Information und Perfektion

Noch wird das familiäre Abendprogramm dank unserem gerade sechs Wochen alten Sohn täglich neu durcheinander gewirbelt. Zeit für DVDs haben wir seit der Geburt keine gefunden. Meistens ist es die Müdigkeit, die den Ehemann und mich am Ende des Tages zusammengesunken auf dem Sofa nur noch kurz durchs Fernsehprogramm schalten lässt. Bei einem dieser Durchgänge sind wir gestern Abend zeitweise bei der Sendung Odysso im SWR hängengeblieben. Die Folge hieß Der Traum vom perfekten Kind (Link zur Unterseite der Sendung auf swr.de) und behandelte Chancen und Risiken der Pränataldiagnostik.

Auch wir haben während meiner Schwangerschaft eine Nackenfaltenmessung sowie eine eingehende Untersuchung des mütterlichen Blutes machen lassen. Ausschlaggebend dafür, dass wir uns für diese für das Baby ungefährlichen Tests entschieden haben, waren Behinderungen in der weiteren Verwandtschaft meines Mannes. Die Chancen, Risiken und Probleme von derlei Analysen und ihren Ergebnissen behandelte die empfehlenswerte Sendung, die man in der Mediathek des SWR (Link zu Odysso in der SWR-Mediathek) sicher in Kürze ansehen kann, ausführlich und nahezu erschöpfend. Letztendlich müssen Eltern allesamt für sich und im Einzelfall entscheiden, ob sie derartige Untersuchungen durchführen lassen wollen. Immerhin sind diese nicht gerade günstig und müssen selbst gezahlt werden. Viel wichtiger noch: Die Entscheidungsverantwortung – und das ist mitunter eine große – liegt am Ende bei ihnen allein, wenngleich man stets bedenken sollte, dass das Ergebnis (noch) nicht in einem abschließenden Urteil, sondern lediglich in einer Wahrscheinlichkeitsberechnung besteht. In unserem Fall ist jenes bestmöglich ausgefallen, wofür ich nach wie vor unendlich dankbar bin.

Was uns beim Zuschauen im Fernsehen auffiel, war das korrekte und besonnene Handeln der Ärzte in unserem Fall. Sowohl bei meiner Gynäkologin, als auch bei dem Kollegen, der den speziellen 3D-Ultraschall zur Nackenfaltenmessung durchgeführt hat, sind wir ausführlich beraten und über die derzeit doch immer noch mit Vorsicht zu genießende Aussagekraft der Methoden aufgeklärt worden. Beide forschten mehrfach nach, ob wir mit dem Ergebnis – egal wie dieses ausfallen mochte – umgehen können und nichts überstürzen würden. Ein solches Verhalten ist unglaublich viel wert und nicht selbstverständlich. Ich kann mir gut vorstellen, dass viele Ärzte die bloßen Zusatzeinnahmen sehen, die Eltern zur Entscheidungsfindung lediglich mit Broschüren ausstatten und das Ergebnis am Ende knapp verkünden, statt es in Ruhe samt aller Möglichkeiten zum weiteren Vorgehen zu besprechen. Verunsicherte Eltern und Überreaktionen sind dann fraglos vorprogrammiert.

Zu oft habe ich in meinem Leben schlechte Erfahrungen mit Medizinern gemacht. Allen voran mit meinem Kinderarzt, der sich bei dem Kontakt mit mir stets auf die Behandlung beschränkt hat. Gesprochen hat er nur mit meinen Eltern. Auf Fragen und Wünsche meinerseits ist damals in keinster Weise eingegangen worden, weshalb ich mich bei den Untersuchungen stets ausgeliefert und machtlos gefühlt habe. In Kombination mit weiteren Vorfällen und einer ausgeprägten Phobie vor Nadeln entwickelte ich eine regelrechte Panik vor Weißkitteln. Beispielsweise gab es Ärzte, die entschieden haben, dass es für mich im Grundschulalter besser war, meinen an einem Herzinfarkt erkrankten und auf der Intensivstation liegenden Vater nicht zu besuchen. Dabei ging es nicht um eine Infektionsgefahr, sondern nur darum, dass ich die Schläuche und Maschinen nicht sehen sollte, an die er angeschlossen war. Niemand dachte daran, dass es für mich viel schlimmer war, vor der Türe warten zu müssen und nichts zu sehen, als meinem Vater in einer ungewohnten und auf den ersten Blick seltsamen Umgebung nahe sein und mich von seiner langsamen Genesung überzeugen zu können.

Durch den natürlichen Fluchtreflex bei Angst schnellt mein Blutdruck bis heute in jeder Praxis sofort in die Höhe. Dagegen tun kann ich nichts. Ich kann lediglich damit leben. Wegen dem weit verbreiteten Unverständnis für diese Reaktion, musste ich mir bereits mehrfach neue Ärzte suchen. Was zählt, ist gegenseitiges Vertrauen. Dabei gehe ich mittlerweile ganz offen mit meinem Problem um und habe mich zu einer mündigen Patientin entwickelt, die notfalls so lange nachfragt, bis ihr alle nötigen Auskünfte vorliegen. Viel wichtiger, als der bei Odysso propagierte Wunsch durch Information Perfektion herstellen zu können, ist es für mich nämlich zu jeder Zeit perfekt informiert zu sein und auf Basis dessen ganz individuell und höchstpersönlich die richtigen Entscheidungen treffen zu können.

Das optimale Maß an Information ist dabei in meinen Augen nicht immer gleich der Fülle aller noch so kleinen Details. Ich bin der Überzeugung, dass man überinformiert werden kann. So erging es mir bei einem Ultraschalltermin während der Schwangerschaft, bei dem festgestellt wurde, dass der Bauchumfang des Babys etwas größer als der Durchschnitt, aber trotzdem noch innerhalb der Perzentilenkurven war. Zweifellos ist es sinnvoll über eine alle Entwicklungen informiert zu sein. Allerdings ergoss meine Frauenärztin eifrig einen regelrechten Schwall an möglichen Diagnosen über mich, die man hätte treffen können, wenn dieser Zustand sich nicht geändert hätte – nur um alles beim nächsten Termin wieder zu relativieren. Die Verunsicherung meinerseits war entsprechend groß, obwohl ich mich innerlich stur weigerte, zu viel in etwas hineinzuinterpretieren, das sich doch im Normbereich bewegte. Letzten Endes – und genau so traf es zu – sind wir Menschen so verschieden und keiner von uns entwickelt sich gleich. Das gilt innerhalb und außerhalb des warmen Mutterbauchs. Meiner Meinung nach tritt Überinformation heutzutage immer häufiger auf. Von den absolut sinnvollen Fortschritten in der Medizin, den vielen beeindruckenden Möglichkeiten zur Diagnose und den unzähligen Wegen entsprechend früh zu reagieren und vorbeugend zu handeln abgesehen, gibt es von jeher Fälle, in denen weniger mehr ist.

Es kommt also auf die Situation und auf das Individuum an, welche Informationen wirklich benötigt werden und welche überflüssig sind, vor allem in Hinsicht auf medizinische Belange. Als Mutter werde ich darauf achten, dass mein Sohn was ihn betrifft immer gut informiert ist und ausschließlich von verständnisvollen Ärzten behandelt wird, die auf ihn eingehen – egal wie klein er ist – die ihn gewissenhaft beraten und die ein Gespür für den sinnvollen Umgang mit den ihnen vorliegenden Informationen haben. Aus Erfahrung weiß ich inzwischen, dass es solche gibt. Darüber hinaus rufe ich mir eine Tatsache immer wieder aufs Neue ins Gedächtnis: Kinder nehmen grundsätzlich mehr wahr als man denkt.

Das Juwel des Hauses

Hand

„Das Juwel des Himmels ist die Sonne, das Juwel des Hauses ist das Kind.“

So besagt ein chinesisches Sprichwort, dem ich nach den ersten vier Wochen als Mutter nur heftigst nickend zustimmen kann. An dieser neuen Aufgabe täglich wachsend wurde mein Leben durch meinen Sohn von der ersten Sekunde an unglaublich bereichert.

Im Vorhinein erahnen, was da genau auf mich zukommt, konnte ich nicht. Es gab sogar Zeiten in meinem Leben, da konnte ich mir nicht einmal vorstellen, ein eigenes Kind zu bekommen. Zeiten ändern sich bekanntlich, und im Laufe der Jahre ist vieles passiert, was mich hinsichtlich dieses Wunsches positiv beeinflusst hat – darunter schöne und weniger schöne Dinge. Schon tausendmal gehört, aber deshalb nicht weniger wahr: Stress hat auf ein solches Vorhaben keine förderliche Wirkung. Umso mehr habe ich mich gefreut, als ich in einer Phase des Umbruchs, in der sich allerhand zum Positiven gewendet hat, endlich schwanger wurde.

In den fast 40 Wochen, in denen ein neuer Erdenbürger in meinem Bauch heranreifte, fühlte ich mich prima. Von Beschwerden blieb ich weitgehend verschont. Bis auf gesteigerte Geruchsempfindlichkeit in der Anfangszeit, was bei meiner ohnehin schon sensiblen Nase in diversen Wegwerfaktionen von Kühlschrankinhalten resultierte, konnte ich keine über das Normalmaß hinausgehenden Wehwehchen verzeichnen – von einem meinem Perfektionismus geschuldeten, extrem ausgeprägten Nestbautrieb ganz abgesehen. Mit gelegentlich auftretendem Sodbrennen, hitzebedingten Wassereinlagerungen, mit dem Bauchumfang steigender Kurzatmigkeit und ähnlichem arrangierte ich mich. Beschweren wollte ich mich über diese normalen Veränderungen nie. Generell überwog stets die Vorfreude auf den kleinen Mitbewohner und ließ mich alle Ängste hintanstellen.

So viel wird heute über Schwangerschaft informiert, geschrieben und diskutiert, dass meiner Meinung nach sehr oft mehr Hysterie denn rationales Interesse beteiligt ist. Dem Internet und seinen sozialen Diskussionsplattformen sei Dank kann sich jeder allerorten als Experte aufführen, und die wirklichen Experten müssen mit entsprechender Mehrinformation dagegen halten, um Ihren Status zu verteidigen. Mir war stets klar, dass es Risiken gibt. Dennoch weigerte ich mich, mir ohne Anzeichen für Probleme den Kopf über diese zu zerbrechen. Dafür war mir die Zeit der Schwangerschaft zu kurz und zu kostbar. Teilweise fühlte ich mich regelrecht überinformiert, obwohl ich mich von Diskurs und Erfahrungsaustausch fernhielt. Gegen einen dieser im Volksmund salopp als „Hechelkurs“ titulierten Geburtsvorbereitungskurse entschied ich mich bewusst. Stattdessen ertüchtigte ich mich beim Yoga für Schwangere, bei dem ich in aller Ruhe Atemtechniken und andere Entspannungsübungen lernte.

Wie meine Hebamme sagte: „Wir kommen alle schon als Individuen auf die Welt.“ Darum sei keine Geburt wie die andere. Aus diesem Grund solle jede Frau am besten auf ihr Bauchgefühl hören und am Ende für sich entscheiden, wie sie sich auf dieses Ereignis vorbereitet. An diesen weisen Rat hielt ich mich und habe meinen Sohn schließlich spontan, relativ schnell, ohne PDA und mit Unterstützung durch homöopathische Medikamenten geboren. Über Sinn und Unsinn der Homöopathie will ich an dieser Stelle keine Debatte vom Zaun brechen. Ich persönlich habe bisher nur positive Erfahrungen damit gemacht, wenngleich ich von Natur aus sehr skeptisch bin. Außer Frage steht für mich hingegen die Wichtigkeit der Betreuung durch eine erfahrene Hebamme. Angesichts der aktuellen Kontroverse um deren Versicherung bleibt nur zu hoffen, dass diese Herausforderung nachhaltig gelöst wird. Ich hatte das Glück, eine der letzten Beleghebammen zu ergattern und empfinde einen durchgehenden Service für vor, während und nach der Geburt nach wie vor als die bestmögliche Variante. Was die Atemübungen anbelangt, scheint mir alles Training im Ernstfall sowieso größtenteils hinfällig und die Anleitung durch Menschen vor Ort viel wichtiger.

Illusionen machte ich mir zu keinem Zeitpunkt. Dass eine Geburt am Ende kein Spaziergang, sondern eine naturgewaltige Angelegenheit ist, war mir bewusst. Angesichts meiner durchaus nicht schmerzfreien Erfahrungen kann ich sagen, dass ich die meisten Horrorgeschichten über Wehen, Skalpell, Saugglocke, etc., denen ich mich trotz stoischer Ignoranz nicht entziehen konnte, zumindest in meinem Fall für übertrieben halte. Entgegen der landläufigen Meinung vergisst man zwar nicht, jedoch wiegt das wunderbare Endergebnis einfach alles auf. So konnte ich auf die vorsichtige Nachfrage meiner Hebamme, ob ich über die Geburt und darüber, dass es entgegen meines anfänglichen Wunschs doch keine Wannengeburt geworden ist, enttäuscht sei, mit einem klaren „Nein!“ antworten. Laut ihr gibt es etliche Frauen, deren romantische Vorstellungen und detailliert ausgearbeitete Geburtspläne bei Abweichungen von der Realität im Nachhinein zu großer Frustration führen. Dieses Aufmichzukommenlassen und das Herangehen mit gesundem Menschenverstand hat sich für mich eindeutig bewährt. Realitätsferne liegt mir einfach nicht.

Nun ist also alles neu, und obschon ich in diesen Wochen keine Abenteuer im Kino erlebe – weder mit den Transformers, noch den Guardians of the Galaxy oder Caesar und seiner Affenbande – ist mein Leben abenteuerlich genug. Immerhin bin ich für einen kleinen Menschen und dessen Wohlergehen verantwortlich und könnte mir keine bessere und erfüllendere Beschäftigung vorstellen. Das bedeutet gleichwohl nicht, dass mein Interesse an Filmen und TV-Serien gesunken ist. Wofür gibt es schließlich DVD und Blu-ray. Der erste Familienausflug in die Stadt führte mich bereits zum Comicshop, und auch das Videospielen werde ich nie sein lassen. Ich bin nach wie vor die Alte, selbst wenn ich mich nicht nur körperlich verändert fühle. Veränderungen gehören nun mal zum Leben. Das sehe ich an meinem Sohn, der jeden Tag völlig neue Erfahrungen für mich parat hält. In diesem Sinne blicke ich gespannt in die Zukunft und darauf, was mich in meiner neuen Funktion als Mama noch alles erwartet.

Extreme Ermittlungen

Was hat es bloß mit der neuerlich aufkeimenden Begeisterung von Autoren für Geweihe auf sich? Diese Frage stellte sich mir jüngst, nachdem der tierische Kopfschmuck bereits in der zweiten TV-Serie in Zusammenhang mit grausamen Morden einen Auftritt hatte. Ist die sich verstärkende Landlust des Publikums der Grund dafür? Oder besinnen sich die Schreiber wieder zurück auf die Natur, weil Hightech-Tötungsmethoden bereits genug beackert wurden? Ich weiß es nicht. Genau genommen ist es mir relativ egal. Die Hauptsache ist schließlich, dass das Endprodukt zu fesseln weiß. Dies trifft sowohl auf Hannibal, als auch auf True Detective zu, jene beiden Serien, in denen bei Mordopfern Gehörn präsentiert wird.

Neben dem Auftauchen eines Geweihs kann man, sofern man möchte, einige weitere Parallelen zwischen Hannibal und True Detective ziehen. Das bedeutet gleichzeitig nicht, dass sich hier jemand bei den Ideen des Anderen schamlos bedient hat. Zumindest habe ich diesen Eindruck nicht. Da ich die ersten Staffeln beider Serien in den vergangenen Wochen recht kurz hintereinander gesehen habe, drängt sich in meinem Kopf ein direkter Vergleich geradezu auf – selbst wenn mann aufgrund von genügend Unterschieden vielleicht nicht vergleichen sollte. An dieser Stelle sei erwähnt, dass von Hannibal mehr Folgen existieren, ich bisher jedoch nur die erste Staffel gesehen habe und damit lediglich diese in meine Überlegungen einbeziehen kann.

Der von Thomas Harris erdachten Kannibale Hannibal Lecter ist eine große und schillernde Figur der modernen Spannungsliteratur. Besonders der chronologisch letzte Teil der Tetralogie um den gebildeten Menschenfresser hat mich so sehr begeistert, dass er nach wie vor zu meinen Lieblingsbüchern zählt. Die Verfilmung von „Hannibal“ war indes in meinen Augen gelinde gesagt eine Katastrophe. Auch halte ich es für fraglich, ob sich der Autor einen Gefallen damit tat, 2006 mit „Hannibal Rising“ eine ziemlich verworrene Vorgeschichte zu präsentieren.
Genau hier setzt allerdings die TV-Serie an. Nicht ganz so früh wie das Buch, aber früher als der zuerst veröffentlichte Lecter-Roman „Roter Drache“. Da Hannibal ausdrücklich lediglich auf den Werken des Schriftstellers basiert, gibt es selbstredend etliche Unterschiede zur Vorlage. Dies wäre nicht weiters schlimm, würde die Welt von Hannibal Lecter hier und da nicht zu sehr verbogen. So verfügt FBI-Profiler und Gegenspieler Will Graham plötzlich über wundersame Fähigkeiten, die ihm beim Anblick eines Tatorts oder dem Anfassen einer Leiche derart viele Details verraten, dass er den Tathergang im Nu rekonstruieren kann. Mir persönlich erscheint er dadurch zu übermächtig. Ähnlich erging es mir mit der Figur des John Luther in der gleichnamigen BBC-Serie. Ich ließ mich an anderer Stelle darüber aus (Link zum Artikel). Glücklicherweise wurde jenes Problem bei Luther im Laufe der Serie geschickt gelöst und der Charakter schnell an seine Grenzen gebracht. Deshalb hoffe ich, dass es Will Graham in der zweiten Staffel ähnlich ergehen wird. Ich möchte als Zuschauer nämlich lieber gefordert werden, mitdenken und mich quasi als Ermittler im Hintergrund fühlen, als mir alles gemütlich vorkauen zu lassen. Sonst vergeht mir relativ schnell der Spaß.
Schauspielerisch gibt es an der Besetzung von Hannibal nichts auszusetzen. Der extrem wandelbare Mads Mikkelsen glänzt in der Rolle des als Psychiater arbeitenden Kannibalen, Hugh Dancy überzeugt als mit sich und seiner Arbeit hadernder Will Graham, und Laurence Fishburn mimt den pragmatischen Direktor der FBI-Verhaltensforschungseinheit routiniert.

Dass es bei der Geschichte um den Menschenfleich-Gourmet in Sachen Gewalt und Opferdarstellung nicht zimperlich zugehen darf, versteht sich von selbst. Die explizite Darstellung von Grausamkeiten ist aber nicht das Einzige, was Hannibal und True Detektive gemein haben. So gibt es in der von Autor Nix Pizzolatto geschriebenen und durchgehend unter der Regie von Cary Joji Fukunaga entstandenen TV-Serie ebenfalls einen äußerst begabten Ermittler. Dessen Fähigkeiten und Visionen sind hingegen stets rational erklärbar, wodurch er nicht dermaßen der Welt entrückt wirkt wie sein kannibalenjagender Kollege. Egal wie gut Rust Cohle seinen Job als Detective in Louisiana ausführt, es bleibt immer genug Raum für mich als Zuschauer zum Mitraten. Dabei ist es irrelevant, ob der von Matthew McConaughey überragend gespielte, schrullige und bis zur Schmerzgrenze realistische Mordermittler in ausnahmslos jeder Situation das letzte Wort hat. Mit seinem wesentlich naiveren Kollegen Marty Hart, kongenial gemimt von Woody Harrelson, ist er im Jahr 1995 auf der Suche nach einem Killer, der die Bayous unsicher macht.

Die Musikuntermalung spielt bei Hannibal wie bei True Detective eine wichtige Rolle, wobei sie bei ersterer Serie eher unterstützend wirkt, wohingegen die Story um die beiden ungleichen Partner in den Südstaaten erst durch den wuchtigen Soundtrack zum perfekten Gesamtkunstwerk vervollständigt wird. Selten hat mich ein Vorspann so beeindruckt, dass ich ihn mir bei jeder Folge komplett und ohne Vorspulen angesehen habe. Auch was die Erzähltechnik anbelangt kann True Detective punkten. Durch die faszinierende Verbindung von Szenen aus der Vergangenheit und solchen aus dem Jetzt, in denen die Protagonisten über ihre gemeinsamen Erlebnisse berichten, ist der Zuschauer ständig gefordert und die Präsentation bleibt so abwechslungsreich, wie es eine lineare Erzählung niemals sein kann. Selbstverständlich wird diese Art, die Story zu inszenieren dadurch begünstigt, dass man sich bei True Detective im Gegensatz zu Hannibal für ein Anthologieformat und keine Fortsetzungsgeschichte entschied. Dies birgt den großen Nachteil, dass die Abenteuer von Rust und Marty am Ende der insgesamt 8 Folgen abgeschlossen ist und es in der zweiten Staffel kein Wiedersehen mit den beiden exzellenten Schauspielern geben wird – egal wie sehr ich dies bedauere. Getreu dem Motto „aufhören wenn es am Schönsten ist“, kann man dies freilich gleichermaßen als Stärke auslegen.

True Detective ist erfrischend anders als alle bisher dagewesenen Krimiserien, wenngleich viele bekannte Klischees und Stereotype bemüht werden. Der einsame und mit seinen inneren Dämonen kämpfende Ermittler, der in seiner karg eingerichteten Wohnung nur auf einer Matratze schläft, der starrköpfige und leicht erregbare Chef, der seinen Mitarbeitern keinen Glauben schenkt und eine Menge verdächtig aussehende Hinterwäldler sind nur einige Beispiele. Es ist der Fokus auf zwischenmenschliche Beziehungen, der das aus all den bewährten Dingen angeordnete Muster neu erscheinen lässt. Kombiniert mit messerscharf ausgefeilten Dialogen, einer Kameraführung, die insbesondere in den wenigen Actionszenen (eine davon 6 Minuten am Stück gefilmt!) ihresgleichen sucht und einem recht gemächlichem Erzähltempo ist True Detective in meinen Augen ein absolutes Muss für jeden Fan von extremen Ermittlungen sowie spannungsgeladener Fernsehunterhaltung und rangiert in meiner persönlichen Liste der Lieblings-TV-Serien schon jetzt ganz weit oben.

Obwohl die Detectives aus Louisiana für mich im Vergleich des möglicherweise Unvergleichlichen die Nase klar vorn haben, halte ich auch Hannibal wie eingangs bereits erwähnt für eine sehenswerte, jedoch nach er ersten Staffel (noch) nicht überragende TV-Serie. Dennoch bin ich gespannt, wie es mit dem Kannibalen und seinem begabten Kontrahenten weitergeht, zumal ich gelesen habe, dass einige meiner Lieblingscharaktere aus oben erwähntem Buch einen Auftritt haben werden.

Für Interessenten verlinke ich als Abschluss zu den Produktseiten der DVD-Boxen der jeweils ersten Staffeln von True Detective und Hannibal auf Amazon.co.uk.

Schlagkräftige Antihelden

Wie bedeutsam ein Ende für das Gesamterlebnis einer Geschichte sein kann, darüber sinnierte ich bereits an anderer Stelle (Link zum Artikel). So ist es gerade bei TV-Serien entscheidend, die ihre Zuschauer über mehrere Jahre unterhalten und mit zunehmender Länge immer mehr Erwartungen wecken, einen würdigen Abschluss zu finden. Wie dieser letztendlich vom Publikum aufgenommen wird, kann vollkommen unterschiedlich sein. Ich erörterte dies für mich vor einiger Zeit an den Beispielen Breaking Bad und Dexter (Link zum Artikel). Eine weitere, meiner Meinung nach von Anfang bis Ende rundum gelungene TV-Serie ist The Shield (Link zu IMDB). Gedreht von 2002 bis 2008, hat die mittlerweile abgeschlossene Erzählung um ein Team von dank ihrer brutalen Vorgehensweise äußerst effektiv arbeitenden Cops in Los Angeles schon ein paar Jahre auf dem Buckel, jedoch nichts an Realitätsnähe und Brisanz eingebüßt.

Da meine bevorstehende Kinopause dank der Fußballweltmeisterschaft bereits früher begonnen hat, nutzte ich die Gelegenheit, um die restlichen Staffeln von The Shield nachzuholen, welche ich aus diversen Gründen nicht zeitnah nach ihrem Erscheinen konsumierte. Ein Vorhaben, das sich schon lange in meinem Kopf manifestiert hatte und dem ich schon eher hätte nachgehen sollen.

Besonders reizvoll ist The Shield weil die TV-Serie weitgehend ohne echte Sympathieträger auskommt. Durch geschickte Plottwists, sowie das stetige Weiterentwickeln der Charaktere über ihre Tätigkeiten im Polizeirevier hinaus, gelingt es den Machern, dass man als Zuschauer hin- und hergerissen ist und am Ende doch immer mit der falschen Partei mitfiebert. „Falsch“ bedeutet in diesem Fall, dass man sich auf die Seite derer schlägt, die gegen das Gesetz und gegen jede Regeln handeln. All jene, die versuchen, auf legalen Wegen für Recht und Ordnung zu sorgen und sich darum bemühen, den schlagkräftigen Antihelden das Handwerk zu legen, werden nur allzu schnell als entbehrlich empfunden. Dass ihre Arbeit eigentlich die richtigere und wichtigere ist, wird meist erst klar, wenn es bereits zu spät ist. So verbleibt im Nachhinein eine Menge Stoff zum Nachdenken.

Die fähige Besetzung trägt einen großen Teil zum Erfolg von The Shield bei, allen voran Michael Chiklis als Vic Mackey, Anführer einer speziellen Anti-Gang-Einheit, des sogenannten „Strike Teams“. Gemeinsam mit seinen Kollegen Shane Vendrell (Walton Goggins), Curtis Lemansky (Kenneth Johnson) und Ronnie Gardocki (Davis Rees Snell) geht er unerbittlich gegen die Verbrecher im Bezirk Farmington vor. Dabei nutzen die prügelnden und bestechenden Cops ihre Aktionen nicht selten, um sich selbst diverse Vorteile zu verschaffen. Ihre Verbindungen zur Unterwelt sind zahlreich und dicht verwoben, weshalb sie bei beinahe jedem Erfolg darauf achten müssen, die dunklen Aspekte von dessen Entstehung unter den Tisch zu kehren. Bedingt durch die hohe Kriminalität im Bezirk und die großen Ambitionen der Führungsetage sind echte Gutmenschen auf dem Polizeirevier ohnehin eine Rarität, was die Machenschaften des Strike Teams begünstigt. Probleme wie Mobbing sind deshalb an der Tagesordnung. In 88 Episoden geraten Vic und alle um ihn herum immer tiefer in einen Strudel der Gewalt, der ab einem gewissen Zeitpunkt nicht einmal mehr vor ihren Privatleben Halt macht. Je mehr jeder um sich selbst bemüht ist, desto gefährlicher wird das Spiel, welches sämtliche Teilnehmer unaufhaltsam zu Gegnern werden lässt und auf ein Ende zuführt, bei dem nur der Gerissenste und Skrupelloseste überleben kann. Mehr sei zur Geschichte an dieser Stelle nicht verraten.

Eine große Stärke von The Shield ist die Einbindung von wechselnden Schauspielgrößen im Gesamtverlauf der Serie. In Staffel 4 übernimmt Glenn Close als Monica Rawling die Leitung über das Polizeirevier. Der bisherige Captain David Aceveda (Benito Martinez) widmet sich derweil ehrgeizig seiner aufstrebenden politischen Karriere. Dieser Wechsel bringt genau an der richtigen Stelle frischen Wind in das Konzept. Später brilliert Forest Whitaker für eineinhalb Staffeln als Lieutenant John Kavanaugh, einem Mitarbeiter der Dienstaufsicht, der eine Untersuchung gegen das Strike Team führt und Vic und seinen Machenschaften dabei dicht auf den Versen ist. Der Oscar-Preisträger beweist auch in dieser Rolle einmal mehr sein unglaubliches Talent.

Mit Handkameras gefilmte Szenen versetzen den Zuschauer mitten ins Geschehen. Kompromisslose Action und knallharte Dialoge tun ihr Übriges, um The Shield zu einem Fernseherlebnis werden zu lassen, das auf Zartbesaitete keine Rücksicht nimmt.

Fans von Sons of Anarchy (Link zu IMDB) sei gesagt, dass Kurt Sutter – Schöpfer der Saga um die Motorrad-Gang – zuvor tatkräftig an The Shield mitgearbeitet hat und in einer Folge sogar sein Regie- und Schauspieldebüt gab. Da die Abenteuer der anarchischen Rocker zwar außerhalb von Los Angeles, aber dennoch quasi in derselben Gegend spielen, kann man darüber hinaus einige Parallelen (z.B. Gangs) entdecken und ein paar der Schauspieler tauchen in beiden Serien in unterschiedlichen Rollen auf.

Allen, die The Shield noch nicht gesehen haben und deren Interesse nun geweckt wurde, stehen verschiedene Möglichkeiten zur Verfügung, sich Vic Mackeys Streifzüge durch die Straßen von L.A. anzusehen. Die TV-Serie ist momentan im Angebot von Amazon Prime Instant Video enthalten – wahlweise sogar auf Deutsch oder Englisch. Trotz einer Altersfreigabe ab 18 Jahren für einzelne Folgen wurden einige Stellen für Deutschland nachweislich geschnitten. Wer Kürzungen ebenso kritisch gegenübersteht wie ich sollte deshalb zur DVD-Box mit sämtlichen Folgen aller 7 Staffeln greifen, die mittlerweile recht preisgünstig zu erwerben ist (Link zur Produktseite auf Amazon.co.uk).

Im Ghetto ist die Hölle los

Über Sinn und Unsinn von Remakes kann man sich streiten. Ich persönlich habe nicht grundsätzlich etwas dagegen, wenn ein bestehender Film, der schon einige Jahre auf dem Buckel hat, einen neuen Anstrich verpasst bekommt, oder wenn ein bewährtes Konzept noch einmal hervorgeholt und mit neuen Ideen angereichert wird. Einer Neuauflage von Luc Bessons Ghettoganz (Banlieue 13, Link zu IMDB) aus dem Jahre 2004 hätte es nur zehn Jahre später zugegebenermaßen (noch) nicht unbedingt bedurft. Für Regisseur Camille Delamarre und sogar für Schöpfer und Drehbuchautor Luc Besson ist dies offenbar kein Grund gewesen, von einem solchen Projekt Abstand zu nehmen. Ganz im Gegenteil tritt das französische Multitalent bei Brick Mansions sogar erneut als Produzent auf.

Viel Arbeit hatte Herr Besson mit diesem Remake sicherlich nicht, wurde die Geschichte doch beinahe komplett bloß von Paris nach Detroit verlegt. Einzig zum Ende hin gibt es spürbare Veränderungen – vielleicht weil RZA trotz seinem Part als Gangsterboss Tremaine Alexander auch ein bisschen den Helden spielen wollte. Der größte Saubermann des Films wird vom kürzlich verstorbenen Paul Walker verkörpert, der sich als Detective Damien Collier in den vom Rest der Stadt abgeriegelten Armenbezirk Brick Mansions wagt, um eine gefährliche Bombe zu entschärfen. Jene ist in die Hände der in dieser nahen, dystopischen Zukunft dort regierenden Verbrecher geraten. Dem fähigen Polizisten kommt diese Gelegenheit gerade Recht, hat doch Anführer Tremaine seinen Vater umgebracht. Bemerkenswert ist, dass die zweite Hauptrolle an die selbe Person vergeben wurde wie im Original. So spielt David Belle erneut einen agilen Ghettobewohner mit großen Ambitionen, der sich auf die Seite von Damien schlägt und ihn bei seiner Suche nach der Massenvernichtungswaffe unterstützt. Die beiden mischen den Stadtteil, in dem keinerlei Gesetze außer dem Recht des Stärkeren gelten und es weder Polizeischutz noch Schulen gibt, gründlich auf und im Nu ist im Ghetto die Hölle los.

David Belle ist einer der Mitbegründer der spektakulären Fortbewegungsart Parkour. Dass er einer der besten Läufer seiner Zunft ist, kann man unschwer erkennen. Die Szenen, in denen er behände die unmöglichsten Hindernisse des heruntergekommenen Brick Manisons überwindet, das seinem Namen alle Ehre macht, sind die besten des Films. Schade, dass man – vermutlich um Paul Walker als bekennendem Liebhaber schneller Autos entgegenzukommen – den Fokus nicht erneut vollständig auf wilde Verfolgungsjagden zu Fuß legte. Hinzu kommt der unglaubliche Wankelmut, welchen fast alle Figuren über die gesamte Handlung hinweg an den Tag legen. Ihre Haltung zueinander ändern sie bisweilen buchstäblich in Sekundenschnelle. Dieses Gebaren raubt der Geschichte einiges an Charme und lässt sie sehr konstruiert wirken – insbesondere zum raschen Ende des mit 90 Minuten relativ kurz geratenen Actionfilms hin.

Ist Brick Mansions also aufgrund seiner nicht wenigen Schwächen ein völlig misslungenes Werk? Nein.

Wenn man als Zuschauer gewillt ist, sein Hirn einen Gang herunter zu schalten, und rasante Action mag, auch wenn sie mit Dialogen im B-Movie-Style daherkommt, dann sollte man Brick Mansions ruhig eine Chance geben. Dank dem unablässig pumpenden Soundtrack von Trevor Morris und etlichen sehr gut choreografierten Kampfszenen, die nie ganz und gar realitätsfremd wirken, birgt der Film ausreichend Unterhaltungspotenzial, um nicht als Reinfall gesehen zu werden. Manchmal muss es für ein wenig filmische Kurzweil schließlich nicht der ganz große Wurf sein und es genügt, wenn sich jeder mit jedem auf amüsante Art prügelt. Die große Leinwand braucht Brick Mansions nicht notwendigerweise, um seine Wirkung zu entfalten. Interessierte können deshalb getrost auf die Veröffentlichung fürs Heimkino warten und sich stattdessen eine Kinokarte für einen der großen Sommerblockbuster gönnen.

Für eine Handvoll Lacher

Mit dem Countdown zum baldigen Ende meiner Schwangerschaft läuft für mich gleichzeitig die verbleibende Restzeit bis zu einer voraussichtlich längeren Kinopause ab. Der Inhalt dieses Blogs wird deshalb sicherlich alleine aus diesem Grund in Zukunft wieder weniger eintöniger Natur sein. Ein paar Wochen verbleiben jedoch noch, und so nutzte ich die Gelegenheit, um mir Seth MacFarlanes neue Komödie anzusehen.

Mit dem sprechenden Plüschbären namens Ted (Link zu IMDB) gelang dem vielbegabten und in Hollywood äußerst umtriebigen Regisseur und Drehbuchautor vor zwei Jahren die Erschaffung einer echten Kultfigur. Kein Wunder, dass das sehr erwachsen agierende Spielzeug in absehbarer Zeit in einer Fortsetzung auf die große Leinwand zurückkehren wird. Zwischenzeitlich hat sich Seth MacFarlane ein gänzlich anderes Thema vorgenommen und möchte mit A Million Ways to Die in the West erneut einen Angriff auf die Lachmuskeln der Kinozuschauer starten. Leider vermag der Film die in den durchaus witzigen Trailern geschürten Erwartungen nicht zu erfüllen.

A Million Ways to Die in the West spielt, wie der Titel verrät, im Wilden Westen Amerikas, zur Zeit von Cowboys und Indianern. Als der Schaffarmer Albert (Seth MacFarlane) von seiner Freundin Louise (Amanda Seyfried) verlassen wird, bricht für ihn eine Welt zusammen. Alle Versuche, die Angebetete umzustimmen, versagen und treiben diese noch mehr in die Arme des reichen Schnurrbartfachgeschäftbesitzers Foy (Neil Patrick Harris). Nur sein bester Freund Edward (Giovanni Ribisi) hält Albert vorerst von der Flucht aus der staubigen Präriestadt Old Stump ab. Der schicksalsgeplagte Farmer hasst den Wilden Westen und wird derweil nicht müde über die millionenfachen Möglichkeiten zu referieren, in diesen gefährlichen Zeiten schnell und unerwartet den Tod zu finden. Eines Tages naht für den mittel- und erfolglosen Wollproduzenten mit dem losen Mundwerk Rettung in Form der schönen Anna (Charlize Theron). Die blonde Frau auf der Suche nach Abwechslung kann unglaublich schnell mit dem Revolver umgehen und willigt beherzt ein, Albert dabei zu helfen, Louise zu beweisen, dass sie einen schweren Fehler begangen hat. Dass Anna in Wirklichkeit die Frau von Clinch, dem schlimmsten Banditen in der Gegend, ist, ahnt der Schaffarmer selbstverständlich nicht.

Was als durchaus amüsantes Abenteuer mit schrulligen Charakteren und viel Liebe zu Details und Klischees beginnt, wandelt sich im Laufe von insgesamt 116 Minuten rasch zu einem repetitiven Abarbeiten immer gleicher Gags. Dabei driftet A Million Ways to Die in the West immer weiter von seinem Titelthema ab. Die Anzahl der eingestreuten Szenen, in denen jemand – als Beweis für Alberts ständiges Lamentieren über die katastrophalen Zustände in Old Stump und die mannigfaltigen Sicherheitsrisiken – plötzlich, brutal und auf aberwitzige Weise stirbt, ist relativ gering. Zusätzlich wurden nahezu alle bereits in den Vorschauen verraten. Die verbleibenden guten Ideen, wie die von dem frommen Freudenmädchen Ruth (Sarah Silverman), das im Saloon hart arbeitet und gleichzeitig ihrem Freund die körperliche Liebe vor der Hochzeit verwehrt, sind rar, werden schier unendlich wiederholt und bis ins Letzte ausgeschlachtet. Was bleibt ist primitiver Pennäler-Humor, der anhaltend und heftig unter die Gürtellinie zielt. Das Versagen dieses Konzepts hat nichts mit dem individuellen Maß an Prüderie zu tun. Das Problem von Witzen über männliche und weibliche Körperteile sowie menschliche Körpersekrete ist, dass es bei ihnen extrem auf die Dosierung ankommt. Bei Dauerbeschallung stumpfen die Zuschauer – ganz unabhängig von ihrer Schmerzgrenze – schnell ab. Wo Ted den Spagat zwischen derbem Humor und charmanten Scherzen mühelos schaffte, versagt A Million Ways to Die in the West schlichtweg.

Am wenigsten können die Schauspieler dafür, dass die storytechnisch sehr bemüht wirkende Westernkomödie nicht zünden will. Die namhafte Besetzung gibt ihr Bestes und zeigt durchweg erstaunlich wenig Angst vor der Lächerlichkeit. Es wird geprügelt, geschossen, gesungen und getanzt – ganz wie es sich für den Wilden Westen gehört. Bloß kann das Schnurrbartlied einfach nicht mit dem Donnersong mithalten und auch die paar durchaus gelungenen, direkten Anspielungen auf andere Filme können das Blatt nicht wenden. Es ist auch nicht so, dass A Million Ways to Die in the West überhaupt keine lustigen Momente enthält. Nur sind es eben nicht genug. Für eine Handvoll Lacher rentiert sich der Preis für die Kinokarte in Anbetracht des derzeit vorherrschenden Überangebots an Blockbustern nicht.

Bleibt nur zu hoffen, dass Seth MacFarlane bei Ted 2 wieder ein besseres Händchen für den richtigen Mix an verschiedenartigen Gags beweisen wird.  Liebhaber von schrägem Klamauk gedulden sich, bis die Farrelly-Brüder Jim Carrey und Jeff Daniels in Dumb and Dumber To (Link zu IMDB) Anfang kommenden Jahres wieder als Lloyd und Harry loslassen.

König der Monster

Von Zeit zu Zeit entdeckt Hollywood den Reiz und den Charme von Monsterfilmen für sich neu. In Japan haben Riesenungeheuer (jap. Kajiū) hingegen eine lange Tradition und immer Saison. Das wohl berühmteste von ihnen ist Godzilla (jap. Gojira). Seit seiner Schöpfung vor 60 Jahren erfreut sich der König der Monster auch außerhalb Japans extremer Beliebtheit. Sogar ein Stern auf dem Walk of Fame wurde ihm bereits gewidmet. Im Jahre der Zeit hat die gigantische, aufrecht gehende Echse allerlei Nachahmer und Verehrer auf den Plan gerufen. 1998 versuchte sich Roland Emmerich am ersten, außerhalb Japans produzierten Godzilla-Film. Visuell zwar zum Erscheinungstermin auf dem neuesten Stand und mit allerlei Szenen ausgestattet, in denen der Regisseur seiner Leidenschaft für die imposant arrangierte Zerstörungswut freien Lauf ließ, fand das modernisierte Aussehen von Godzilla nicht überall Anklang, vornehmlich bei den eingefleischten Fans des Klassikers. Einen gänzlich anderen Ansatz wählte jüngst Guillermo del Toro, der sich mit seinem Actionspektakel Pacific Rim tief vor dem gesamten Kaiju-Genre verneigte. (Links in diesem Absatz zu IMDB.)

Zurück zu den Wurzeln. So lautet das Motto von Gareth Edwards, dem Inszenator von Godzillas neuestem Leinwandabenteuer. Seine große Liebe zum Original ist dabei von der ersten bis zur letzten Sekunde deutlich erkennbar und offenbart sich nicht nur im Monsterdesign. Die mit viel Ruhe erzählte Geschichte von Godzilla kommt mit wenigen Hauptcharakteren aus. Besonders Bryan Cranston brilliert einmal mehr mit seinem schier unerschöpflichen, schauspielerischen Talent. Wenngleich sein Auftritt verhältnismäßig kurz ist, mimt er den Familienvater Joe Brody, der sich auf einer verzweifelten Suche nach der Wahrheit befindet, mit extremer Eindringlichkeit und macht dessen Hysterie und Angst spürbar. Aaron Taylor-Johnson gibt sich als sein Sohn, Ford Brody, redlich Mühe, lässt als Charakterdarsteller allerdings einige Schwächen erkennen, vor allem in der Interpretation unterschiedlicher Gefühlsregungen. Sehr routiniert spielt Ken Watanabe seinen Part als Wissenschaftler und Godzilla-Experte Dr. Ichiro Serizawa. Dass er nicht mehr von seinem Talent zeigen kann, liegt nicht an ihm, sondern in der Konzentration des Films auf die Konsequenzen für die Masse und nicht für den Einzelnen.

Es gibt einiges, was Godzilla nicht ist. Dieses Werk ist kein Monsterfilm im eigentlichen Sinne. Es entpuppt sich vielmehr als waschechter Katastrophenfilm, garniert mit Riesenungeheuern. Diese überdimensionierten Launen der Natur setzen auf ihrem Weg zum alles entscheidenden Endkampf folgenschwere Ereignisse in Gang, welche verheerende Auswirkungen für die Menschheit haben. Dabei werden sie nicht einmal als absolut böse und niederträchtig dargestellt. Sie folgen einfach ihren Instinkten. Die zum Zuschauen gezwungenen Menschen können nichts weiter tun, als fieberhaft nach Mitteln zu suchen, um möglichst viele Exemplare der eigenen Art rechtzeitig in Sicherheit zu bringen und vor der unabwendbaren, ultimativen Zerstörung zu retten. Der Ansatz, die Motivation der Monster nicht als intrinsisch offensiv abzustempeln, ist ein erfrischender Gegensatz zu den sonst so oft genutzten Schwarz-Weiß-Mustern. Endlich darf der Zuschauer wieder Verständnis für alle Seiten aufbringen und sich mit dem sich daraus ergebenden Gewissenskonflikt auseinandersetzen. Wie im Original stehen die Ungeheuer darüber hinaus für wesentlich mehr als für allein wegen ihrer Größe zerstörerische Kolosse. Eine Menge Anspielungen auf reale Katastrophen der letzten Jahre und nicht nur unterschwellig integrierte Atomkraft-Kritik veranschaulichen die mutige Botschaft, dass die Menschheit zur Selbstüberschätzung neigt und niemals die vollständige Herrschaft über die Natur erlangen wird. An intensiven, düsteren und nachdenklichen Momenten mangelt es dem Film daher nicht.

Godzilla ist außerdem kein Non-Stop-Actionfeuerwerk. Der Weg ist das Ziel. So werden die monströsen Kombattanten von der Handlung die meiste Zeit über auf ihrer Reise zum endgültigen Treffpunkt begleitet. Verglichen mit Pacific Rim bietet Godzilla deshalb wenig „echte“ Monsteraction. Die finale Schlacht ist quasi als Sahnehäubchen auf beeindruckenden Katastrophenszenen zu sehen. Entsprechend spärlich ist der Anteil der Spielzeit von etwas mehr als zwei Stunden, welche auf den König der Monster selbst entfällt. Dafür orientiert sich sein Erscheinungsbild wieder eindeutig mehr an dem seines japanischen Urahnen als in Roland Emmerichs Film. Fans freuen sich außerdem über sein wirklich gelungenes und majestätisch anmutendes Gebrüll. Über das eigenwillige Design des Gegenparts kann man streiten. Um die Handlung und deren Inhalte in den Vordergrund zu rücken, wählten die Macher offenbar absichtlich keinen bekannten Godzilla-Gegner, sondern erfanden ein neues Kaiju. Hier haben Guillermo del Toro und sein Team bessere Arbeit geleistet, als sie die Feinde für die Jaeger in Pacific Rim entwarfen. Nichtsdestotrotz wirkt der sogenannte M.U.T.O. (massiver unbekannter terrestrischer Organismus) bedrohlich und ernstzunehmend genug, um zum Schluss einen würdigen Kontrahenten für Godzilla abzugeben.

Trotz aller Kritikpunkte ist Godzilla ein sehr gelungener Neustart für den Monsterkönig. In beeindruckenden Bildern und mit viel Gefühl erzählt, mit einem bombastischen Soundtrack hinterlegt und nahe am Erbe des Originals hat Gareth Edwards ein monumentales Abenteuer geschaffen, das seine Wirkung im dunklen Kinosaal und auf der großen Leinwand vollständig zu entfalten vermag.