremont und gezeichnet von Comiclegende Frank Miller. Diese berühmte „Japan-Episode“ bildete gleichzeitig den Start für weitere Solo-Abenteuer mit dem damals braun-gelb gekleideten Helden und machte Wolverine zu einem der beliebtesten Marvel-Mutanten. Wer sich für das „Original“ interessiert, der kann dieses in einer aktuellen deutschen Neuauflage von Panini Comics erstehen (Link zum Comic auf der Webseite des Verlages). Die Geschichte des Films basiert nur lose auf der Vorlage, die sich zwar auf Wolverine konzentriert, zum Ende hin aber weitere X-Men involviert. Mariko war Wolverine im Comic schon aus seinen Abenteuern mit den X-Men bekannt, währen denen er sich in die schöne Japanerin verliebte. Diese zwei Details zeigen bereits, dass eine Eins-zu-eins-Adaption der Comicvorlage im bestehenden Marvel-Filmuniversum quasi unmöglich war.

Viel wurde verändert und umgeschrieben. Wolverine: Der Weg des Kriegers unterscheidet sich an allen Ecken und Enden von seiner Vorlage. Da ich jeglichen Unterschieden zum Trotz der Meinung bin, dass es sich um einen sehr guten und unterhaltsamen Film handelt, möchte ich gar nicht alles im Detail analysieren. Ich untersage mir dies quasi selbst. Am wichtigsten bei Comicverfilmungen ist es mir, dass die wesentlichen Merkmale der einzelnen Charaktere erhalten bleiben und das ist bei Wolverine: Der Weg des Kriegers der Fall, sogar mehr als im ersten Leinwand-Alleingang des einzelgängerischen X-Man aus dem Jahr 2009, X-Men Origins: Wolverine (Link zu IMDB). Das Einzige, was mir wirklich stört, sind die ständigen Gedankenexperimente mit Jean Grey, die dazu führen, dass die rothaarige Telekinetikerin und Telepthin nach wie vor als größte Liebe im Leben von Wolverine verbleibt. Zusätzlich wird dem Film dadurch viel Eigenständigkeit geraubt. Gerade im Hinblick auf die kommenden Mutantenabenteuer im Marvel-Filmuniversum, wäre eine konsequente Umsetzung des Urkonzeptes, einen Film zu schaffen, den auch Zuschauer vollständig verstehen können, die noch neu in Wolverines Welt sind, in meinen Augen etwas sinnvoller gewesen. Dadurch dass Wolverine sich ständig mit Jean beschäftigt, gibt es kaum Raum für die Entwicklung einer Liebe zwischen dem klauenbewehrten Mutanten und Mariko, die nur annähernd der besonderen Beziehung der beiden zueinander in den Comics gleicht. Die Macher haben den Fokus in meinen Augen etwas zu sehr auf die Vergangenheit und zu wenig auf die Zukunft gerichtet. Das ist für all jene, die wie ich große Fans der X-Men-Filme mit Patrick Steward als Professor X sind, leicht zu verschmerzen, zumal die Geschichte in Zukunft fortgeführt wird. Nur Quereinsteiger haben es schwer.

Ich möchte an dieser Stelle noch einmal betonen, dass ich Wolverine: Der Weg des Kriegers trotz der aufgeführten Schwächen sehr genossen habe. Nie war Wolverine seinem gezeichneten Vorbild näher als in diesem Film. Nie wurden seine animalische Art, seine inneren Konflikte und die Tatsache, dass er sich als Einzelgänger wohler als in jedem Team fühlt, besser verdeutlicht. Außerdem gibt es viele Szenen – wie den Kampf gegen eine ganze Horde Ninjas in einem Dorf – die herrlich nahe an der Comicvorlage sind und beim Zuschauen mein Herz hüpfen lassen. Regisseur James Mangold beweist mit diesem Werk erneut seine Vielseitigkeit und dass er auch im anspruchsvollen Metier der Comicverfilmungen, beobachtet von Fans mit Argusaugen, gut aufgehoben ist.

Bei der Besetzung leistet allen voran Hugh Jackman als Wolverine wieder einmal großartige Arbeit in seiner Paraderolle. Der Australier IST Wolverine, er lebt und atmet die Figur des grimmigen Eigenbrötlers mit jeder Faser seines gestählten Körpers. In Wolverine: Der Weg des Kriegers bekommt er endlich die Gelegenheit den Charakter eigenständig weiterzuentwickeln und zu vertiefen. Ich kann mir nach wie vor keinen Anderen und keinen Besseren für diese Rolle vorstellen. Tao Okamoto spielt ihre Version der attraktiven Mariko Yashida mit vornehmer Zurückhaltung. Da der Film den Fokus klar auf Wolverine legt, ist dies verständlich, allerdings hätte ein energischerer weiblicher Gegenpart – vor allem in Anbetracht der dominanten Präsenz von Famke Janssen als Jean Grey – nicht geschadet. So schafft es Rila Fukushima als Yukio mühelos und verdient diese Funktion zu übernehmen, was wiederum dazu beiträgt, dass die Bedeutung der Beziehung zwischen Wolverine und Mariko leidet. Nicht überzeugen konnte mich Svetlana Khodchenkova, die als giftspeiende Mutantin Viper mehr bemüht als überzeugend wirkt. Der Rest der Schauspieler wurde gut gecastet, allerdings sticht keiner durch sein Talent wirklich aus der Masse heraus.

Wolverine: Der Weg des Kriegers ist für alle Mutantenfans einen Gang ins gut klimatisierte Kino wert – auch in 3D – und wer den Kinosaal nicht sofort beim Start des Abspanns verlässt, wird sogar mit einem kleinen Teaser auf die kommenden Ereignisse im Mutantenstadel des Marvel-Filmuniversums belohnt. Ich hoffe auf viele weitere X-Men-Filme mit Hugh Jackman als Woverine und freue mich schon jetzt auf die ungeschnittene und blutigere Version von Wolverine: Der Weg des Kriegers auf Blu-ray, die den Film zumindest auf der Actionebene sicherlich noch etwas näher an die Comicvorlage rücken wird.

Auf das 2014 bevorstehende Crossover-Filmabenteuer der Ur-Film-X-Men und ihrer jüngeren Versionen aus X-Men: Erste Entscheidung (X-Men: First Class, Link zu IMDB) blicke ich nicht ohne Sorgenfalten im Gesicht. Mein Herz schlägt für die älteren X-Men und ich möchte nicht, dass sie von James McAvoy und Konsorten abgelöst werden. „X-Men: Erste Entscheidung“ hat mir nicht gefallen. Mein Professor X ist „Captain Picard“. Mir bleibt deshalb nichts anderes übrig, als auf Bryan Singer zu vertrauen und zu hoffen, dass er die epische Comic-Storyline „Days of Future Past“ congenial auf die Leinwand bringen wird. Immerhin wird Wolverine wieder dabei sein.

Für alle, die Wolverines markantes Soundword aus der Überschrift nicht kennen, hier der erklärende Link zum Urban Dictionary.

Wo Zorn und Rache heiraten …

… da wird die Grausamkeit geboren. Dieses russische Sprichwort enthält viel Wahrheit und kann stellvertretend für das Grundthema von Nicolas Winding Refns neuem Filmkunstwerk Only God Forgives stehen. Der dänische Autor und Regisseur gehört für mich zweifelsfrei zu den talentiertesten Personen im aktuellen Filmgeschäft. Sein letztes Werk, Drive (Link zu IMDB), erhielt verdientermaßen viele Nominierungen und Auszeichnungen und frenetischen Beifall von Seiten der Kritiker. Ganz im Gegensatz dazu spaltete Only God Forgives schon bei seiner ersten Aufführung bei den diesjährigen Filmfestspielen in Cannes die Zuschauer. Die einen jubelten, andere äußerten sich gar in Form von Buhrufen. Mich machten die geteilten Meinungen nur noch neugieriger und so habe ich keine Mühen gescheut, um mir Only God Forgives schon am Startwochenende anzusehen. Angesichts der Masse an bereits angelaufenen und noch bevorstehenden Sommerblockbustern war es gar nicht so einfach, ein Kino zu finden, das dieses Arthouse-Meisterwerk in sein Programm aufgenommen hatte. So unternahm ich also einen Ausflug nach Offenbach, der sich lohnte.

In Only God Forgives erzählt Nicolas Winding Refn die Geschichte des Drogendealers, Julian Thompson, der mit seinem Bruder Billy einen Fight Club in Bangkok besitzt. Dieser dient gleichzeitig als Fasade für ihre Geschäfte. Billy ist ein extrem gewalttätiger und triebgesteuerter Charakter. Eines Nachts vergewaltigt und tötet er auf abscheuliche Weise eine minderjährige Prostituierte. Seine Rechnung hat er dabei ohne den nicht minder gewaltbereiten Polizeichef Chang gemacht, der dem Vater des Mädchens kurzerhand erlaubt, Billy für seine Tat zu bestrafen und zu töten. Der Tod seines Bruders ruft Julians herrschsüchtige Mutter Cystal auf den Plan, die nach blutiger Rache sinnt. Es entbrennt eine Spirale der Gewalt, in deren Verlauf Julian die Bedeutung des eingangs genannten Sprichwortes nur allzu klar wird.

Only God Forgives ist ein schwerer und brutaler Rachethriller. Zartbesaitete Gemüter sollten definitiv Abstand nehmen. Auch wer eine Fortsetzung von oder etwas Ähnliches wie „Drive“ erwartet, wird enttäuscht werden. Ich bin mir ziemlich sicher, dass derartige Enttäuschungen für die Schmährufe in Cannes verantwortlich waren. Wer allerdings bereit ist, sich auf einen Film einzulassen, der seine Geschichte schonungslos erzählt und in visuell grandiosen aber expliziten Bildern malt, der erlebt intensives Autorenkino der Extraklasse.

Nicolas Winding Refn versteht es wie kaum ein anderer Bild und Ton zu einer untrennbaren Einheit zu verbinden, deren Wucht den Zuschauer in den Kinosessel drückt, selbst wenn der Klang bisweilen zart daherkommt und wenige Worte fallen. Seine erfolgreiche Zusammenarbeit mit Komponist Cliff Martinez setzt er fort. Der Autor und Regisseur erzählt seine düstere Story kompromisslos. Er setzt das um, was sich in seinem Kopf formt und hat auf Nachfrage von Journalisten schon mehrfach zum Ausdruck gebracht, dass er sich nicht verbiegen lässt. Die Widmung für Alejandro Jodorowksy am Ende des Films bekräftigt diese Aussage. Gerade deswegen bewundere ich ihn: Es ist ihm egal, ob seine Filme massentauglich sind. Only God Forgives ist das sicherlich nicht, aber eben deshalb für jeden, der bereit ist, sich der Materie ohne Vorurteile und ohne bestimmte Erwartungen zu nähern, ein absolut fesselndes Erlebnis.

Aktuelles Geschehen verschmilzt mit Ausblicken auf unvermeidbare Konsequenzen und mit Visionen der Charaktere. Wenn Julian von den Ereignissen in einen Irrgarten aus Entscheidungen und Gewalt getrieben wird, folgt ihm die Kamera vorsichtig durch bedrohlich wirkende Gänge. Er, der sich in seinem Leben die Rolle des Zuschauers zu Eigen gemacht hat, wird manipuliert und gedrängt, bis er verzweifelt dem Weg folgt, auf den andere ihn zerren. Nicolas Winding Refns Version der Unterwelt von Bangkok ist trotz leuchtendem Farbspiel düster und trotz der Schönheit vieler Aufnahmen hässlich. Ich möchte an dieser Stelle absichtlich nicht zu viele Details verraten, denn ich bin der festen Überzeugung, dass der Film seine Wirkung nur dann komplett entfalten kann, wenn man nicht zu viel weiß. Only God Forgives ist in meinen Augen ein vielschichtiges Meisterwerk, das gerade durch seine im Gegensatz zu „normalen“ Thrillern lose Erzählstruktur überzeugt. Der Macher lässt seine Zuschauer am Ende mit mehr Fragen als Antworten zurück und verlangt ihnen dadurch quasi Mitarbeit im Geiste ab. Welche Denkansätze der Einzelne für sich am Ende verfolgt, wie er vieles von dem Gesehenen interpretiert, bleibt jedem selbst überlassen. Es gibt kein Richtig. Es gibt kein Falsch.

Der Film lebt nicht allein durch die Machart. Nicolas Winding Refn hat ein einzigartiges Gespür dafür, seine Darsteller zu Höchstleistungen zu treiben, sie ganz ihren individuellen Fähigkeiten nach in das Gesamtkonzept einzubauen. Ryan Gosling beweist in der Rolle des Julian erneut sein außergewöhnliches Talent, mit minimalen Mitteln maximale Ausdrucksstärke zu transportieren. Man muss seine Mimik sehr genau beobachten, denn nur wenn man das tut, wird einem die Genialität des Dargebotenen bewusst. Kein anderer Schauspieler kann innere Konflikte kongenial darstellen, von denen Julian einige auszufechten hat. Die eiskalte Mutter wird überzeugend und eindringlich verkörpert von Kristin Scott Thomas, die unter der Hand des Regisseurs zu Bestform aufläuft. Dank ihr wirkt die absolut unmütterliche und manipulative Crystal, die mehr einem Dämon denn einer Bezugsperson in Julians Leben gleicht, trotz aller Härte glaubwürdig und nicht aufgesetzt, was bei einem solchen Charakter eine wirklich große schauspielerische Leistung ist. Tom Burke hat als Billy nur einen relativ kurzen Auftritt, schafft es aber selbst in der kurzen Zeit die Abgründe von Julians Bruder aufzuzeigen. Über allem schwebt Vithaya Pansringarm als Racheengel Chang, der seine ganz eigenen Vorstellungen von Recht und Gesetz brutal durchsetzt mit dem Kurzschwert Urteile vollstreckt. Seine Rolle spielt er absolut bestechend und zeigt gerade bei den Wechseln von Familienvater zu Polizeichef zu Richter und Henker in einer Person die ganze Widersprüchlichkeit des Charakters. Darüber hinaus kann er mit seinem Gesang beeindrucken.

Only God Forgives ist kein leicht verdauliches Werk. Es ist eine Geschichte über Rache, Manipulation, Macht, Dominanz, Recht und Gerechtigkeit, in deren Verlauf trotz aller Brutalität etliche Fragen aufgeworfen werden, die sich viele Zuschauer selbst schon einmal gestellt haben werden. Vielleicht ist es gerade das Gefühl ertappt worden zu sein, vorgeführt zu werden und die möglichen Konsequenzen von gewissen Gedankengängen vorgeführt zu bekommen, die Ursache dafür, dass der Film bei manch einem Empörung hervorruft. Ich kann mich nur ein weiteres Mal vor der Genialität von Nicolas Winding Refn verneigen und mir viele weitere Filme von ihm wünschen – jeder neu und anders, keiner ein Abklatsch von den bisherigen. Wer Arthouse-Kino mag und bereit für eine fiebrige, albtraumhafte Vision der besonderen Art und für ein bisschen Stoff zum Nachdenken ist, der sollte sich Only God Forgives nicht entgehen lassen.